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Rostock Rostocks Wissensspeicher feiert Geburtstag
Mecklenburg Rostock Rostocks Wissensspeicher feiert Geburtstag
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17:31 12.07.2019
Der ehemalige Generaldirektor der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek, Thomas Bürger (v. l.), Rostocks Bibliotheksdirektor Robert Zepf und Uni-Rektor Wolfgang Schareck blättern in der Festschrift zum 450-jährigen Bestehen der Universitätsbibliothek Rostock. Quelle: OVE ARSCHOLL
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Rostock

Sie ist 450 Jahre alt und so begehrt wie nie zuvor: Die Universitätsbibliothek Rostock feiert am Sonnabend das Jubiläum ihres Gründungstages. „Das heutige Büro des Rektors war früher einmal der Lesesaal. Damals gab es aber auch nur rund 200 Studenten“, erzählt Bibliotheksleiter Robert Zepf von den Anfängen.

Dort, wo einst alles begann, war die Bibliothek auch lange zuhause: „Wir sind den größten Teil der Zeit um den Uniplatz gekreist. Deshalb haben wir auch das einzige Universitätsgebäude Deutschlands, an dem die Bibliotheksleiter außen an der Wand verewigt sind“, sagt Zepf, der seit neun Jahren der Bibliothek vorsteht, aber im September nach Hamburg wechselt.

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Offen für alle Nutzer – und das weltweit

Mit der Eröffnung des Neubaus in der Südstadt verlagerte sich 2004 erstmals der örtliche Schwerpunkt. Der Umzug war dringend nötig. Schließlich hat die Bibliothek aktuell rund 25 000 Nutzer, von denen durchschnittlich 2000 pro Tag persönlich vorbeikommen. Der Bestand weist heute mehr als 2,2 Millionen Bücher und Zeitschriftenbände aus. Pro Jahr würden rund 800 000 Entleihungen registriert.

„Offenheit gilt als Schlagwort für unsere Bibliothek gleich mehrfach: weil sie an sieben Tagen der Woche bis 24 Uhr zur Verfügung steht. Und das nicht nur Universitätsangehörigen, sondern allen Interessenten – ob aus Rostock, dem Land oder digital aus aller Welt“, lobte Prof. Wolfgang Schareck.

„Das ist vor allem eine Herausforderung für die Mitarbeiter“, sagt Zepf. Die älteren seiner Kollegen hätten Bestand und Entleihungen noch mit Schreibmaschine und Karteikarten organisiert. „Im Prinzip haben sie seitdem alle fünf Jahre ihren Beruf ganz neu erlernen müssen“, sagt der 51-Jährige mit Blick auf den Wandel der Technik, der auch vor der Bibliothek nicht halt macht.

Digitalisierung gehört zum Alltag

Die Digitalisierung gehört für die Bewahrer des historischen Wissens zum Tagesgeschäft. „Von unserem Erwerbungsetat, der pro Jahr rund vier Millionen Euro beträgt, geben wir bereits 75 Prozent für elektronische Ressourcen aus“, sagt Zepf. Die Gesamtsumme für die Anschaffung neuer Bestände „klingt zwar enorm und drückt auch die Wertschätzung des Landes für die Universität aus“, sei aber mit Blick auf die damit abzudeckenden neun Fakultäten und zahlreichen Studiengänge nicht mehr ganz so üppig. „Wir erhalten zwar jährlich eine anderthalbprozentige Steigerung, können für das Mehr an Geld aber dennoch immer weniger kaufen, weil die Preise um durchschnittlich vier bis fünf Prozent steigen“, erklärt der Bibliotheksleiter.

Die älteste Hochschulbibliothek des Nordens

Am 13. Juli 1569 beschloss das Konzil der Rostocker Universität, der Philosophischen Fakultät einen Raum zur Einrichtung einer Bibliothek zur Verfügung zu stellen – im damaligen Hauptgebäude am Universitätsplatz. Der Dekan der Fakultät, Latein- und Poetikprofessor Nathan Chyträus, spendete das erste Buch aus seiner Sammlung: eine griechische Gesamtausgabe der Werke Platons aus dem Jahr 1556. Die Dokumente des Beschlusses und die allermeisten der ersten Bücher sind bis heute im Universitätsarchiv erhalten. Die Universitätsbibliothek Rostock ist damit die älteste Hochschulbibliothek Norddeutschlands.

Mehr zur Geschichte steht in der rund 150-seitigen Festschrift. Diese kann gegen eine Spende von 10 Euro an der Ausleihtheke der Campusbibliothek Südstadt und in der Abteilung Sondersammlungen im Michaeliskloster erworben werden.

Zepf muss aber nicht nur mit dem Geld rechnen, sondern auch mit dem Personal. „Obwohl wir in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der Nutzer um das zweieinhalbfache steigern konnten, wurde in der gleichen Zeit die Zahl der Mitarbeiter um ein Drittel reduziert – auf aktuell 90 Vollzeitstellen“, bilanziert er. Nicht nur deshalb sei der lang ersehnte und jetzt geplante Neubau der Universitätsbibliothek auf dem Campus Ulmenstraße von enormer Bedeutung. „Große Gebäude sind wirtschaftlicher zu betreiben“, sagt Zepf, der aktuell elf Standorte zu verwalten hat.

Historischer Bestand bewahrt echte Schätze

Und dort lagern echte Schätze, „die auch gut zum Weltkulturerbe zählen könnten“, sagt Zepf voller Stolz. Dazu gehöre der große Rostocker Atlas, „aber auch kleine Schriften, die vom Quellenwert her bedeutend sind“ – wie das Rostocker Liederbuch, das großen Wert für die Niederdeutschforschung hätte. „Und wir haben einen kleinen Zettel, der jeden Amerikaner in Verzückung versetzt: Einen Schuldschein, der von Christoph Kolumbus unterschrieben wurde“, ergänzt Schareck.

Eine Herausforderung, mit der sowohl Studenten als auch die Verantwortlichen der Bibliothek umgehen müssten, sei die steigende Zahl an Publikationen. „Vor 30 Jahren stand man vor den zwei Regalen der Institutsbibliothek und wusste: An mehr Informationen komme ich nicht ran. Heute hat jeder das ganze Netz zur Verfügung“, sagt Zepf.

Umso wichtiger sei es, junge Menschen an den Umgang mit der Bibliothek heranzuführen. „Wissenschaftliche Literatur ist in digitaler Form auch kein Selbstläufer. Man muss verstehen, wie solche Datenbanken funktionieren. Es reicht nicht, Instagram zu können und zu denken, dann kann ich alles im Netz.“ Die Universitätsbibliothek plane deshalb, kurze Erklärfilme zu wichtigen Inhalten zu produzieren.

Bibliothek wird Lern- und Lebensort

Heutzutage sei die Bibliothek „nicht nur Bücherspeicher, sondern immer mehr auch Lern- und Lebensort“, sagt Zapf. Schließlich würden die Nutzer im Schnitt vier bis sechs Stunden bleiben und nicht nur still lesen, sondern auch in Gruppen Wissen austauschen wollen. „Dem muss und wird auch der Neubau Rechnung tragen“, freut sich der Einrichtungsleiter.

Er äußerte zum Jubiläum auch noch einen Wunsch. Und der betrifft vor allem die wertvollen historischen Bestände: „Säurefraß zerstört das Papier und wir haben tägliche Verluste. Unsere Ressourcen reichen aber allein nicht aus, den Bestand zu sichern“, so Zepf. Der Bund hätte zwar ein Millionenprogramm zum Erhalt auf den Weg gebracht – das aber brauche eine Co-Finanzierung durch das Land. „Ich hoffe, dass das Land uns dabei hilft, einen angemessenen Teil dieser Mittel in den Nordosten zu holen“, formulierte der scheidende Bibliotheksleiter einen Wunsch, der seinen Nachfolgern die Arbeit erleichtern könnte.

Claudia Labude-Gericke

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