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Rostock Jüdisches Theater Mechaje gastiert in der Ukraine
Mecklenburg Rostock Jüdisches Theater Mechaje gastiert in der Ukraine
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07:31 04.03.2015
Marina Beitman und Michail Beitman-Korchagin in dem Stück „Schalom, Sidi!“.
Marina Beitman und Michail Beitman-Korchagin in dem Stück „Schalom, Sidi!“. Quelle: Mechaje
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Rostock

„Nein, wir haben keine Angst“, sagt Michail Beitman-Korchagin. Marina Beitman, seine Frau, schaut ihn skeptisch lächelnd von der Seite an. Na ja, gar keine Angst, das wäre vielleicht doch übertrieben. Aber fest entschlossen sind sie jedenfalls, diese Reise in die Ukraine anzutreten.

Als Hauptakteure des jüdischen Theaters „Mechaje“ sind beide Schauspieler in Rostock aktiv und mit Gastspielen bundesweit bekannt geworden. Nun wollen sie ihre jüngste Inszenierung „Schalom, Sidi!“ in Tschernowitz zeigen. Das Stück handelt von der prominenten jüdischen Sängerin Sidi Tal (1912-1983), die bürgerlich Sorele Birkental hieß und aus Tschernowitz stammte. Auch beide Schauspieler stammen aus Tschernowitz: Vor fast 20 Jahren kamen Marina und Michail Beitman-Korchagin von dort nach Rostock, um hier als Juden in Deutschland ein neues Leben zu finden.

Tschernowitz, die traditionelle Hauptstadt der Bukowina, gehörte jahrhundertelang zu Rumänien und Österreich-Ungarn, dann im 20. Jahrhundert in schnellem Wechsel mal zur einen, dann zur anderen Macht, wurde während des Zweiten Weltkriegs durch die Rote Armee befreit und ist seither ukrainisch. Die Stadt (rund 240.000 Einwohner) liegt eher im Westen der Ukraine, weit entfernt von den umkämpften Gebieten im Osten. Wegen des Bürgerkrieges und des bisher noch fragilen Waffenstillstandes dort seien sie sehr besorgt, sagt Mechaje-Chef Michail Beitman-Korchagin. „Das sind zwei Völker, die vorher in bester Eintracht gelebt haben. Deshalb hoffen wir sehr auf einen friedlichen Ausgang des Konflikts." Ihr Gastspiel sehen sie, analog zu den hoch angesehenen Friedensbemühungen der Bundesregierung, auch als kleine Friedensinitiative an.

Aber so klein wird die gar nicht. Wenn Mechaje am 21. Mai auf Einladung der Stadt Tschernowitz dort spielt, dann treten die Rostocker im Haus des ehemaligen Jüdischen Theaters der Stadt auf. Ein Saal mit 450 Plätzen, schwärmt Beitman-Korchagin, der künde noch heute vom reichen Kulturleben der einstmals größten jüdischen Gemeinde der Ukraine. Weltbekannte Autoren wie Paul Celan oder Rose Ausländer stammen von dort.

Mechajes Stück, das sie im Dezember in Rostock zunächst in russischer Sprache uraufgeführt hatten und diesen Herbst auch auf Deutsch in der Hansestadt spielen wollen, erzählt auch Tschernowitzer Geschichte: wie die Schauspielerin und Sängerin Sidi Tal die Wirren und antisemitischen Zeiten unter verschiedenen Regimes überstand und doch berühmt wurde.

Wird das Ukraine-Gastspiel ein Höhepunkt des Jahres, so steht der kulturelle Alltag des Ensembles Mechaje hierzulande das ganze Jahr im Zeichen des 70. Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Die eigene Schauspiel-Collage „Splitter der Reichskristallnacht“ steht im April und Juni auf dem Programm. Eigene Programme wie „Jüdischer Markt“ und Klezmer-Gastspiele künden auf der kleinen Brettl-Bühne in der Rostocker Langen Straße in jüdischen Liedern und Texten von Witz und Lebensweisheit. Neu ist eine Vortragsreihe über jüdisches Leben in Rostock und Mecklenburg-Vorpommern.

In deutscher Sprache präsentiert „Mechaje“ zudem im Herbst das Familienstück „Ein Teufel is(s)t nicht koscher“ nach einem Volksmärchen. Vielsprachig und bunt wird’s dagegen in der musikalischen Revue „Ein Volk – viele Sprachen“, in der das Publikum in vielen klingenden Beispielen die jüdischen Sprachen Hebräisch, Iwrit, Ladino und Jiddisch kennenlernt.



Dietrich Pätzold