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Rostock Kegelsportlern fehlt der Nachwuchs
Mecklenburg Rostock Kegelsportlern fehlt der Nachwuchs
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07:35 24.01.2018
Niklas Tamm kegelt jeden Freitag in der Halle in Lütten Klein, gemeinsam mit sieben weiteren Jugendlichen. Vorher hatte er Fußball gespielt – beim Kegeln sei das Gemeinschaftsgefühl aber größer, sagt der 17-Jährige. Quelle: Foto: Dana Frohbös
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Rostock

Niklas Tamm nimmt leichten Anlauf und geht in die Knie. Als er die Kugel loslässt, presst er seine Lippen zusammen. Acht der neun Kegel fallen um – ein guter Wurf. Vor etwa fünf Jahren kam der 17-Jährige zum Kegelsport – vorher hatte er Fußball gespielt.

Erst im letzten Jahr haben wir drei junge Leute verloren. Geht einer, dann gehen oft weitere mit. Ray Könnecke (34), Jugendtrainer

„Beim Kegeln ist das Mannschaftsgefühl einfach viel stärker“, sagt er. Nun steht der deutsche Team-Meister von 2016 jeden Freitag gemeinsam mit sieben weiteren Jugendlichen und Erwachsenen auf den Bahnen im Bohle+Bowling Center in Lütten Klein und übt den perfekten Wurf. Mit ihrem Hobby gehört die junge Truppe der SG Empor Rostock zu einer Minderheit in der Hansestadt. Denn der Kegelsport verliert immer mehr Anhänger. „In den letzten 15 Jahren haben wir 40 Prozent unserer Mitglieder verloren“, sagt Klaus Kulla, Geschäftsführer des Sportkeglerverbands Mecklenburg-Vorpommern.

Viele Gr

ünde für Rückgang der Mitgliederzahlen

Gründe für das schwindende Interesse sind nur schwer auszumachen. Kegeln sei zwar keine Trendsportart, so Kulla, aber das könne nicht der einzige Grund für den Mitgliederschwund sein. Eine Rolle spiele, dass es dem Kegelsport an öffentlichem Interesse fehle. „Zudem liegt der Rückgang aber auch an der veränderten Berufswelt“ meint der 63-Jährige. Der Sonnabend sei immer mehr zum Arbeitstag geworden. „Früher ist die Mannschaft zusammen mit einem Transporter zum Wettkampf gefahren. Heute fahren wir mit sieben Mann und acht Autos, weil einige vorher noch arbeiten müssen“, sagt Kulla. Vor allem aber werden die Kegler immer älter. Es fehle einfach an Nachwuchs.

Nachwuchs-Probleme auch in Rostock

Genau diese Probleme gibt es auch in Rostock. Die Mitgliederzahlen der Kegelabteilung im SG Empor Rostock seien zwar relativ stabil, doch der Altersdurchschnitt sei stark gestiegen, so Abteilungsleiter Bernd Grüllich. Das größte Problem sei der kaum vorhandene Nachwuchs. „Die Jugendlichen machen Musik, Taekwondo – und dann müssen sie auch noch für die Schule lernen“, sagt der 74-Jährige. Da bliebe dann kaum noch Zeit für weitere Hobbys. Oft seien es auch die Eltern, die ihre Kinder wieder in den Vereinen abmelden, weil sie Angst hätten, dass die Kinder in der Schule nicht mehr mitkommen, sagt Grüllich. Er kegelt schon seit 1972. „Ich bin bei der Armee zum Kegeln gekommen.“

Jugendliche brauchen Motivation

Motivation sei daher das wichtigste, auch bei den Eltern, sagt Jugendtrainer Ray Könnecke. „Die Technik – also Anlauf, Abwurf, Stand – kommen dann später“. Um seine Jugendlichen bei der Stange zu halten, baut er auch viel Spaßspiele ins Training mit ein. „Wir spielen dann auch mal Ballonfahrt oder machen Sargkegeln“, sagt er. Zudem nimmt er die A-Jugend auch mal mit zum Männertraining. „Dann merken sie, dass sie uns wichtig sind und sie können mal bei den Erwachsenen reinschnuppern“, sagt der 38-Jährige. Von allein kommen kaum Interessierte auf den Verein zu. „Meist ist es der Vater, der seinen Sohn mal mitbringt. Und der bringt dann wieder einen Kumpel mit“, sagt Könnicke. Um die Zukunft des Kegelsports macht er sich in letzter Zeit häufig Gedanken. „Man hat irgendwie schon Angst davor. Wenn die Jugendlichen 18 werden, dann verlassen sie für Ausbildung oder Studium die Stadt und hören mit dem Sport auf.“ Erst im vergangenen Jahr hätten gleich drei junge Leute den Verein verlassen.

Freizeitverhalten ändert sich

Nicht nur der Kegelsport hat Nachwuchsprobleme. Viele weitere Sportarten haben Probleme, junge Leute zu gewinnen. „Es gibt offensichtlich einen Trend, weg vom Vereinssport. Heutzutage bestimmen vor allem Medien den Alltag der Jugendlichen“, sagt Freizeitforscher Professor Dr. Ulrich Reinhardt. Ein Problem sei, dass die Vereinsaktivitäten häufig aufs Wochenende konzentriert sind und „da ja noch 87 andere Termine anstehen“. Ganz abschreiben will der wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg die Vereinssportarten aber nicht. „Auf lange Sicht werden solche Aktivitäten eine Renaissance erleben“, betont er, denn sie förderten die Gemeinschaft. Außerdem habe die Sportart Kegeln zahlreiche Vorteile. „Es kommt nicht auf Körpergröße und Gewicht an, man muss nicht besonders groß sein und braucht auch nicht die Ausdauer eines Marathonläufers“, sagt Kulla.

Vorteile sieht auch Grüllich. „Man ist immer im Trockenen und bekommt auch keine blauen Flecken“. Nachwuchs-Kegelsportler Niklas Tamm jedenfalls wird weiter dranbleiben. Sein Ziel für dieses Jahr:

die Teilnahme an der deutschen Meisterschaft. Aber auch für die weitere Zukunft hofft er, weiterhin Kegeln zu können. Inwieweit das möglich sein wird, kann der 17-Jährige noch nicht sagen. „Ich muss erst mal mein Abitur machen, und dann sehen wir weiter.“

Kegeln in Zahlen

70 Prozent seiner Mitglieder hat der Deutsche Kegler- und Bowlingbund in den vergangenen 15 Jahren verloren. Aber auch andere deutsche Sportbünde stellen einen Abwärtstrend fest, etwa in Sportarten wie Handball oder der Kampftechnik Karate.

Sehr stark hingegen wächst das

Interesse am American Football.

Hier hat sich die Mitgliederzahl in den vergangenen 15 Jahren verdreifacht. Auch in Mecklenburg-Vorpommern verzeichnen Football-Vereine großen Zulauf.

Dana Frohbös

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