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Rostock Rostocks Hafen bald nicht mehr Nummer eins?
Mecklenburg Rostock Rostocks Hafen bald nicht mehr Nummer eins?
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11:12 11.12.2018
Die Rostocker Reederei Aida zählt zu den wichtigsten Kunden des Kreuzfahrthafens in Warnemünde – läuft aber Kiel und Hamburg deutlich häufiger an.
Die Rostocker Reederei Aida zählt zu den wichtigsten Kunden des Kreuzfahrthafens in Warnemünde – läuft aber Kiel und Hamburg deutlich häufiger an. Quelle: Andreas Meyer
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Rostock

Noch ist Rostock die Nummer eins. Mit 208 Anläufen werden Warnemünde und der Seehafen bis Jahresende sogar einen neuen Rekord im Kreuzfahrtgeschäft aufstellen. Kein deutscher Hafen war häufiger Ziel der Luxusliner. Aber: Den Spitzenplatz könnte die Hansestadt schon bald verlieren. Denn die Konkurrenz rüstet auf – und hat zudem auch noch „natürliche“ Vorteil: Vor allem Kiel schickt sich an, den Rostockern bald den Rang abzulaufen. Selbst die Rostocker Heimat-Reederei Aida Cruises schickt ihre größten Schiffe an die Förde statt an die Warnow.

Kiel investiert schneller

In Schleswig-Holstein hat das Geschäft mit den Schiffsreisenden höchste Priorität: Erst Ende 2017 ließen CDU, SPD, Grüne, FDP und SSW das Thema „Kreuzfahrten“ explizit ins Tourismuskonzept des Landes aufnehmen. Das Pendant-Papier in MV verliert nicht ein Wort über die Schiffe. Allen voran die Hauptstadt des Nachbarlandes gibt Vollgas in puncto Luxusliner: In Kiel wurde erst vor wenigen Tagen der Baustart für ein neues, ein zweites reines Kreuzfahrt-Terminal gefeiert. Bis zur neuen Saison soll der Neun-Millionen-Euro-Bau am Ostseekai fertig sein, sagt Ulf Jahnke, Sprecher des Hafenbetreibers Port of Kiel. Schon jetzt verfügt Kiel über insgesamt fünf Terminal-Liegeplätze, an denen Urlaubsschiffe abgefertigt werden können. „Ein Terminal für jeden Schiffsliegeplatz bedeutet optimalen Service für Reedereien und Passagiere“, so der Kieler Hafen-Chef Dirk Claus. „Wir passen unsere Kapazitäten den steigenden Passagierzahlen und wachsenden Schiffsgrößen an.“

Zum Vergleich: In Warnemünde gibt es bisher nur ein Terminal – und in der Saison seit Jahren ein großes Festzelt als Provisorium. Mehrfach wurde das bereits von Reedereien – von der MSC-Gruppe aus der Schweiz zum Beispiel – öffentlich kritisiert. In Warnemünde rollen nun zwar die Bagger, die Vorbereitungen für den Bau eines zweiten Terminals haben auch an der Warnow begonnen. Von der ersten Idee für ein weiteres Terminal im Jahr 2013 hat es aber mehr als fünf Jahre gedauert. Und: Der Neubau in Warnemünde soll auch erst 2020 in Betrieb gehen. „Wir haben die gleichen Probleme wie Kiel. Die Schiffe werden insgesamt immer größer, wir stoßen an logistische Grenzen. Darauf reagieren wir ja mit dem Neubau des Terminals 2“, sagt Rostocks Hafensenator Chris Müller-von Wrycz Rekowski (SPD).

Der ebenfalls seit bereits knapp drei Jahren geplante Bau eines komplett neuen Kreuzfahrthafens im alten Werftbecken lässt zudem weiter auf sich warten: „Wir rüsten mit dem neuen Liegeplatz 12 im Werftbecken für die nächste Generation der Kreuzfahrtschiffe“, so der Vize-OB. Die Stadt habe sehr viel Wert auf umwelt- und verkehrsrelevante Untersuchungen im Vorfeld gelegt, um die Kreuzfahrt für Warnemünde so verträglich wie möglich zu machen. Aber das hat Zeit gekostet: „Die Untersuchungen sind jetzt mit guten Ergebnissen abgeschlossen und wir starten noch in diesem Jahr mit dem Planfeststellungsverfahren.“ Das wird mindestens ein weiteres Jahr dauern. Eröffnung des neuen, 100-Millionen-Hafens: nicht vor 2023. Auch in puncto „Umweltschutz“ ist Kiel schneller: 2020 soll dort eine Landstromanlage für Kreuzfahrer in Betrieb gehen. Rostock plant das ebenfalls. Aber wohl ebenfalls erst nach 2020.

Das erste vollständig mit Flüssiggas betriebene Kreuzfahrtschiff steht kurz vor der Fertigstellung. Die „AIDAnova“ wurde am Dienstagabend auf der Meyer Werft ausgedockt.

Spanier kehren Rostock den Rücken

In diesem Jahr zählt Kiel insgesamt 167 Anläufe von Kreuzfahrt-Schiffen. 41 weniger als Rostock und Warnemünde. Aber: Kiel wächst rasant. Zahlen für das kommende Jahr will, Port of Kiel-Sprecher Jahnke noch nicht nennen. Aber ein Wachstum gilt als sicher. Und dazu verhilft dem Konkurrenten von der Förde auch ein Rostocker Unternehmen: Aida Cruises stationiert im Sommer sein aktuell noch größtes Schiff, die „Aidaprima“, in Kiel. Nach OZ-Informationen hatten auch die Verantwortlichen an der Warnow, der Hafenbetreiber Rostock Port, mit Aida über das Flaggschiff verhandelt, dann aber den Kürzeren gezogen. Und: Aida wird Kiel im kommenden Jahr 60 Mal ansteuern, Hamburg sogar 90 Mal. Im Heimathafen machen die Kussmund-Schiff zwar häufiger als noch 2018 fest, aber insgesamt „nur“ 45 Mal. Noch eine schlechte Nachricht für Rostock gibt es aus Spanien: Die Reederei Pullmantur kehrt dem größten Kreuzfahrthafen den Rücken. Statt in Rostock stechen die Schiffe der Spanier künftig wieder von Malmö aus in See. Angeblich sollen die Spanier, die ihre Gäste nach Rostock-Laage einfliegen ließen, mit dem Seehafen und der nicht vorhandenen Infrastruktur dort unzufrieden gewesen sein. Auch die Nachfrage nach Törns ab Warnemünde sei eingebrochen, heißt es. Pullmantur kommt nur noch mit kleinen Schiffen auf „Stippvisite“ an die Warnow.

Jens Scharner, einer der beiden Geschäftsführer von Rostock Port, erwartet „in den nächsten Jahren 160 bis 190 Kreuzfahrt-Anläufe pro Jahr“. Das wäre deutlich weniger als im bisherigen Rekordjahr 2018. Auch Senator Müller-von Wrycz Rekowski baut schon mal für den Tag vor, an dem Kiel Rostock den Titel „größter Kreuzfahrthafen“ abgenommen haben könnte: „Rostock achtet auf eine verträgliche Entwicklung. Wir haben in jedem Fall den schönsten Kreuzfahrthafen in Deutschland. Insofern ist es nicht entscheidend, ob wir in den absoluten Anzahl der Anläufe immer die Nummer eins bleiben.“ Hafen-Chef Scharner antwortet auf die Frage, ob Kiel der Hansestadt bald den Rang ablaufe, nur sehr ausweichend: Wichtig sei eine „nachhaltige Entwicklung gemeinsam mit den Reedereien“.

Problematisches Revier in Warnemünde

Eine große Sorge der Reedereien soll das Revier Warnemünde selbst sein: Bei schwierigen Windverhältnissen oder Sturm wird es für die neuesten Kreuzfahrtschiffe mit mehr als 300 Metern Länge schwer, Rostock anzusteuern. Das soll Gerüchten zufolge auch einer der Gründe gewesen sein, weshalb Aida Cruises die „Aidaprima“ in Kiel und nicht in Warnemünde stationiert habe. Das Risiko, dass mehrmals pro Jahr das Schiff einen anderen Hafen anlaufen muss und Tausende Passagiere nicht an oder von Bord kommen, sei zu groß gewesen. Kiel hingegen, sagt Port of Kiel-Sprecher Jahnke, „zählt nautisch zu den besten Hafenplätzen der Ostsee. Die Förde bietet Wetterschutz, so dass wir bei nahezu jeder Wetterlage erreichbar sind.“

Von grundsätzlichen nautischen Problemen will in Rostock niemand sprechen. Hafen-Chef Scharner sagt, Rostock könne bis zu 330 Meter lange Schiffe aufnehmen und abfertigen. „Um mit dem Wachstum der Schiffsgrößen Schritt halten zu können, hat Rostock Port in eine Vertiefung an den Liegeplätzen P7 und P8, in neue Fender und stärkere Poller investiert.“ Aber ja: In der Vergangenheit habe es bei schlechten Wetterbedingungen immer mal wieder Absagen von Anläufen gegeben. „Bei uns sind alle Schiffsgrößen möglich“, sagt auch Hafensenator Müller-von Wrycz Rekowski. Er spricht von ein, zwei Absagen pro Jahr. „Pauschal zugelassen bei uns sind Schiffe bis zu einer Länge von 330 Metern.“ Bei noch größeren Pötten erfolge vorab eine Simulation mit den Lotsen.

Aida: Infrastruktur ausbauen

Aida Cruises äußert sich zu all diesen Fragen öffentlich zurückhaltend. „Wir bauen unser Engagement in Warnemünde weiter aus“, sagt Vize-Präsident Hansjörg Kunze. Mit der „Aidadiva“, der „Aidamar“ und der „Aidaaura“ werden 2019 erstmals drei Schiffe der Reederei zu Gast in Rostock sein. Rostock sei „langfristig einer der wichtigsten Häfen im Ostseeraum“. Kunze: „Klar ist allen Beteiligten, dass nur eine Vielzahl gut entwickelter, moderner Häfen die Erwartungen der Gäste erfüllen kann. Der zügige Ausbau der Infrastruktur im Norden Deutschlands ist für die weitere Entwicklung der Kreuzfahrt wesentlich.“

Andreas Meyer