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Rostock Kindesentführung: Jede Woche verschwindet in MV ein Kind
Mecklenburg Rostock

Kindesentführung: Jede Woche verschwindet in MV ein Kind

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07:23 20.01.2020
50 Fälle von Kindesentführung pro Jahr im Nordosten: Meist sind Verwandte die Täter. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Im Schnitt verschwindet in MV jede Woche ein Kind. Rausgerissen aus der Familie, aus dem Freundeskreis, der Schule oder der Kita. Pro Jahr ermitteln Kriminalpolizei und Landeskriminalamt (LKA) mittlerweile in rund 50 Fällen von Kindesentführungen im Nordosten.

Seit Jahren nimmt diese Zahl nicht mehr ab. Nun hält die Ermittler ein besonders dramatischer Entführungsfall in Atem: Der kleine Niklas aus Güstrow – vier Jahre alt – wurde von der eigenen Mutter nach Bolivien verschleppt. Sie soll auf Verschwörungstheoretiker hereingefallen und vor dem „drohenden Weltuntergang“ geflohen sein.

Meist sind Verwandte die Täter

Exakt 43 Entführungsfälle wurden 2018 in MV angezeigt, sagt LKA-Sprecher Matthias Rascher. 2015 waren es sogar 51 Fälle, Zahlen für 2019 liegen noch nicht vor. Im Gesetz ist von „Entziehung“, nicht von „Entführung“ die Rede – und zwar immer dann, wenn ein Minderjähriger gegen den Willen der Eltern oder auch eines Elternteils an einen anderen Ort gebracht wird. Fünf Jahre Haft sieht das Strafgesetzbuch dafür vor.

Mehr lesen: Niklas (4) nach Bolivien entführt: Haben die Behörden in MV versagt?

Dass ein Fremder ein Kind entführt und verschleppt – das kommt aber in den seltensten Fällen vor, sagt Rascher: Meist sind Verwandte die Täter. „2018 stammten fast drei Viertel der Tatverdächtigen aus dem näheren familiären Umfeld der Opfer“, so der LKA-Sprecher.

Entführt nach Bolivien?

Auch im Fall Niklas aus Güstrow stehen die Mutter und die Oma unter dringendem Tatverdacht: Am 22. Oktober wurde Niklas zum letzten Mal gesehen, am 23. wurde sein Reisepass auf einem Flughafen in Bolivien erfasst. Auch ihr zweites Kind, Niklas’ Halbbruder, soll die Mutter mit nach Südamerika genommen haben. Ebenfalls gegen den Willen des leiblichen Vaters.

Die Eltern hatten sich vor rund zwei Jahren getrennt. Nach OZ-Informationen lagen den Behörden seit dieser Zeit bereits Hinweise darauf vor, dass die Frau mit ihren Kindern Deutschland verlassen will – obwohl der Vater das Sorgerecht für Niklas hat und sogar der Pass des Jungen vom Gericht eingezogen worden war.

Seit 1992 wurden in Mecklenburg-Vorpommern etwa 400 Menschen ermordet. Mehr als 90 Prozent dieser Fälle wurden aufgeklärt. Doch auch dreiste Raubüberfälle, Trickbetrugsserien und mysteriöse Skulpturen bewegten in den letzten Jahren das Land. Wir zeigen spektakuläre Kriminalfälle, die in MV für Aufsehen sorgten.

LKA arbeitet mit Behörden weltweit zusammen

Harald Nowack, Oberstaatsanwalt in Rostock, und die Kripo in Rostock bestätigen Ermittlungen in dem Entführungsfall. Doch bisher sind die Ermittler machtlos: „Wir haben unsere Erkenntnisse an das Bundeskriminalamt weitergegeben“, sagt die Rostocker Polizeisprecherin Stefanie Busch. Auch internationale Polizeibehörden seien eingeschaltet, ergänzt Oberstaatsanwalt Nowack. Die Ermittler aus MV arbeiten mit den bolivianischen Behörden zusammen, wollen den exakten Aufenthaltsort von Niklas ausfindig machen.

Kommentar: Junge aus Güstrow ins Ausland entführt: Das Versagen des Staates

Obwohl Kindesentführung als schwere Straftat gilt, hat die Staatsanwaltschaft keinen Haftbefehl gegen die Mutter beantragt: „Der würde nur die Mutter nach Deutschland zurückbringen. Was mit den Kindern geschieht, wäre offen“, so Nowack. Auch das Bundesamt für Justiz ist eingeschaltet, sagt LKA-Sprecher Rascher. Problem: Mit Bolivien gibt es kein Übereinkommen zu Kindesentführungen.

Weniger Vermisstenfälle in MV

Häufiger als mit Entführungen hat es die Polizei in MV mit vermissten Kindern zu tun. 3062 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wurden 2019 als vermisst gemeldet, heißt es vom LKA. Ein Plus von rund sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Aktuell, so Rascher, sind in MV noch 20 Kinder vermisst. In den meisten Fällen handele es sich um Dauerausreißer, die immer wieder von zu Hause oder aus Jugend­hilfe­ein­rich­tungen abhauen. „In der Regel kehren diese Personen aber nach kurzer Zeit von allein zurück.“

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Von Andreas Meyer

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