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Rostock Klein: „Wir wollen nicht nur Schwiegersöhne auf dem Rasen“
Mecklenburg Rostock Klein: „Wir wollen nicht nur Schwiegersöhne auf dem Rasen“
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05:57 09.07.2015
Sportdirektor Uwe Klein nach einem Hansa-Spiel.
Sportdirektor Uwe Klein nach einem Hansa-Spiel. Quelle: Andy Bünning
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Rostock

Drei Wochen Saisonvorbereitung liegen hinter dem FC Hansa. Uwe Klein (45), Sportchef des Rostocker Fußball-Drittligisten, spricht über den personellen Neuaufbau der Mannschaft, den kleineren Profi-Etat und warum die kommende Saison erneut nicht leicht wird.     

OSTSEE-ZEITUNG: Der Neubeginn im Hansa-Kader ist unübersehbar: 16 Abgänge, bisher neun Neuzugänge – gestern kam wie erwartet Probetrainierer Hasan Ulker für ein Jahr hinzu. War dieser große Schnitt im Kader nötig?

Uwe Klein: Es gab dabei zwei Aspekte. Wir mussten uns aus sportlichen Gründen von einigen Spielern trennen, um uns auf ihren Position zu verstärken. Auf der anderen Seite hätten wir gern mit dem einen oder anderen verlängert, was aber an finanziellen Dingen gescheitert ist. Diese Spieler haben sich anderweitig entschieden, was legitim ist. Dann kommt eben ein so großer Schnitt zustande.

OZ: Worauf haben Sie – neben der sportlichen Eignung – bei der Spielerauswahl großen Wert gelegt?

Klein: Ein ganz wichtiges Kriterium ist die Mentalität, die in der 3. Liga gefragt ist. Es kommt darauf an, gegenzuhalten und mit Druck umzugehen. Wir haben viel beobachtet und Informationen über die Spieler eingeholt. Alle haben uns in den Gesprächen überzeugt, dass sie mit anpacken wollen. Keiner will hier nur so mitspielen.

OZ: Wie machen sich die Neuen bisher aus Ihrer Sicht?

Klein: Mein Eindruck ist, dass schnell ein Wir-Gefühl entsteht, auch nach dem, was ich außerhalb des Platzes beobachte. Man geht mal zusammen was essen, es gibt keine Grüppchen, die ihr Ding alleine machen.

OZ: Wie viele Transferwünsche sind am Geld gescheitert?

Klein: Wir haben uns bei vielen Gesprächen relativ schnell Ohrfeigen abgeholt. Da hatte es keinen Sinn, weiterzuverhandeln. Manchmal ist es auch nur knapp gescheitert. Ich bin mir sicher: Diejenigen, die unterschrieben haben, sind mit Herz und Leidenschaft dabei.

OZ: Als Mannschaft mit den meisten Gegentoren war sicher die Abwehr ein Schwerpunkt beim Neuaufbau.

Klein: In den letzten beiden Spielzeiten hat Hansa zusammengerechnet 123 Gegentore kassiert. Das ist eindeutig zu viel. Damit ist man in der Regel unter den letzten drei. Die Mannschaften, die oben mitspielen, haben die wenigsten Gegentore. Das muss in die Köpfe rein. Wenn man als Mannschaft auftrtt, kann es sein, dass man öfter 1:0 gewinnt und nicht 4:3. Für die Zuschauer sind viele Tore schön, aber ich gewinne lieber 1:0.

OZ: Der Profi-Etat wurde von 3,6 auf 2,8 Millionen Euro gekürzt. Kann man mit weniger Geld mehr sportliche Qualität erreichen?

Klein: Wir wissen, was wir machen können und was nicht. Natürlich ist es in dieser Saison noch einmal schwierig. Aber ich hoffe, dass es im Folgejahr bessere Aussichten gibt. Dafür sollten wir jetzt die Grundlage schaffen. Ich glaube, dass wir das Bestmögliche erreichen und eine schlagkräftige Truppe haben werden.

OZ: Sie haben Dennis Erdmann von Dynamo Dresden geholt. Der ist einerseits durch harte Spielweise und flotte Sprüche bekannt geworden, war aber auch aus disziplinarischen Gründen suspendiert. Ist er ein Risikofaktor?

Klein: Da habe ich überhaupt keine Angst. Wir erwarten, dass Spieler auch mal ein anderes Programm fahren, wenn sie die weiße Linie zum Platz überschreiten. Wir wollen nicht nur Schwiegersöhne auf dem Rasen haben, sondern dass Zeichen gesetzt werden. Dennis ist auf dem Platz ein ganz anderer Typ als in der Kabine, wo er ein feiner Kerl ist. Wir sind froh, dass wir so einen Spieler haben.

OZ: Warum hat Hansa nicht bei den Absteigern Dortmund II oder Unterhaching zugeschlagen, wo viele gute, junge deutsche Profis zu spielen?

Klein: Es ist nicht so, dass wir uns damit nicht beschäftigt haben. Aber da haperte es eben auch nicht nur an finanziellen Dingen, sondern daran, dass sich Spieler anderweitig entschieden haben. So wie Edisson Jordanov, dessen Name bei uns auch gefallen ist. Im Vorfeld hörte ich, es soll bei ihm die 2. Liga sein - nun ist er in der dritten bei den Stuttgarter Kickers.

OZ: Welche Lehren haben Sie aus der vorigen Saison gezogen, als der Absturz in die 4. Liga nur mit Glück abgewendet wurde?

Klein: Es ist in der zweiten Saisonhälfte viel um den Verein herum passiert mit allen möglichen Szenarien: Abstieg, Insolvenz, Ausgliederung der Profis, Investor-Einstieg, auslaufende Verträge ... Keiner kann sich so richtig vorstellen, was da in einem Spieler vorgeht, der sich nur auf Fußball konzentrieren will. Das soll aber keine Entschuldigung sein. Ich will jedoch weniger zurück-, sondern vorausblicken.

OZ: Wie hart treffen die Ausfälle des operierten Aleksandar Stevanovic und von Marcel Ziemer, der wegen seiner Verletzung ein Großteil der Vorbereitung verpasst?

Klein: Da darf jetzt nicht mehr viel passieren. Wir sind ja so oder so noch auf der Suche für die Offensive, aber das trifft uns natürlich noch mehr. Hasan Ülker und Seref Özcan, der in unserer U21 eingeplant ist, sollen sich an die 3. Liga gewöhnen, ist aber aktuell kein Kandidat, der uns sofort weiterhelfen kann.

OZ: Wofür soll nach Ihrer Meinung die Hansa-Mannschaft stehen?

Klein: Ich erwarte ganz klar, dass die Jungs eine Einheit auf dem Platz sind. Dass sich jeder für den anderen den Hintern aufreißt. Das sind die Grundtugenden, um Erfolg zu haben. Für jeden Gegner muss es richtig unangenehm sein, gegen Hansa Rostock zu spielen.

OZ: Sie sind jetzt neun Monate in Rostock – die arbeitsintensivste Zeit Ihrer bisherigen Karriere?

Klein: Kann man so sagen. Besonders die Situation in der Winterpause war wirklich brutal. Dass wir in die Nachlizenzierung gehen und eine Million Euro aufbringen mussten, ehe wir überhaupt über einen neuen Spieler sprechen konnten – das hatte ich im Vorfeld so nicht auf dem Schirm. Deswegen gilt allen nochmal ein großer Dank für das Benefizspiel, das uns die Hälfte der Summe eingebracht hat. Aber alles andere lag auf meinem Tisch: Christiansen und Blacha verkaufen, andere Verträge auflösen und dann noch Spieler holen, die weniger kosten und uns trotzdem weiterbringen. Das war schon brutal.

OZ: Und parallel dazu haben Sie noch ein Haus mit Ihrer Familie gebaut.

Klein: Das war nicht so einfach. Wir haben damit angefangen noch zu meiner Zeit bei Fortuna Düsseldorf. Da wusste ich aber noch nicht, dass es dort nicht weiterging. Mit meinem Wechsel nach Rostock konnte ich natürlich nicht sagen: Jetzt stoppen wir das mal. Inzwischen sind wir so weit, dass wir in vier bis acht Wochen fertig sein müssten.

OZ: Wann träumen Sie eigentlich mal von der 2. Liga?

Klein: In der 4. Liga wurde ich mal bei Fortuna Düsseldorf gefragt, welche Schlagzeile ich gern lesen würde. Meine Antwort war: Fortuna wieder erstklassig. Das ist zwar später alles eingetreten, und ich würde mir das hier auch wünschen. Aber das ist ein ganz langer Weg. Mit unheimlich viel Arbeit, mit vielen helfenden Händen, mit vielen Augen – und auch mit etwas Glück. Wir sind gut beraten, uns schnell aus den unteren Regionen der 3. Liga fernzuhalten. Und dann sehen wir, in welche Richtung es gehen kann. Strategisch haben wir natürlich etwas für die nächsten Jahre im Kopf.

OZ: ... die „Strategie 2020“ mit der angestrebten Rückkehr in die 2. Liga innerhalb von fünf Jahren.

Klein: Aber dafür müssen wir erstmal eine Basis schaffen – dann können wir weitere Schritte machen.


Video vom Mannschaftsfotoshooting bei Hansa



Kai Rehberg