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Rostock Kosten-Explosion in Rostocker Pflegeheim: „Ich kann das nicht mehr stemmen“
Mecklenburg Rostock Kosten-Explosion in Rostocker Pflegeheim: „Ich kann das nicht mehr stemmen“
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12:00 16.08.2019
Rainer Kummerow (62) sitzt neben seiner Ehefrau Ulfhild-Isolde Kummerow (63) und liest sich kopfschüttelnd das Schreiben der Heimleitung durch. Quelle: privat
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Rostock

Für Rainer Kummerow ist es ein Schock: Seit knapp vier Jahren wohnt seine schwer kranke Frau im Pflegeheim der Rostocker Heimstiftung in Reutershagen. „Und in jedem Jahr sind bisher die Kosten gestiegen“, sagt der 62-Jährige. Doch mit der neuesten Ankündigung über eine Erhöhung hat er nicht gerechnet: In diesem Jahr will das Pflegeheim den monatlichen Preis um mehr als 40 Prozent anheben.

Statt bisher 1170 Euro würden dann ab September 1607 Euro fällig werden. „Ich könnte das nicht mehr stemmen. Meine gesamten Ersparnisse sind bereits aufgebraucht“, sagt Kummerow. Die endgültige Entscheidung über die genaue Erhöhung fällt am kommenden Mittwoch bei der AOK Nordost.

Kummerow erklärt: Seine Ehefrau bekomme nur 980 Euro Rente. „Den Rest muss ich dazu schießen.“ Der Rostocker sei noch nicht zum Sozialamt gegangen, um Hilfen zu beantragen. „Aber diesmal werde ich wohl hingehen müssen und alles offen legen“, sagt er.

Unheilbare Krankheit

Kummerows Frau hat Alzheimer-Demenz im Frühstadium. „Die Krankheit ist unheilbar, wir konnten sie in der Vergangenheit nur bremsen.“ Das Kurzzeitgedächtnis funktioniere nicht mehr. „Die Krankheit beginnt mit Orientierungsverlust und Vergesslichkeiten. Sie sagte zum Beispiel einen Satz fünfmal, weil sie nicht wusste, dass sie ihn schon viermal gesagt hatte“, schildert der Rentner.

Zum Anfang habe sie auch noch gewusst, dass sie krank ist. „Nach vier, fünf Jahren ist das dann gekippt. Seitdem lebt sie in ihrer eigenen Welt. Wir konnten uns nicht mehr unterhalten.“ Das Krankheitsbild verschlechtere sich zusehends. „Inzwischen vergisst sie beim Essen mitunter sogar das Kauen.“

Viele Jahre zuhause gepflegt

Sieben Jahre lang pflegte Kummerow seine Frau zuhause, bis sie eine Gehirnblutung und epileptische Anfälle bekam. „Dann ging es nicht mehr.“ Seine Frau kam ins Pflegeheim nach Reutershagen. „Die Unterkunft und das Personal sind super, alle geben sich Mühe“, sagt der Vater zweier erwachsener Töchter.

Dennoch ist Kummerow sauer. „Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat groß angekündigt, dass alles besser werden soll in der Pflege.“ Aber davon sei nichts zu spüren. „Wir hätten über die Erhöhung im Vorfeld in einer Versammlung informiert werden müssen. Stattdessen sollen wir vor vollendete Tatsachen gestellt werden.“

Das sagt das Pflegeheim

Blick auf das Pflegeheim Reutershagen der Rostocker Heimstiftung. Quelle: André Horn

Die Rostocker Heimstiftung weist die Vorwürfe zurück: „Bewohner und Angehörige wurden rechtzeitig und ausführlich mit einem Schreiben über den Antrag auf Änderung der Pflegesatzvergütung informiert“, sagt Peter Ahrens, Geschäftsführer der Heimstiftung. Auch seien in dem Schreiben ein Gespräch zur Erläuterung und die Einsicht der Unterlagen angeboten worden.

Grund für die Erhöhung seien gestiegene Personal- und Sachkosten. Von einer Gewinnmaximierung könne nicht die Rede sein, betont Ahrens: „Um es deutlich zu sagen, nicht der Pflegeanbieter erhöht willkürlich die Preise, sondern weist seine Kosten detailliert bei den Vorbereitungen der Pflegesatzverhandlungen mit den Pflegekassen nach – und bekommt dann einen mehr oder weniger großen Teil seiner kalkulierten Forderung anerkannt.“ Die Altenpflege unterliege strenger behördlicher und gesetzlicher Kontrollen.

So setzen sich die Kosten zusammen

Die monatlichen Kosten für einen Pflegeheimplatz in Reutershagen liegen für die Heimstiftung je nach Pflegegrad zwischen 1200 Euro und über 2700 Euro. „Der größte Anteil sind die Personalkosten“, sagt Ahrens. Die Heimstiftung gleiche sich mit jährlich festgelegten Prozentsätzen schrittweise bis 2024 an den Tarif des öffentlichen Dienstes an. „Diese erhöhten Personalkosten müssen refinanziert werden, wie jede Tariferhöhung“, sagt Ahrens.

Hinzu kommen Sachkosten, die zum Betrieb der Pflegeeinrichtung notwendig sind und die zur Vollversorgung der Bewohner anfallen: „Lebensmittelkosten, Kosten im pflegerisch, medizinischen Bereich oder Energiekosten“, zählt Ahrens unter anderem als Beispiele auf.

Bewohner tragen Erhöhung allein

Die Bewohner müssen den Anstieg der Kosten jedoch alleine tragen. Grund: Der Zuschuss der Pflegeleistungen durch die Pflegekassen ist weiterhin gleich geblieben. „Wir bedauern dies, können an dieser Folge bundespolitischer Gesetzgebung aber nichts ändern“, sagt Ahrens. Der erste Schritt in die richtige Richtung sei das Angehörigen-Entlastungsgesetz.

Im Pflegeheim Reutershagen zahlen die Bewohner aktuell knapp 1200 Euro – unabhängig vom Pflegegrad. Damit ist das Heim die günstigste Einrichtung der Heimstiftung in Rostock. In den westlichen Bundesländern sind die Kosten wesentlich höher: „Die Eigenanteile der Bewohner liegen dort um bis zu 1000 Euro über unseren monatlichen Entgelten, da hier unter anderem die Personalkosten noch höher sind“, sagt Ahrens. Eine schrittweise Tarifangleichung der Gehälter zwischen Ost und West ziehe nun auch eine stufenweise Erhöhung der Pflegekosten nach sich.

Düstere Aussichten für die Zukunft

Für die Zukunft befürchtet der Geschäftsführer ernste Probleme in der Versorgung. Schließlich werden die Menschen immer älter, während der Pflegeberuf auf der anderen Seite immer weniger Wertschätzung erfahre. Das werde viel Geld verbrauchen. „Die heutigen Aufwendungen sind noch lange nicht das Ende der Entwicklung“, prophezeit Ahrens.

So teuer ist ein Pflegeplatz in Rostock

Die Rostocker Heimstiftung ist mit fünf Pflegeeinrichtungen im Stadtgebiet Rostock und dem Pflegewohnpark in Kühlungsborn, mit derzeit rund 780 stationären Pflegeplätzen, der größte Anbieter stationärer Pflege in der Hansestadt.

Das Pflegeheim Reutershagen ist mit bisher knapp 1200 Euro monatlichem Entgelt für den Bewohner die günstigste Einrichtung der Heimstiftung. Der Eigenanteil der Bewohner in den Pflegegraden zwei bis fünf ist gleich hoch. Die monatlichen Kosten für einen Pflegeheimplatz in den anderen Einrichtungen der Heimstiftung liegen aktuell bei bis 1800 Euro.

Insgesamt gibt es in Rostock laut Statistischem Jahrbuch 2652 Plätze in Alten- und Pflegeheimen. 2347 davon waren 2017 belegt – 670 der Bewohner waren zu diesem Zeitpunkt männlich, 1677 weiblich. 1901 Bewohner waren zu diesem Zeitpunkt älter als 75 Jahre und 446 jünger. Im Jahr 2010 gab es 2137 Pflegeplätze in der Hansestadt, 1990 waren es rund 1740 Plätze und 1955 etwa 380 Plätze.

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Von André Horn

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