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Kultur Liebe und Aufruhr – aber Revolution nur in der Musik
Mecklenburg Rostock Kultur Liebe und Aufruhr – aber Revolution nur in der Musik
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17:45 09.12.2018
Fidelio alias Leonore (r. Maria Hilmes) in inniger Umarmung mit ihrem Mann, dem Freiheitskämpfer Florestan, gespielt von James J. Kee. Quelle: Dorit Gätjen
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Rostock

Die Liebe ist in dieser Saison Hauptakteur am Volkstheater Rostock. Nach fröhlichen Einstiegen ins Thema mit Donizettis Oper „Der Liebestrank“ und Oliver Bukowskis proletarischem Monolog „Das Konzept romantischer Liebe“ kommt sie nun in Beethovens einziger Oper „Fidelio“ von 1814 als hymnische Feier der Liebe – ja sogar der „ehelichen Liebe“, wie es im Titel einer erfolglos gebliebenen früheren Fassung hieß. Letztes Wochenende feierte das Publikum mit stehenden Ovationen die Premiere des Meisterwerks in Rostock. Gefeiert wurden damit der starke und im himmelsstürmenden Finale leidenschaftliche Opernchor, ein beeindruckendes Solistenensemble mit dem glanzvollen Rollendebüt von Maria Hilmes als Leonore und mit dem sympathisch strahlenden Bass Peter Lobert als Kerkermeister Rocco; gefeiert wurde ebenso die wohltemperiert auf Wesentliches konzentrierte Inszenierung von John Dew, der fast beiläufig im grell strahlenden Feier-Finale das Happy End mit Fragezeichen versah.

Mit seinem Ausstatter Hartmut Schörghofer, der die Bühne durch eine riesige (und für Szenenwechsel verschieb- und drehbare) Backsteinmauer düster beherrschen lässt, setzte der Regisseur Dew auf wirkmächtige Bilder und viel Raum für die Musik, die das Beste an dieser Oper ist: eine komplexe Aufgabe für die Norddeutsche Philharmonie unter der Leitung von Kapellmeister Martin Hannus, die vor allem im zweiten Akt klangvoll auf der Höhe der Anforderungen agierte.

Beethovens Musik durchschreitet ein enormes Klangspektrum vom schlichten Singspiel über französische Revolutionsoper und sinfonische Musik bis zum oratorienhaften Finale. Damit geht sie weit über die simple Handlung hinaus: eine Rettungs- und Befreiungsstory, wie sie heute von Hollywood-Filmen dutzendweise mit pfiffigen Agenten und viel Action inszeniert wird. Aber statt CIA-Superhelden kommt in der Oper Ehefrau Leonore als Befreierin, dient undercover unter männlicher Maske mit dem Decknamen Fidelio im Gefängnis, um ihren Mann Florestan zu finden, einen Whistleblower, der die Verbrechen des tyrannischen Gouverneurs enthüllen wollte und darum ermordet werden soll.

Und statt Action gibt‘s, hauptsächlich durch die Musik, eine Erhöhung des simplen Befreiungsaktes aus Liebe zu einem grundsätzlichen Aufruhr (ebenfalls aus Liebe) gegen jegliche Tyrannei. Als Leonore im Kerker, noch ohne ihren Mann zu erkennen, das Elend des in Dunkelheit verschlossenen Häftlings sieht, singt sie: „Wer du auch seist, ich will dich retten,/ Bei Gott, du sollst kein Opfer sein! / Gewiss, ich löse deine Ketten, / Ich will, du Armer, dich befrein.“

Und wenn Leonore dann dem mordlüsternen Gouverneur entgegentritt, gar die Pistole gegen ihn richtet, Sekunden bevor das Trompetensignal die herannahende Gerechtigkeit „von oben“ ankündigt, dann wird die individuelle Befreiungstat symbolisch zum Freiheitskampf – für einen Augenblick.

Die Fast-Gleichzeitigkeit von Leonores/Fidelios Aufruhr und der Rettung durch höhere Mächte spiegelt das ganze Dilemma deutscher Freiheitskämpfe. Kurt Tucholskys Spott, dass die deutsche Revolution wegen ungünstiger Witterung in der Musik stattfand, wird geradezu hörbar, wenn zwischen Kerkerszene und Finale die sogenannte „Leonoren-Ouvertüre Nr.3“ gespielt wird: eine mitreißende Konzerteinlage voll innerer Dramatik, doch bei geschlossenem Vorhang, denn zur revolutionären Leidenschaft der Musik fehlt darstellbare historische Wirklichkeit.

Regisseur John Dew verstärkt diesen Widerspruch (zwischen deutscher Geschichte und Freiheitsträumen, zwischen Musik und Handlung) im Schlussbild: Indem er nicht einen Chor befreiter Gefangener aufatmen lässt, sondern eine (neue, oder alte?) Oberschicht in recht höfischem Outfit, die – ganz untertänig – die obrigkeitliche Erlaubnis für ihre Freiheit vom königlichen Minister beglaubigen lässt. Und während die von oben Befreiten lauthals Dinge singen wie „Wer ein holdes Weib errungen, / Stimm‘ in unsern Jubel ein! / Nie wird es zu hoch besungen,/ Retterin des Gatten sein“, schwingt sich die Musik in viel höhere Sphären hinauf: dorthin, wo der erstaunliche historische Augenblick, Leonores tapfere Tat, als Ideal menschlichen Handelns aufgehoben ist.

Bedenkt man, dass in Rostock vor kurzem noch das Musiktheater (oder dann auch das Schauspiel oder das Ballett) beseitigt werden sollte, zeigt sich das Ensemble hier mit beeindruckenden und erlebenswerten Qualitäten. Noch besser wär‘s freilich in einem neuen Haus. Leonore hilf!

Nächste Vorstellungen: 15. und 21. Dezember, Volkstheater Rostock.

Dietrich Pätzold

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