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Rostock Latchinian: Hoffen auf neuen Beschluss fürs Volkstheater
Mecklenburg Rostock Latchinian: Hoffen auf neuen Beschluss fürs Volkstheater
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09:16 28.08.2015
Volkstheaterchef Sewan Latchinian.
Volkstheaterchef Sewan Latchinian. Quelle: Dorit Gätjen
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Rostock

Mit 21 Premieren und zehn Philharmonischen Konzerten geht das Volkstheater Rostock in die neue Saison. Und mit offenen Fragen zu seiner Zukunft, die jetzt öffentlich diskutiert werden müssen.

OZ: Herr Latchinian, jemand fragte mich, ob Sie sowas wie der Tsipras der Rostocker oder mecklenburg-vorpommerschen Kulturlandschaft seien. Trifft der Vergleich zu?

Sewan Latchinian: Obwohl Griechenland das Geburtsland und die Wiege des Theaters ist, möchte ich die griechische Situation nicht mit der mecklenburg-vorpommerschen Theaterpolitik gleichsetzen -- aus Respekt vor den Griechen, denn das sind nochmal ganz andere Dimensionen. Es gibt nicht wenige, die haben mich eher den Varoufakis der hiesigen Theaterlandschaft genannt. Und ich wüsste nicht genau, welche der beiden vielleicht zusammengehörenden Figuren der aktuellen griechischen Politik der richtigere Vergleich wäre.

OZ: Naja, Varoufakis ist zurückgetreten, Sie sind noch da -- wie Tsipras, der sich durch Neuwahlen stärken will. Sie waren vor einem Jahr angetreten mit dem Grundtenor: Wir machen einen Neubeginn am Volkstheater und tun das als Vier-Sparten-Haus. Dann folgten die Querelen der vergangenen Saison, und am 20. Juli legten Sie gemeinsam mit dem kaufmännischen Geschäftsführer, Herrn Rosinski, ein Papier vor, das vorrechnet, wie das Theater abgebaut werden müsste, wenn der Beschluss der Bürgerschaft und die Vorgaben aus dem Rathaus umgesetzt werden. Stehen Sie nun nicht mehr für das Vier-Sparten-Haus?

Latchinian: Doch, denn unser Fazit ist: Die Umsetzung solcher Pläne kann explizit nicht empfohlen werden und es muss ausdrücklich davor gewarnt werden. Also da gibt es keine Übereinstimmung zwischen der Beschreibung, was passieren würde, wenn man so viel Geld einsparen müsste, und unserer Absicht. Aber es ist trotzdem richtig, dass Herr Varoufakis im Moment nicht mehr öffentlich aktiv ist und Herr Tsipras versucht, das, was er richtig findet, mit der Realität zu synchronisieren. Dass wir dieses beschriebene Szenario vom 20. Juli nicht empfehlen und davor warnen, heißt ja, dass wir es nicht richtig finden. Nun hat Herr Tsipras inzwischen etwas unterschrieben, was nun wirklich Einschnitte bedeutet. Insofern geht es dort weiter als in Rostock, denn was hier nun schlussendlich im Herbst unterschrieben wird, auch von der Geschäftsführung, ist noch offen.

OZ: Sie wurden ja wegen dieser Berechnungen gleich aus dem Rathaus kritisiert. Wurden Sie kritisiert wegen des Inhalts Ihrer Untersuchung oder wegen der Tatsache, dass sie an die Öffentlichkeit gelangt ist?

Latchinian: Eigentlich für alles. Für den Inhalt, auch für die Öffentlichkeit, gegen die wir nichts getan haben. Allerdings ist Öffentlichkeit in den heutigen Zeiten unmöglich zu verhindern, das sind kleine Klicks auf Smartphones oder Laptops. Und zweitens sind wir an Öffentlichkeit interessiert. Das ist ein die Öffentlichkeit zutiefst betreffendes und interessierendes Thema. Selbst in der Zielvereinbarung mit dem Land ist eine Bürgerbeteiligung geplant. Also der Ausschluss von Öffentlichkeit ist gar nicht möglich und auch gar nicht gut.

OZ: Könnten Sie bitte kurz zusammenfassen, zu welchen Ergebnissen Ihre Berechnungen führten?

Latchinian: Es gibt ja einen „Best-Case“ und einen „Worst-Case“. Und der Unterschied sind schon mehr als eine Million Euro. Beim Best-Case könnten wir uns tatsächlich noch vorstellen, dass es die Chance gibt, alle vier Sparten bis über das Jahr 2020 eigenständig produzierend zu erhalten. Beim Worst-Case nicht. Nun hat die Bürgerschaft dem Oberbürgermeister im Moment das alleinige Mandat übertragen, diese Auslegung zu entscheiden. Deswegen haben wir mehrfach nachgefragt, was unser Spielraum ist. Und wir haben bis zum 20. Juli signalisiert bekommen, dass es die Rahmenbedingungen und Kennziffern sind, die wir als Worst-Case bezeichnen. Dadurch war für uns nur die Beschreibung von Verlusten möglich.

OZ: Welche Verluste sind das?

Latchinian: Wir müssten in zwei Wellen, 2017 und 2018, insgesamt über 90 Mitarbeiter entlassen. Und das nicht, wie ursprünglich in der Zielvereinbarung geplant, unter Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen, sondern mit fast 50 solchen Kündigungen. Zweitens müssten zwei Sparten komplett geschlossen werden. Was ja auch der Zielvereinbarung widerspricht, wo man unter der Formel „2+2“ die Illusion haben konnte, dass es noch Teile der Sparten Musiktheater und Tanztheater geben würde, die dann mit anderen Theatern koproduzieren könnten. Auch das wäre so nicht mehr möglich, weil die Sparten spätestens 2018 komplett verschwunden wären und dann Kooperationen nicht möglich sind. Das wären dann Einkäufe, aber die Einkäufe wären nicht möglich, weil kein Geld mehr da wäre. Und der dritte eklatante Widerspruch zur Zielvereinbarung wäre, dass dazu noch die halbe Schauspielsparte abgeschafft werden müsste, von den jetzt 15 Darstellern wären dann nur noch sieben da. Danach gäbe es nur noch ein Orchester und eine halbe Sparte Schauspiel, also müsste die Formel „2+2“ ersetzt werden durch die Formel „1,5 plus null“. Es gäbe noch weitere Schäden. Deshalb müsste man eigentlich von der Zerstörung des 120 Jahre bewährten Vier-Sparten-Volkstheaters Rostock sprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das wirklich eine Mehrheit der Bürgerschaft bei ihrem „2+2“-Beschluss im Frühjahr so verstanden hat. Unsere Hoffnung als Geschäftsführung ist weiterhin, dass wir mit der ganz sachlichen Beschreibung des Worst-Case-Szenarios und der drohenden Zerstörung bis 2018 die geringe Mehrheit des damaligen Beschlusses so beeinflussen können, dass es bei einer nächsten Abstimmung, zu der es hoffentlich noch einmal in der Bürgerschaft kommt, eine Mehrheit gegen eine so eklatante Zerstörung des Volkstheaters gibt.

OZ: In welchem Stadium befindet sich diese Diskussion jetzt? Fängt die neue Debatte gerade an?

Latchinian: Zwischenzeitlich hat es sehr negative Reaktionen gegeben, besonders von Herrn Oberbürgermeister Methling, dass wir mit unserer Darstellung die größtmögliche Provokation begangen hätten. Das hat er inzwischen untersetzt durch ein Schreiben, das wir im Urlaub bekommen haben, in dem vor allem steht, dass wir uns um mindestens eine Million verrechnet hätten. Leider fehlt die Information, worin dieser Rechenfehler besteht. Und wir sind aufgefordert, bis zum 2. September ein überarbeitetes und überhaupt erstes, funktionierendes Umsetzungskonzept vorzulegen.

OZ: Das heißt, das andere gilt dann nicht?

Latchinian: Nein, das war ja kein Umsetzungskonzept, sondern es war die Beschreibung erster Folgen, wenn es so kommen müsste.

OZ: Wie können Sie nun Ihre Berechnungen verändern?

Latchinian: Wir arbeiten daran so, wie es uns möglich ist -- ständig mit der Überlegung, wie man die Zielvereinbarung so produktiv wie möglich und zum Wohle der Hansestadt, aber auch des Volkstheaters interpretieren könnte. Aber was die direkte Forderung betrifft, mit einer Million Euro mehr zu rechnen, da wissen wir noch nicht, worin unser Fehler bestehen soll. Deswegen haben wir einen Katalog von ungefähr zehn Fragen erarbeitet, deren Antworten dann wirklich klar machen, was ganz genau gemeint ist. Wenn wir diese Antworten haben, dann wissen wir mehr und es wäre möglicher, ein Umsetzungskonzept zu erarbeiten.

OZ: Man könnte aus der Außenperspektive in diesem Vorgang etwas Positives sehen: Mit dem Fragenkatalog gibt es eine vertiefende Kommunikation zwischen Ihnen und der Stadtverwaltung -- hoffentlich.

Latchinian: Man könnte das so sehen, dass es Bewegungen gibt. Es könnte z.B. sein, dass der Satz des Oberbürgermeisters, wir hätten uns um mindestens eine Million verrechnet, bedeutet, das der OB im Vergleich zum 20. Juli mehr oder weniger inoffiziell die Prämissen verändert hat in Reaktion auf unsere ungeschönte Beschreibung der drohenden Verluste. Das ist durchaus eine Verbesserung der Kommunikation, ist aber noch lange keine gute und wünschenswerte Kommunikation.

OZ: Das Ganze ist ja ein sehr düsteres Thema am Beginn Ihrer zweiten Saison in Rostock. Vor einem Jahr gab es die große Aufbruchslust des Neubeginns, die auch das erste Spektakel großartig mitgetragen hat -- jetzt beginnen Sie die Saison zwar auch mit einem Spektakel, aber in einer prekären Situation. Woher nimmt das Volkstheater die positive Energie für den Start?

Latchinian: Unser Credo als Theatermacher ist, das kann ich für alle Mitarbeiter des Volkstheaters sagen, dass wir unsere Arbeit gern machen, dass wir sie für unser Publikum machen, und dass es uns weniger um Kulturpolitik, sondern immer um Kunst geht. Und das können wir jetzt noch weiter versuchen, weil es in dieser Spielzeit keine Einschnitte gibt. Es gibt alle Sparten, alle Mitarbeiter, alle Stellen und einen stabilen Etat. Und dabei halten wir uns an die vielen positiven Erfahrungen aus der ersten Spielzeit und nehmen sie zum Maßstab für die zweite Spielzeit.

OZ:Welche positiven Erfahrungen sind das?

Latchinian: Wir haben 2014/15 tatsächlich über 50 Premieren geschafft wie versprochen. Die allermeisten waren wirklich umjubelte Premieren mit positivem Echo und einer guten Nachfrage. Sehr oft im Vergleich zur Vergangenheit gab es ausverkaufte Formate, wenn auch öfter die kleineren, aber immerhin. Die Spielstätten sind angenommen worden, das Musiktheater hat eine besonders erfolgreiche Saison geschafft. Die Konzertsaison der Norddeutschen Philharmonie war die wirtschaftlich bisher erfolgreichste. Das Schauspiel ist facettenreich aus dem Schatten des Musiktheaters hervorgetreten, und das Tanztheater hat seinen positiven Trend weitergeschafft und echte Publikumserfolge auf der großen Bühne erreicht. Also der Nachweis, dass die Sparten lebensfähig und zukunftsträchtig sind, ist erbracht. Die Bürgerbühne hatte eine erste Premiere, das Figurentheater hat mit 60 Vorstellungen ebenfalls gut funktioniert. Und es ist aller Grund für einen großen Optimismus. Wir haben bis zum Stichtag 31. Juli über 112.585 Besucher erreicht.

OZ: Das waren im Grunde mehr, als Sie zu Beginn der Saison vage angekündigt hatten.

Latchinian: Das reicht noch nicht, aber es ist ein völlig zufriedenstellendes, erfreuliches Ergebnis, besonders wenn man bedenkt, dass diejenigen, die unsere Zuschauerzahlen kritisieren und höhere Besucherzahlen und Einnahmen erwartet haben, uns ununterbrochen torpediert haben. Es ist uns trotzdem gelungen. Und auch in den ersten Kritikerumfragen ist ja nicht nur der Fakt, dass es dem Volkstheater durch die kommunale Kulturpolitik so schwer gemacht wurde, als Ärgernis hervorgehoben worden, sondern auch die Saison als künstlerisch herausragend in der Rubrik „Abseits der großen Zentren“. Das deckt sich mit vielen überregionalen Beschreibungen unserer Arbeit, die es in dieser Fülle lange nicht gab. Das alles hat umso erstaunlichere Seiten, wenn man bedenkt, dass der Intendant hier sieben Wochen lang an seiner Arbeit total gehindert worden ist.

OZ: Da wir bei Zahlen waren: Wie hoch waren die Einnahmen in dieser Saison, und wie bewerten Sie die große Differenz zum Schweriner Theater, dessen 4,5 bis 5 Millionen Euro Einnahmen Kultusminister Mathias Brodkorb gern öffentlich den Rostocker Theatereinnahmen entgegenhält?

Latchinian: Wir hatten Einnahmen von rund 1,5 Millionen Euro. Die Auslastung betrug übrigens 76 Prozent, das heißt auch, dass die Tarierung von Angeboten und Nachfrage in den entsprechenden Räumen relativ aufgegangen ist. Wenn uns nun der Kulturminister immer wieder vorwirft, wir hätten nur 1,5 Millionen Einnahmen und Schwerin hätte 4,5 bis 5 Millionen, dann kann ich das nur als unsachlich empfinden. Denn erstens werden wir vom Land mit acht Millionen Euro gefördert und Schwerin mit elf Millionen, zweitens ist in den 4,5 Millionen von Schwerin eine Million zusätzliche Förderung für die Schlossfestspiele indirekt enthalten, die ja zusätzliche Einnahmen generieren. Und etwa eine Million kommt aus der Vermietung des wunderschönen Schweriner Staatstheaters für die Landesregierung, für gesellschaftliche hauptstädtische Höhepunkte, repräsentative Veranstaltungen, Tagungen usw. herein.

OZ: Könnten Sie das hier nicht auch machen?

Latchinian: Ja, das werden wir sicher machen können, wenn wir eines Tages ein ähnlich attraktives Gebäude haben. In diese marode Immobilie will aber keiner zu repräsentativen Zwecken hinein, das ist auch ein Unterschied, der diesen Vergleich zwischen Schwerin und Rostock ad absurdum führt. Wir würden hier im Sommer auch gern so etwas wie Schlossfestspiele durchführen, wenn uns die Landesregierung oder die Stadt oder beide zusammen auch eine Million zusätzlich zur Verfügung stellen. Die haben wir aber nicht, und deshalb würden alle Bemühungen, hier im Sommer ein großes Event zu erzeugen, wie in der Vergangenheit zu Fehlbeträgen von bis zu 300.000 Euro führen. Also es ist nicht vergleichbar, und wenn man es doch vergleicht, ist es ungerecht. Es sind extrem unterschiedliche Bedingungen. Insofern ist es aber erfreulich, dass unser Versuch gelang, wenigstens auf bescheidene Weise und aus eigener Kraft in der Kleinen Komödie Warnemünde den ersten Rostocker Volkstheater-Sommer durchzuführen. Dieses Angebot ist sehr gut angenommen worden, wir hatten von Juni bis August 13.000 Besucher. Und mein Ziel ist durchaus, eine große Sommerbespielung auch in Rostock in den nächsten Jahren hinzukriegen. Meine Hoffnung richtet sich da auch auf den Neubau: Wenn da eine Außenbühne eingeplant würde, die überdacht ist, wäre das wirtschaftliche Risiko geringer und wir könnten Sommerfestspiele als Open Air in großem Stil anbieten. So etwas  gehört hierher in diese Tourismusregion.

OZ: Ihre neue Saison beginnt wieder mit einem Theaterspektakel, dem „Stapellauf“ zum Thema Toleranz, die auch das Motto der Saison ist. Was erwartet uns da?

Latchinian: Es geht natürlich um das Fremde, und dazu gehören im Moment akut die vielen Flüchtlinge, die Deutschland aufnehmen möchte. Wir sind mit dem Spektakel zum Thema Toleranz leider brandaktuell. Es brennen um uns herum für Flüchtlinge vorgesehene Gebäude, es brennen Gebäude von Menschen, die sich für Fremde und gegen Rechtsradikalismus einsetzen wie in Jamel. Und es gibt eine moderne Form von Brandstiftung im Internet, eine solche braune Flut an Shitstorms gegenüber Flüchtlingen und Menschen, die Flüchtlinge unterstützen, dass es einen grausen könnte. Der erste Satz in „Nathan der Weise“ ist: Nathan, Euer Haus das brannte und Recha wäre um ein Haar mit verbrannt. Insofern ist das schon das Stück zur Stunde, und wir bieten es ab dem 26. September. Und auch im weiteren, was unsere internationalen Liebeslieder betrifft und das Tanztheater „Le Sacre du Printemps“, dürfte das ein sehr aufregendes Eröffnungsspektakel werden. Auch wenn es um vier Stücke kleiner geworden ist, als ich es ursprünglich geplant hatte.

OZ: Das ist dann vielleicht doch ein bisschen wie bei Alexis Tsipras. Stimmt der Vergleich doch?

Latchinian: Ja, in dem Sinne orientiere ich mich schon daran, dass es wohl am produktivsten sein dürfte, wenn ich hier als Intendant mit dem kaufmännischen Geschäftsführer, mit diesem Oberbürgermeister und diesem Kulturminister eine Lösung finde für die Zukunft des Volkstheaters, die wirklich für alle Beteiligten akzeptabel ist. Und nachdem ich bewiesen habe, dass ich da auch zu den konsequentesten und radikalsten Schritten bereit bin, versuche ich seit meiner Rückkehr durchaus zu schauen, was geht auf diplomatischerem, unöffentlicherem Wege, der vielleicht etwas weniger polarisiert. Denn ich habe ja nie vorgehabt, mich hier dauernd zu verzanken, polarisieren zu müssen. Ich kam her, um das Volkstheater Rostock etwas zu optimieren und eine größere Theaterlust zu erzeugen.



Interview von Dietrich Pätzold

28.08.2015
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