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Rostock Ich bin Ossi – über die ostdeutsche Identität von Nachwendekindern
Mecklenburg Rostock Ich bin Ossi – über die ostdeutsche Identität von Nachwendekindern
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13:19 11.11.2019
OZ-Kolumnistin Leni Rabbel ist ein Ossi – und das ist auch okay so. Quelle: Leni Rappel/dpa
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Rostock

Landtagswahl in Thüringen, 30 Jahre Mauerfall – der Osten ist aktuell wieder in aller Munde. Und damit auch die Ost-West-Debatte. Viele sind davon genervt, vor allem in meinem Alter. Sollte unsere Generation, die in einem vereinten Deutschland aufgewachsen ist, da nicht drüberstehen? Aber anscheinend tut sie das nicht, denn auch die Post-Wende-Kinder, die in den 90ern geboren sind nehmen noch Unterschiede wahr- mich selber miteingeschlossen. Woran liegt das? Ostdeutsch zu sein weicht noch immer von der Norm ab, die die (West)-Deutschen darstellen. Aber es hat sich etwas verändert: Während unsere Eltern, die die DDR erlebt haben, sich anpassen wollten und eher beschämt reagierten, wenn sie im Westen als „Ossis“ enttarnt wurden, stehen heute vielen junge Menschen selbstbewusst zu ihrer Herkunft aus den neuen Bundesländern.

Grenzgänger

Ich bin in Rostock aufgewachsen und habe bis ich mit dem Modeln anfing und in den Westen zog, wenig über das Ostdeutsch sein nachgedacht. Erst als ich zum „Grenzgänger“ wurde, fielen mir auf einmal so viele Unterschiede auf. Die emanzipierte Rolle der Frau und das schiere Entsetzen, als einige Leute erfuhren, dass meine Mutter kurz nach der Geburt wieder anfing zu arbeiten. Der Stellenwert von Religion und das wirtschaftliche Ungleichgewicht. Im Gespräch mit Freunden aus dem Westen bemerkte ich, dass keiner den „Traumzauberbaum“ von Reinhard Lakomy oder Pittiplatsch und Schnatterinchen kannte. Hatte ich eine andere Kindheit verbracht? In meiner Welt tanzte ganz Deutschland bei Familienfeiern zu „KlingKlang“ die Straßen entlang. Das möhlig, als das perfekte ostdeutsche Wort, mit dem meine Mutter meine Unordnung beschreibt, im Westen für Fragezeichen sorgt, hat mich überrascht. Bis ich bemerkte, dass es außer Rotkäppchen Sekt oder dem grünen Pfeil wenig ostdeutsche Einflüsse in Gesamtdeutschland gibt. Was natürlich auch durch das Zahlenverhältnis bedingt ist: 12.5 Millionen Ostdeutsche stehen 65 Millionen Westdeutschen (ohne Berlin) gegenüber.

Wahlen und Bananen

Im Rahmen der Recherche zu dieser Kolumne habe ich bei Instagram eine Umfrage durchgeführt, 66% meiner Follower, die größtenteils zwischen 18 und 24 Jahre alt sind, merken auch heute noch Unterschiede zwischen „Ossis“ und „Wessis“ (welche als Teilnehmer übrigens sehr ausgeglichen waren). Pegida und die AfD prägen bedauerlicher das Bild des Ostens bei Menschen, die noch nie in den neuen Bundesländern waren. Kann ich verstehen. Ostdeutschland ist in den Medien auch nur so nach Wahlen präsent. Viele, die wie ich die Welt wechselten erleben in ihrem Alltag im Westen nicht selten Vorurteile. Nicht, dass jemand einen wirklich angreifen würde, nein. Aber kleine Sticheleien und Stereotype- und das Anbieten von Bananen- finden häufig ihren Weg ins Gespräch.

Die Mauer im Kopf

Wenn ich über diese Erfahrungen gesprochen habe, bin ich bei „Wessis“ selten auf viel Verständnis gestoßen. Irgendwann fragt man sich natürlich, ob man sich da was einbildet und warum man selber diese Mauer im Kopf hat. Um das zu überprüfen, habe ich mich den Möglichkeiten des World Wide Webs bedient und geguckt, was die Forschung dazu sagt. Daniel Kubiak von der Humboldt Universität Berlin konnte mir erklären, warum ich mich immer fühle, als müsste ich den Osten hochhalten und meine Herkunft verteidigen.

Der Ossi als „symbolischer Ausländer“

Das Gefühl ergibt sich vor allem als Reaktion auf die diskursive und mediale Abwertung. Der Osten ist rechts, immer ein bisschen hinterher und die Löhne sind schlechter. Ostdeutsche sind die Anderen. So eindeutig das Bild des typischen Ossis scheint, etwas wie „westdeutsche Identität“ gibt es nicht, es ist die Norm, die wenig hinterfragt wird. Aus dieser empfundenen Abwertung entsteht ein starkes Zugehörigkeitsgefühl. Rebecca Pates von der Universität Leipzig spricht von dem Ossi als „symbolischen Ausländer“. Kubiak beschreibt gar eine „Einheitsfiktion“: man kann politische und kulturelle Einheit nicht gleichsetzen, schon gar nicht, wenn so wenig ostdeutsche Kultur ihren Weg ins vereinte Deutschland gefunden hat.

Ein neuer Osten

Es gibt, vor allem für Nachwendekinder, also noch viel Diskussionsbedarf in Bezug auf den Osten. Netzwerke wie „3te Generation Ost“ setzen sich für ein neues Bild von Ostdeutschland ein. Marteria und Feine Sahne Fischfilet halten ihre ostdeutsche Herkunft hoch und zeigen, dass wir noch nicht komplett im Arsch sind.

Es vereint das Gefühl und das Bedürfnis, etwas richtig stellen zu wollen, zu zeigen, dass der Osten anders ist, als man ihn in den Medien nach Landtagswahlen sieht. Dass immer mehr, vor allem junge Leute, aus dem Ost laut werden und den Diskurs fordern, ist kein Rückschritt. Es treibt die Einheit und die Integration voran, denn man versteckt sich nicht für seine Herkunft, sondern begegnet sich endlich auf Augenhöhe.

Bildergalerie: Leni Rabbel auf Instagram

Für ihre Follower ist sie unter dem Namen „lenilicious“ bekannt, für Familie und Freunde einfach nur als Leni: Diese Rostocker Influencerin bloggt jetzt für die OZ.

Alle Teile aus Lenis Kolumne gibt es hier zum Nachlesen.

Von Leni Rabbel

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