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Rostock Von der Ostsee zurück in die Großstadt: Was ich an Rostock vermissen werde
Mecklenburg Rostock Von der Ostsee zurück in die Großstadt: Was ich an Rostock vermissen werde
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15:55 22.10.2019
Leni Rabbel zieht wieder in ihre Berliner Wohnung – und vermisst den Strand von Warnemünde.
Leni Rabbel zieht wieder in ihre Berliner Wohnung – und vermisst den Strand von Warnemünde. Quelle: Leni Rabbel
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Rostock

Das neue Semester geht los und nach fast drei Monaten Aufenthalt in Rostock ziehe ich wieder in meine Wahlheimat Berlin. In letzter Zeit war ich nur zum Arbeiten oder für Partys hier, das kann der Zustand meiner Wohnung nicht verleugnen.

Nach zwei Stunden Schadensbegrenzung geht es raus auf die Straßen der Hauptstadt: Freunde treffen, Einkaufen, wieder in den Alltag finden. Es fällt mir schwerer als gedacht. Als der erste Krankenwagen mit Martinshorn an mir vorbeifährt, bin ich auf dem besten Weg, neuer Mitfahrer zu werden und einen Herzinfarkt zu erleiden – erst nach dem Dritten innerhalb einer halben Stunde bin ich einigermaßen stabil.

Die U-Bahn riecht nach Schnaps und Urin – „Dit is Berlin“

Am nächsten Morgen muss ich U-Bahn fahren, die U8 ist heiß, voll und riecht nach Schnaps und Urin. Die Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“ wird angeboten und neben mir macht sich ein Mann um 9.30 Uhr das erste Bier auf. „Dit is Berlin“ denke ich mit leichtem Augenzwinkern und fühle mich wie eine Mitvierzigerin, die das erste Mal mit ihren Mädels die Großstadt unsicher macht.

Ich drehe die Musik auf meinen Kopfhörern (leider immer noch keine großstädtischen, kabellosen Kopfhörer) etwas lauter und sehne mich ein bisschen nach meiner beschaulichen Heimat. Während der Ossi-Evergreen „Als ich fortging“ in meinen Ohren klingt, denke ich an all die Sachen, die ich an Rostock vermissen werde.

Jeder kennt jeden

Dieses erste Phänomen gibt es natürlich auch in Großstädten. Während sich das in der Hauptstadt aber eher auf das „who is who“ in der Berliner Schickeria bezieht und man sich von Partys, Events oder Instagram kennt, meine ich eine ganz andere Art der Vertrautheit aus der Heimat.

In Warnemünde trete ich aus der Tür und kann in einem Radius von nicht mal 600 Metern Bäcker, Bank, Apotheke, Frisör und Schuster von meiner To-Do-Liste abhaken – in Berlin muss ich dafür auch gerne mal in die Bahn steigen. Was aber das Schönste in der Heimat ist: Die Leute in den meisten Geschäften haben mich aufwachsen sehen, fragen nach der Familie und lassen die eine oder andere Sachen auch mal durchgehen, das fehlende Geld kann man auch später vorbeibringen, man kennt sich ja. Viele meiner Freunde behaupten, dass das in ihrem Berliner Kiez genau so sei, bei mir hat sich eine derart innige Beziehung aber bisher nur zum Späti-Verkäufer meines Vertrauens eingestellt.

40 Minuten Fahrtweg

Um in Berlin von einem Stadtteil zum nächsten zu kommen, kann gerne mal etwas Zeit vergehen. Deshalb kommt es vor, dass ich um Freunde zu besuchen häufiger 40 Minuten mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin. In Rostock undenkbar: in dieser Zeit ist man schon in Schwerin und damit in einer völlig anderen Stadt. Haben mich die 20 Minuten Fahrtweg von Warnemünde nach Rostock früher genervt, ist diese Fahrtzeit in Berlin für mich ein Klacks. Freunde mal eben zu Fuß besuchen kommt für mich in der Hauptstadt eher selten vor.

„Und ich schau auf Beton und ich träume vom Meer“

Schöner hätte es Joy Denalane nicht singen können. Natürlich fehlt mir das Meer vor allem an heißen Sommertagen – ich halte relativ wenig von stehenden Gewässern, zu denen man (natürlich) 40 Minuten fährt und dann eng an eng im „Sand“ liegt. Aber auch im Winter fehlt mir die Ostsee, der Blick aufs Meer beruhigt ungemein. Auch wenn es pathetisch klingen mag, die scharfe und gesunde Seeluft befreit trotz Küstennebel die Lunge, den Kopf und die Seele. In Berlin ist eine vergleichbare Weite schwer zu finden und meistens schaue ich tatsächlich auf Beton.

Familie und Verbindlichkeiten

Stundenlang mit meiner Mama quatschen, Rätseln mit Oma, sich mit meinen Schwestern streiten und vertragen, das sonntägliche Familienessen… all das fehlt mir, aber dafür kann Berlin nun wirklich nichts. Was mich aber an der Großstadt nervt, ist die wahnsinnige Unverbindlichkeit. Keiner mag sich so richtig auf einen Plan für das Wochenende festlegen, es könnte sich ja noch etwas Besseres ergeben. „Lass dann nochmal schreiben“ ist halt einfacher, als sich wirklich an einen Termin zu halten. Leider merke ich, dass ich langsam auch diese Art des Verabredens annehme und mich immer mehr assimiliere.

Berlin, Halleluja, Berlin

Dieser Text mag den Eindruck erwecken, dass ich gar nicht gerne in Berlin wohne. Das entspricht absolut nicht der Wahrheit. Ich liebe Berlin: die Kunstszene, die Freiheit, die Toleranz, die Möglichkeit in der Masse zu verschwinden, das kulinarische und kulturelle Angebot, meine Freunde und dass die U-Bahn alle fünf Minuten kommt. Nur manchmal kann eine Metropole auch sehr anonym und schnelllebig sein und grade dann vermisse ich mein ehrliches, übersichtliches Rostock.

Bildergalerie: Leni Rabbel auf Instagram

Für ihre Follower ist sie unter dem Namen „lenilicious“ bekannt, für Familie und Freunde einfach nur als Leni: Diese Rostocker Influencerin bloggt jetzt für die OZ.

Alle Teile aus Lenis Kolumne zum Nachlesen

Von Leni Rabbel