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Rostock Mann aus Gnoien erkrankt an Parkinson: „Ich habe mich gefühlt wie ein 90-Jähriger“
Mecklenburg Rostock Mann aus Gnoien erkrankt an Parkinson: „Ich habe mich gefühlt wie ein 90-Jähriger“
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20:25 26.08.2019
Prof. Dr. Alexander Storch, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Unimedizin Rostock, kontrolliert bei seinem Patienten Stefan Zimmer aus Gnoien den Sitz des über dem rechten Brustmuskel implantierten Akkus für den Hirnschrittmacher Quelle: Volker Penne
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Rostock

Dank eines Hirnschrittmachers kann Stefan Zimmer aus Gnoien (Landkreis Rostock) wieder aktiv sein Alltagsleben gestalten. Spezialisten der Unimedizin Rostock haben den Impulsgeber vor knapp einem Jahr im Gehirn des sehr stark an der Parkinson-Krankheit leidenden Mannes implantiert.

Mediziner und Forscher der Hansestadt sind maßgeblich an der Umsetzung des „Elaine“-Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft beteiligt. An diesem Großvorhaben wirken auch Experten der Universitäten Greifswald, Leipzig, Erlangen (Bayern) sowie des Leibniz-Institutes Greifswald mit. Die neuartigen Impulsgeber sollen zudem für die Regeneration von Knochen und Knorpel sowie gegen unwillkürliche Muskelanspannungen eingesetzt werden.

Zittern: Patient vermutete eingeklemmten Nerv

Vor fünf Jahren brach für Zimmer eine Welt zusammen. Dem gelernten Heizungsbauer und studierten Maschinenbautechniker machte ein Zittern in seinem linken Bein zu schaffen. „Ich dachte, ich habe mir einen Nerv eingeklemmt und suchte den Hausarzt auf“, erinnert sich der heute 40-Jährige. Es folgten umfangreiche Untersuchungen unter anderem in Greifswald. Dann stand der Befund fest: Parkinson.

Anfänglich hielten sich die Probleme in Grenzen. Doch der Gesundheitszustand verschlechterte sich bei dem Hobbyfotografen zusehends. „Das Zittern trat auch immer häufiger in den Händen auf. Bei einer Verkehrskontrolle fragte mich der Polizist barsch, ob ich Alkohol getrunken habe“, berichtet Zimmer.

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Folgenschweres Leiden

„Es handelt sich um eine degenerative Erkrankung. Den Verlust von Nervenzellen kann man derzeit noch nicht aufhalten“, sagt Prof. Dr. Alexander Storch, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Unimedizin Rostock. Dabei seien die Ursachen noch weitestgehend ungeklärt, so der erfahrene Neurologe.

Mit speziellen Medikamenten, Pflastern bzw. einer gleichmäßigen Gabe von Präparaten mittels Pumpentherapie wird versucht, den Mangel des Botenstoffes Dopamin auszugleichen. Trotz hoher Dosierungen der Medikamente nahmen die Bewegungsstörungen jedoch bei Zimmer erheblich zu. Hinzu kamen starke Nebenwirkungen durch die Präparate. „Ich habe mich gefühlt wie ein 90-Jähriger. Bereits das Mähen einer kleinen Rasenfläche hat mich total geschafft“, verdeutlicht er.

Bestimmte Hirnareale aktiviert

Blieb die Alternative der sogenannten tiefen Hirnstimulation. Sie erfolgt per Hirnschrittmacher. Diese können durch die Erzeugung elektrischer Impulse bestimmte Hirnareale stimulieren und dazu beitragen, beispielsweise die fortschreitenden Bewegungseinschränkungen bei Parkinson-Patienten zu stoppen.

Den Schrittmacher setzen die Spezialisten im Gehirn ein. Der Akku für den Impulsgeber wird über dem Brustmuskel oder im Bauchfett des Patienten platziert. Von dort aus führen Kabel hinter dem Ohr zu den Elektroden im Schädel. „Einen solchen Eingriff nehmen Neurochirurgen, Neurologen, Anästhesisten und erfahrene OP-Schwestern gemeinsam vor. Im Jahr schaffen wir in Rostock etwa 15 derartige Prozeduren“, sagt der gebürtige Bochumer Prof. Storch. Er gehörte 1997 zu dem Medizinerteam, das bundesweit einen der ersten Hirnschrittmacher einem Patienten in Heidelberg (Baden-Württemberg) implantierte.

OP erfolgt heutzutage früher

Schwere Komplikationen nach derartigen OP’s, wie Blutungen und Infektionen, seien heutzutage sehr selten. Der Rostocker Arzt beziffert die Größenordnung auf deutlich unter ein Prozent. Früher wurde ein solches Gerät im Schnitt 15 Jahre nach Ausbruch der Krankheit implantiert. Heute geschieht dies nach etwa sieben Jahren. „Die Risiken des komplizierten Eingriffs fallen dadurch geringer aus und das Wichtigste, dem Erkrankten geht es länger gut“, verdeutlicht der Mediziner.

Ein solcher Schrittmacher sendet extrem kurze elektrische Impulse in bestimmte Hirnareale. „Sie sind eine 60-Millionstel-Sekunde lang. Ihre Stärke beträgt etwa ein 100-Millionstel-Ampere“, sagt Prof. Dr.-Ing. Dirk Timmermann. Der Direktor des Institutes für Angewandte Mikroelektronik und Datentechnik der Uni Rostock macht diese kaum vorstellbaren Dimensionen in einem Vergleich deutlich: „Ein Handy hat einen zehn- – bis 100 000-fach höheren Stromverbrauch!“

Wirkmechanismus nicht völlig geklärt

Prof. Timmermann und seine Crew gehören zu den Fachleuten, die innerhalb des „Elaine“-Verbundes in 14 Forschungsprojekten agieren. Der Experte räumt ein, dass der Wirkmechanismus des Impulsgebers noch nicht vollständig geklärt sei. Sie können durch die Erzeugung elektrischer Impulse bestimmte Hirnareale stimulieren und dazu beitragen, beispielsweise die fortschreitenden Bewegungseinschränkungen bei Parkinson-Patienten zu vermindern.

Künftig wolle man einerseits das Spektrum der Stimulationspulse erweitern. Andererseits arbeite man mit Hochdruck an der Minimierung des Stromverbrauches des Akkus. „Ziel ist es, auf die Batterie ganz zu verzichten. Denn ein Akkuwechsel bedeutet für den Patienten immer auch eine erneute Infektionsgefahr.“ Derzeit muss die Batterie nach drei bis sechs Jahren komplett ausgetauscht werden.

Alternativ wird der Akku, wie bei Zimmer, mindestens alle 14 Tage induktiv geladen. Der Gnoiener empfindet die Methode als unkompliziert: „Der kabellose Prozess ist einfach. Einmal pro Woche lege ich für kurze Zeit den sogenannten Ladekragen um. Fertig.“

Sparsamer Prototyp bereits fertig

Die Warnemünder Elektrotechniker um Prof. Timmermann haben bereits den Prototypen eines Schrittmachers fertig, der so groß wie eine Ein-Cent-Münze ist. Dessen Stromverbrauch wurde bereits um ein Drittel gesenkt. Künftig soll auf das Aufladen der Schrittmacher von außen verzichtet werden. Konkret könnte die Körperwärme des Patienten die nötige Energie (siehe Kasten) liefern.

Stefan Zimmer indes feiert jetzt „zweimal im Jahr Geburtstag“. Er ist glücklich, von Spezialisten wie Prof. Storch betreut zu werden. „Ich konnte praktisch von Null auf Hundert durchstarten, fahre wieder selbst Auto. Nicht so einfach ist es für ihn dagegen die Rückkehr in die normale Arbeitswelt. Einen 30-Stunden-Job als Planer in einer Fensterbaufirma musste er auf ärztliches Anraten hin beenden. Der Leistungsdruck wurde zum Problem.

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Von Volker Penne