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Rostock Medikamenten-Mangel in Rostocker Apotheke: „Wir machen uns Sorgen um die Patienten“
Mecklenburg Rostock Medikamenten-Mangel in Rostocker Apotheke: „Wir machen uns Sorgen um die Patienten“
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19:04 28.08.2019
Sandra Lott (v.l.), Franziska Wegner, Kerstin Penz und Steffi Nehls sind Mitarbeiterinnen der Aesculap-Apotheke in Rostock. Quelle: Axel Büssem
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Rostock

Kleine rote Zettel kleben an vielen Schubladen in der Aesculap Apotheke von Axel Pudimat in Rostock. Fast die Hälfte aller Fächer sind so markiert. Jeder einzelne Zettel steht für ein Medikament, bei dem es aktuell Lieferprobleme gibt. „In den letzten Monaten haben die Probleme noch mal erheblich zugenommen“, stellt Pudimat fest.

Leidtragende sind in erster Linie die Patienten. Aber auch an dem Apotheker und seinen Mitarbeiterinnen geht das nicht spurlos vorüber.

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Mitarbeiter bekommen Frust ab

Mitarbeiterin Franziska Nehls schildert den Fall einer Patientin, die das Blutdruckmittel Valsartan nimmt. Das Präparat musste im vergangenen Jahr wegen einer Verunreinigung vom Markt zurückgerufen werden, daher bekam die Patientin ein wirkungsgleiches Medikament eines anderen Herstellers. „Dafür gab es dann aber auch Lieferschwierigkeiten, also sollte die Patientin ein drittes Mittel bekommen. Da hat sie dann ihren Frust an mir ausgelassen und das Medikament auch nicht mitgenommen.“

Für Nehls war das keine einfache Situation: „Man macht sich dann schon Sorgen, denn die Patientin wird ja mit einem lebenswichtigen Medikament nicht versorgt.“

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Lieber warten als eine andere Pille nehmen

Ihre Kollegin Sandra Lott ergänzt: „Viele Patienten sind sehr verunsichert, wenn die Ersatzmedikamente einen anderen Namen, eine andere Farbe oder eine andere Form haben.“ Ein anderes Problem sei, dass oft nicht die verschriebene Packungsgröße vorrätig oder lieferbar sei. „Wenn wir den Kunden dann zwei kleinere Packungen geben, müssen sie auch zwei Mal zuzahlen.“

Patienten berichten teilweise, dass sie vorher schon in fünf oder sechs anderen Apotheken waren, sagt Nehls. „Manche verzichten dann sogar auf die Alternativen und wollen warten, bis ihr gewohntes Medikament wieder da ist.“

In Lebensgefahr

Das kann aber gefährlich werden, warnt ihre Kollegin Franziska Wegner: „Ich hatte kürzlich eine Kundin, die ein Mittel brauchte, das gegen Schmerzen und gegen Epilepsie verschrieben wird. Da es nicht verfügbar war, wollte sie lieber warten. Inzwischen haben wir jedoch erfahren, dass das Präparat in diesem Jahr nicht mehr geliefert werden kann.“ Also setzten die Mitarbeiterinnen der Aesculap Apotheke alle Hebel in Bewegung, um die Patientin zu finden und sie zu informieren. Denn falls sie tatsächlich Epileptikerin ist, hätte sie in Lebensgefahr schweben können.

Deutsche Arznei im Ausland verkauft

Ein Patient, der seinen Namen nicht nennen möchte, bekommt Tabletten gegen seine Zuckerkrankheit. „Mir wurde schon zwei Mal gesagt, dass sie derzeit nicht lieferbar seien. Sie mussten dann direkt beim Hersteller bestellt werden.“ Zum Glück sei das Präparat bislang noch immer rechtzeitig eingetroffen, bevor er die letzten Tabletten genommen hatte. „Aber es ist schon ärgerlich, wenn man in die Apotheke geht und schon vorher fürchten muss, nicht alles zu bekommen.“

Apotheker Pudimat kennt dieses Problem: „Manche Medikamente müssen aufgrund von Regularien in Deutschland günstig verkauft werden. Teilweise kaufen dann Firmen die Bestände in Deutschland auf und verkaufen sie wieder in Ländern, wo sie teurer sind, etwa in Großbritannien.“ Manche Hersteller seien daher dazu übergegangen, nur noch kleinere Mengen auf einmal abzugeben oder sogar erst nach Vorlage eines Rezepts, um diesen grenzüberschreitenden Handel zu unterbinden.

Apotheker Axel Pudimat führt die Aesculap Apotheke in Rostock. Quelle: Axel Büssem

Andere Kunden sind genervt

Fast stündlich seien Kunden am Schalter, deren Rezept nicht wie verschrieben eingelöst werden kann, sagt Pudimat. „Das Suchen nach Alternativen kostet uns viel Zeit. Auch die anderen Kunden in der Schlange müssen dann länger warten und sind genervt.“ Etwa fünf bis sechs Arbeitsstunden pro Woche müsse er inzwischen für dieses Problem einplanen.

Die verlorene Zeit ist das eine – die Berufsehre das andere: „Am unangenehmsten ist es für uns, wenn ein eigentlich gängiges Medikament nicht da ist“, sagt Kollegin Kerstin Penz. Sie hat eine langjährige Kundin, die regelmäßig das Schmerzmittel Ibuprofen braucht. „Ich weiß, dass sie hart arbeitet, und man sieht auch schon an ihrem Gang, dass sie die Tabletten braucht.“

Nicht richtig versorgt

Doch durch den Ausfall eines Herstellers in den USA ist derzeit selbst dieses Medikament knapp. „Die Kundin bekommt es normalerweise in der Stärke 800. Ich habe ihr dann 600er gegeben und gesagt, sie soll anderthalb davon nehmen. Aber eigentlich wurde sie nicht so versorgt, wie es sein sollte“, klagt Penz. „Das ist so frustrierend. Wir haben doch diesen Beruf ergriffen, weil wir den Menschen helfen wollen.“

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