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Rostock Mediziner aus Irak baut eigene Praxis
Mecklenburg Rostock Mediziner aus Irak baut eigene Praxis
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18:19 25.07.2019
Allgemeinmediziner Duraid Fattah führt seit 2006 die Hausarztpraxis in Broderstorf. Quelle: Doris Deutsch
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Broderstorf

„Ein neuer Arzt, Ausländer, auf dem Land“, das sei anfangs schon eine schwierige Kombi gewesen, erinnert sich Duraid Fattah an die Zeit, als er 2006 die Hausarztpraxis in Broderstorf von seinem Vorgänger übernahm. Der 53-Jährige stammt aus dem Irak, hat dort Medizin studiert und dann in Deutschland seine Facharztausbildung absolviert.

„Ich wollte gar nicht bleiben“, sagt Fattah, doch seine Exfrau kam aus Rostock und so verschlug es ihn in den Norden. „Ich mag das Meer“, gesteht er und längst sei er auch in seiner Gemeinde angekommen, hat hier in Neu-Broderstorf ein Haus gebaut. Seit 1995 lebe er nun schon in Deutschland. „18-mal bin ich hier umgezogen“, erzählt er schmunzelnd. Und im November wird er erneut umziehen. In seine eigene Praxis, die er mitten in Broderstorf gerade baut.

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Praxis auf dem Dorf – perfekt

Jetzt hat der Hausarzt seine Räume gleich nebenan, im Amt Carbäk. Doch die 99 Quadratmeter reichen nicht mehr. „Wir haben inzwischen 50 Prozent mehr Patienten als bei Praxisübernahme“, ist Fattah froh. Dabei hätten ihm Kollegen keine guten Aussichten als Landarzt prognostiziert, „weil du Ausländer bist“. Doch Fattah konnte mit guter Arbeit überzeugen und mit Leidenschaft für diesen Job.

Vor ihm hätten drei deutsche Ärzte das Angebot der Praxisübernahme abgelehnt. „Ich fand es von Anfang an perfekt“, sagt Fattah. „Die Nähe zur Stadt und doch auf dem Land. Man hat hier viel mehr Kontakte, kennt die Familien, auch die privaten Probleme der Patienten. Das geht nur auf dem Dorf.“ Das Patienten-Arzt-Verhältnis sei viel enger. „Das mag ich“, betont der Mediziner.

Landarzt auch Seelsorger

Wenn er zu Hausbesuchen rausfahre, in der Mittagspause oder zum Abend hin, sei er für seine meist älteren Patienten oft auch Seelsorger und Gesprächspartner. Fattah betreut nicht nur die Bewohner seiner Gemeinde, Patienten kämen aus Laage, Rostock, Tessin. „Manche fahren fast eine Stunde für einen kurzen Arztbesuch“, erzählt Fattah. Ein großer Vertrauensbeweis, findet der Allgemeinmediziner. „Es war die beste Entscheidung vor 14 Jahren, mich hier niederzulassen. Ich finde, Landarzt ist ein sehr schöner Beruf.“

Ihm zur Seite stehen drei Schwestern. Die gelernte Kinderkrankenschwester Bärbel Hofmann gehört seit 2008 zum Team. Sie lobt das Arbeitsklima. Auch sie sei anfangs mit Klischees zu ihrem Chef konfrontiert worden. Nichts habe sich bestätigt, das Verhältnis sei sehr herzlich. „Die Patienten sind zufrieden, man kennt die Familien, das ist einfach schön.“

Syrische Patienten kommen zum Doktor

Inzwischen kämen auch viele syrische Patienten, mit denen der Doktor arabisch spreche. Im Wartezimmer sei zunächst eine gewisse Skepsis aufgefallen. „Aber immer mehr beobachte ich, wie sich die Menschen unterhalten, Interesse haben, wo denn wer herkommt.“ Und manchmal bringen die ausländischen Patienten auch arabische Süßigkeiten mit: „Lecker!“, sagt die Arzthelferin, „es ist alles ganz normal hier, eine richtige Landarztpraxis eben.“

Bürgermeisterin Monika Elgeti sieht das gute Miteinander als selbstverständlich an. „Unser Zahnarzt kommt aus Bulgarien“, nennt Elgeti ein weiteres Beispiel. Sie freue sich, dass sich der Hausarzt nun mit dem Neubau seiner Praxis klar zur Gemeinde bekenne und die medizinische Versorgung der Einwohner auf lange Sicht sichergestellt sei. „Außerdem baut er ja noch drei barrierefreie Wohnungen, das ist eine Bereicherung für unser Wohnungsangebot“, betont die Bürgermeisterin.

Investition ohne Fördermittel

Stolz führt Duraid Fattah über die Baustelle, grüßt freundlich jeden Arbeiter. „Viele sind meine Patienten“, sagt der Arzt, „ich vertraue ihnen.“ Erst im Februar wurde der Bau begonnen, im November soll Einweihung sein. Großzügig ist die Innenaufteilung: Warteraum, Empfang, Arztzimmer, Labor, Archiv, Aufenthaltsraum. „Die Helferinnen haben ordentlich mitbestimmt“, schmunzelt Fattah, der das Gebäude ohne Fördermittel errichtet und einen höheren sechsstelligen Betrag investiert.

Er habe Förderung beantragt, wurde aber hingehalten und sollte nun bis Oktober mit dem Baustart warten, um eventuell eine Bestätigung zu bekommen. „Es werden doch Ärzte gebraucht“, hat der Mann aus dem Irak wenig Verständnis für deutsche Bürokratie. Und er wollte seine Patienten und sein Personal nicht länger vertrösten. Deshalb stemmt er das Projekt nun allein.

„Man bleibt immer Ausländer“

Gleich neben der Praxis hat er ebenerdig drei barrierefreie Einraumwohnungen mit Bad und Küchenzeile vorgesehen. Der Bedarf sei da, weiß er von seinen Patienten. Dazu hat er einen Raum für einen möglichen Pflegedienst eingeplant. Und einen Praxisraum mit separatem Eingang, der zu vermieten wäre. „Vielleicht an einen Psychologen oder Podologen“, sagt Fattah.

In den Irak, zu seiner Mutter und der Familie, fährt er selten. „Meine Heimat ist inzwischen hier“, sagt Duraid Fattah, „aber man bleibt immer Ausländer.“ Ausgleich findet der Hausarzt bei Spaziergängen im Wald und am Wasser. „Und im Garten gibt es ja auch einiges zu tun.“ Und da schaut denn wieder der eine oder andere über den Zaun und fragt den Doktor um Rat. So richtig Feierabend hat der Landarzt eigentlich nie.

Doris Deutsch