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Rostock Mit Wagner nach der Wende in den Untergang
Mecklenburg Rostock Mit Wagner nach der Wende in den Untergang
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16:27 05.10.2015
Charly Hübner als Kommissar „Sascha“ Bukow und Anneke Kim Sarnau als Katrin König im Polizeiruf 110 in Rostock.
Charly Hübner als Kommissar „Sascha“ Bukow und Anneke Kim Sarnau als Katrin König im Polizeiruf 110 in Rostock. Quelle: NDR
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Rostock

Es gibt da die Szene, in der der Antifa-Typ und die Enkelin der bösen Unternehmerclique Papierschiffchen in die Elbe setzen – zur Trauer an die Mutter, die beim Brand in Teil eins zu Tode kam. Eine Schlüsselszene. Die Elbe fließt ja in die Nordsee und von dort ist es – wenn man über fliegende Schiffe verfügt – ein Klacks zur Ostsee, wo der Krimi seine Auflösung findet.

Elbe, Nord/Ostsee, Ost/West, Treuhand, Stasi, antike Tragödie und jede Menge Wagner im Polizeiruf „Wendemanöver“ aus Magdeburg und Rostock. Es ist am Ende doch zu viel. Wer behauptet, die Handlung dieses Zweiteilers verstanden zu haben, der hat auch den Sinn der Matrix-Trilogie kapiert.

Im Polizeiruf kommt Unternehmergattin Richter bei einem Brand in Magdeburg um, in Rostock wird ein Wirtschaftsprüfer ermordet. Der Verdächtige und potenzielle Zeuge wird im Beisein Bukows gemeuchelt, Bukow gerät in Verdacht und taucht ab.

Die Spuren führen in die Wendezeit. Es geht um Treuhand, Vereinigungskriminalität, einen Mord von 1995, eine vorgetäuschte Vergewaltigung.

Am Ende war es der Ehemann und Unternehmenserbe, der die Firma aus Frust anzündete, in der seine Gattin umkam, die er bei ihrem Geliebten wähnte. Am Ende mordete der Sohn des Bösewichts, dessen Frau in Hamburg nach der Wende durch Abwicklungskriminalität zu Reichtum kam. Jener smarte Öko, in den sich Katrin König verliebt hatte. Das hat Ausmaße der griechischen Tragödie, was Regisseur Eoin Moore bietet. Diesen dicken Einheitskrimi-Eintopf würzt Moore mit reichlich Wagnerschem Pathos. Der Oberbösewicht zitiert Wagneropern, während er Bukow mit dem Elektroschocker lähmt und der zahlt’s ihm heim mit dem Matrosenchor aus dem Fliegenden Holländer: „Steuermann lass die Wacht. Steuermann her zu uns.“ Es ist wohl nicht zu viel verlangt, dass ein Polizist mit Milieuhintergund das textsicher aufsagen kann.

In diesem Polizeiruf geht es um die Schuld der Großelterngeneration, die Hilflosigkeit der Eltern und die Unschuldigkeit der Enkel. Ein verwirrendes Lagebild, wie man bei der Marine sagt. Oder wie Katrin König meint: „Ich glaub, ich bin anders als normale ’Menschen.“ Bukow: „So wie ich!“ König: „Äh nee, Sie sind anders anders.“ Und Bukow: „Ja! Ja!“ Ja, ja. Verwirrendes Deutschlandbild.



Michael Meyer

05.10.2015
05.10.2015