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Rostock Nach Sensationsfund: Hier graben Archäologen Rostocks ältesten Hafen aus
Mecklenburg Rostock

Nach Sensationsfund: Hier graben Archäologen Rostocks ältesten Hafen aus

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17:54 30.12.2019
Ausgrabung am Primelberg: Jens Lühmann legte den Schiffsspant bei den Ausgrabungen im vergangenen Jahr frei. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Der spektakuläre Fund ist ein schmales gebogenes Holzstück, fast drei Meter lang, hergestellt aus dem Stamm einer Esche. Vor mehr als tausend Jahren sollte es mit Kielansatz, gebohrten Löchern und Kopfenden offenbar in einem Boot als Spant eingesetzt werden, eine Vorrichtung zur Verstärkung der Planken.

Für Wissenschaftler ist das Holzstück ein eindeutiges Indiz: Am Primelberg im heutigen Stadtteil Gehlsdorf befand sich Rostocks ältester Hafen. „Dieser Fund ist ein echtes Highlight“, sagt Sebastian Messal vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Berlin, der die Grabungen leitete.

Entdeckt wurde der Spant im vergangenen Jahr. Die Ausgrabungsstätte in Gehlsdorf trägt in der wissenschaftlichen Fachliteratur seit vielen Jahren den Namen „Dierkow-Primelberg“. Dort haben Archäologen von 2013 bis 2018 eine größere Fläche untersucht. Das Ziel war es, herauszufinden, ob es zur Zeit der slawischen Besiedlung am Flusslauf der Warnow überhaupt einen Hafen gab. Messal: „Und jetzt wissen wir auch, wo er sich befand.“ Der große Naturhafen bestand etwa vom 8. bis 10. Jahrhundert in der heutigen Hechtgrabenniederung westlich des Primelbergs – mit einer direkten Flussanbindung an die Warnow.

Walkürenfibel bezeugt Handel mit Skandinavien

Damals gebräuchliche Schiffe konnten den Hafen mit ihren flachen Böden und geringem Tiefgang problemlos anlaufen. „Dies bezeugt eindrucksvoll der Fund des hölzernen Spants eines frühmittelalterlichen Bootes“, betont Messal. Die Dokumentation des Schiffsspants und vieler weiterer Funde sowie die jüngsten Erkenntnisse aus den Ausgrabungen wurden in der Broschüre „Auf der Suche nach dem ältesten Hafen Rostocks“ aufbereitet.

Bildergalerie zu den spektakulären Funden aus der Slawenzeit

Auf der Suche nach dem alten Hafen

Denn nicht nur der Spant, auch andere herausragende Funde, die dank des hohen Grundwasserspiegels gut erhalten wurden, bezeugen die Existenz eines Seehandelsplatzes in Dierkow. „Wir haben Handelsgüter und Trachtgegenstände etwa aus Skandinavien gefunden“, erklärt Messal. Besonders eindrucksvoll ist eine skandinavische Fibel, die eine mit Schild, Helm und Schwert bewaffnete Walküre darstellt. Diese Kriegerinnen des Gottes Odin sammelten der alten Mythologie zufolge die tapferen Gefallenen von den Schlachtfeldern und brachten sie nach Walhalla.

Hafen war ein internationaler Platz

Dass die Menschen im alten Dierkow einen regen Handel mit anderen Ländern unterhielten, wurde auch anhand weiterer Funde nachgewiesen. Dazu gehören Schleif-, Wetz- und Mühlsteine aus Norwegen. Aus den Schwarzmeerländern und dem Byzantinischen Reich bezog man Schmucksteine, wie Amethyst, Karneol, Bergkristall oder Gagat, sowie Glasperlen. Und viele Handelsgüter – etwa Basaltmühlsteine, Keramik, Trinkgläser und Waffen – stammten aus dem Rheinland. „Das zeigt, dass der Hafen damals ein internationaler Platz gewesen ist“, erklärt der Archäologe.

Broschüre: „Auf der Suche nach dem ältesten Hafen Rostocks“

Mit dem Titel „Auf der Suche nach dem ältesten Hafen Rostocks“ ist eine reich bebilderte Broschüre erschienen, die die ersten Forschungsergebnisse der mehrjährigen Ausgrabungen am Primelberg in Rostock-Dierkow zusammenfasst. Unter Projektleitung von Prof. Dr. Hauke Jöns vom Niedersächsischen Institut für Historische Küstenforschung erläutert Autor und Grabungsleiter Dr. Sebastian Messal in der Broschüre die wichtigsten Ergebnisse der bisherigen Forschungen.

Die zwischen 2013 und 2017 durch das Deutsche Archäologische Institut in Berlin und das Niedersächsische Institut für Historische Küstenforschung in Wilhelmshaven durchgeführten Ausgrabungen waren Teil eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten mehrjährigen Forschungsprojektes zu frühmittelalterlichen Seehandelsplätzen an der südlichen Ostseeküste und ihren Häfen.

Die 80-seitige Broschüre kann im Internet heruntergeladen werden: „Auf der Suche nach dem ältesten Hafen Rostocks

Dierkow – dessen alter Name nicht überliefert ist – reiht sich somit ein in eine Vielzahl von Häfen und Handelsorten entlang der südlichen Ostseeküste. Zwischen der Lübecker und der Danziger Bucht wurden bislang neun slawische Zentren, in zeitgenössischen Schriftquellen als Emporien bezeichnet, archäologisch nachgewiesen. Auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern gehören dazu neben Rostock-Dierkow auch Groß Strömkendorf, Ralswiek und Menzlin.

Funde werden jetzt wissenschaftlich ausgewertet

Weitere Ausgrabungen sind vorerst nicht geplant. „Wir werden die Funde jetzt wissenschaftlich auswerten, das hat Priorität“, sagt Messal. Zudem seien Untersuchungen im Grundwasserbereich, wie in der Hechtgrabenniederung, mit hohen Kosten verbunden, weil der Boden dafür trockengelegt werden muss.

Die Archäologen wollen zudem die weitere Entwicklung geophysikalischer Methoden abwarten. Mit Hilfe etwa von Georadar können im Boden verborgene Strukturen – z. B. Befestigungsgräben, Häuser und Gräber – mit elektromagnetischen Wellen aufgespürt werden. „Auf die Weise braucht man bei der Ausgrabung nur wenig archäologisches Denkmal zu zerstören, denn dafür ist der Fundplatz zu bedeutend“, so Messal.

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