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Rostock Das ist Rostocks neuer Mann in Europa
Mecklenburg Rostock Das ist Rostocks neuer Mann in Europa
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07:08 28.05.2019
Niklas Nienaß lebt seit sechs Jahren in Rostock – und hat die Stadt längst in sein Herz geschlossen. Quelle: Ove Arscholl
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Stadtmitte

Riesiger Jubel in der Rostocker Grünen-Zentrale am Doberaner Platz: Als erste Hochrechnungen für die Europawahl bekannt werden, gibt es kein Halten mehr. „Niklas, Niklas, Niklas“, skandieren die Grünen. Sie hüllen ihren Helden in eine EU-Flagge. Niklas Nienaß ist überraschend in das Europäische Parlament eingezogen. Ein Rostocker, Jura-Student, 26 Jahre alt. Er ist jetzt der einzige EU-Abgeordnete, der aus Mecklenburg-Vorpommern kommt. „Ich freue mich riesig“, sagt Nienaß mit einem Lächeln. Nur mit dem Jubel um seine Person muss er noch umgehen lernen. „Mir ist das ein bisschen unangenehm“, gesteht er.

Die Grünen feiern dennoch ihren Mann – der nun auch Vorbild für andere sein soll. Die Landeschefin der Partei, Ulrike Berger, ist überzeugt: „Seine Wahl ist ein starkes Signal an alle jungen Menschen, dass es sich lohnt, sich für die eigenen Überzeugungen zu engagieren.“ Doch wer ist dieser Niklas Nienaß, der auf den Friday-for-Future-Demos vorne mit dabei ist und die Schüler mit seinen Reden begeistert?

Seit sechs Jahren in der Hansestadt

Kurzvita

Niklas Hendrik Nienaß ist 1992 in Marl (Nordrhein-Westfalen) geboren. 2011 legte er am Rhein-Maas-Gymnasium in Aachen das Abitur ab. Die Jahre 2011 und 2012 verbrachte er in Südeuropa, Kenia und Tansania. 2013 zog er nach Rostock. 2018 beendete er erfolgreich sein Bachelor-Studium an der Uni Rostock.

Im Jahr 2009 trat Nienaß in die Partei Bündnis 90/Die Grünen ein und wurde aktives Mitglied der Grünen Jugend. Seit 2015 ist er Sprecher der LAG Frieden, Europa und Internationale Politik in Mecklenburg-Vorpommern. 2018 wurde er in den Landesvorstand der Grünen gewählt.

Der Student lebt seit sechs Jahren in Rostock. Er kommt aus Aachen, hat dort eine katholische Grundschule besucht. Während seiner Zeit auf dem Gymnasium war er ein halbes Jahr in den Vereinigten Staaten. „Der erste Teil meines Lebens war relativ konservativ geprägt, mit Kirche, teilweise Landleben und amerikanischem Waffengebrauch“, sagt Nienaß. Nach dem Abitur ging er ein halbes Jahr nach Kenia, arbeitete an einer Schule, gab Theater- und Deutschkurse.

Vor dem Studium sei ihm dann gleich klar gewesen: „Ich gehe in den Osten Deutschlands.“ Er habe viel über die neuen Bundesländer gehört, darunter einige Vorurteile, aber so wirklich kennengelernt habe er den Osten nie. „Ich wollte mehr erfahren über die Geschichte und wie es wohl war, in der DDR aufgewachsen zu sein“, sagt Nienaß. Daher habe er sich mit seiner damaligen Freundin für Rostock entschieden. „Die Nähe zum Meer hat ihren Teil zur Entscheidung beigetragen.“

Klimaschutz ist wichtigstes Thema

Jubel in der Rostocker Grünen-Zentrale über das Ergebnis der Europawahl. Quelle: Ove Arscholl

Nienaß studiert zunächst „Geschichte und Soziologie“ auf Bachelor. Nach zwei Semestern ist Schluss. Er schwenkt um auf den Studiengang „Good Governance“, einen juristischen Bachelorstudiengang, der interdisziplinär aufgestellt ist. „Die Verbindung von juristischen Inhalten mit Philosophie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Politikwissenschaften und Geschichte ist ein guter Ansatz für eine Welt, die immer komplizierter wird“, sagt Nienaß. Er spezialisiert sich auf den Bereich internationales und europäisches Recht.

In seiner Bachelor-Abschlussarbeit beleuchtet der Student den Zusammenhang von Pariser Klimaabkommen und nationalem Kohleausstieg. Der Klimaschutz ist sein wichtigstes Thema – und auch beim Wahlkampf stand es im Mittelpunkt. 15 Jahre lang sei in Deutschland nichts passiert, sagt Nienaß. Das Wahlergebnis sei nun ein Denkzettel für andere Parteien. „Sie müssen alle mehr Verantwortung für den Klimaschutz übernehmen.“

Auf der Suche nach Wohnung in Brüssel

Nach der Wahl wollte Nienaß nun ursprünglich sein Masterstudium abschließen. Doch die Abschlussarbeit muss erst einmal warten. Schon am Mittwoch geht’s nach Brüssel. „Wir haben dort unsere erste Fraktionssitzung“, sagt Nienaß, dessen Handy nicht mehr still steht seit dem Wahlerfolg am Sonntag. „Viele Journalisten melden sich plötzlich. Aber auch Familie und Freunde, die gratulieren und sich mit mir freuen. Das ist echt toll.“

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In Brüssel muss er sich nun auch eine Wohnung suchen. „Für die Sitzungswochen.“ Seine Wohnung im Stadtteil Reutershagen werde er aber nicht aufgeben. Er fühle sich super wohl in Rostock. In seiner Freizeit geht er gerne laufen, treibt Sport und spielt Klavier „nicht gut, aber gerne“, wie er sagt. Zu seinen Lieblingsplätzen zählt der Schwanenteich. „Dort kann ich laufen, grillen und chillen.“

Im Europa-Parlament will Nienaß auch mehr für Mecklenburg-Vorpommern erreichen. Bei seiner Arbeit als Kurierdienst sei er viel im Land herumgekommen: Nienaß belieferte zahlreiche Dörfer, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Unternehmen – dabei habe er auch viele Menschen und ihre Geschichten kennengelernt. „Ich habe einiges erfahren vom Leben im Sozialismus, von einer Kindheit mit Pittiplatsch, von Stasiakten und Witzen über die SED, die man hinter vorgehaltener Hand erzählte.“ Eins ist dennoch klar: „Ich bin kein Kind des Ostens“, sagt Nienaß. Aber: „Ich habe mir MV als Heimat ausgesucht und habe meine Wahl nie bereut.“

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