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Rostock Notunterkunft Stadthalle: Drei Stunden hoffen und bangen
Mecklenburg Rostock Notunterkunft Stadthalle: Drei Stunden hoffen und bangen
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21:56 27.03.2019
Die Rostocker Stadthalle diente während der Entschärfung einer Weltkriegsbombe in der Innenstadt als Notquartier für die Bewohner, wie hier Reinhard und Edith Scheer. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Mittwoch, 7.30 Uhr, in der Stadthalle: Die ersten 50 Rostocker und einige Hotelgäste sind im Notquartier angekommen und werden von 60 Mitarbeitern des DRK-Katastrophenschutzes empfangen, die sich vor allem um die hilfebedürftigen Evakuierten kümmern. Viele Senioren schieben ihre Rollatoren durch die Eingänge, die Aufregung über die ungewohnte Situation ist ihnen ins Gesicht geschrieben.

Die Bombe in der Baustelle im Rostocker Rosengarten wurde erfolgreich entschärft. Hier sind die Bilder von einer Stadt im Ausnahmezustand.

Kurze Unruhe im ansonsten ruhigen Quartier: Ein älterer Herr bricht neben seiner Frau plötzlich zusammen. Eine beherzte Stadthallenmitarbeiterin springt über den Tresen und hält ihn gerade noch, bis die DRK-Einsatzkräfte herbei eilen und den Mann mit den Kreislaufproblemen in den vorbereiteten Bereich mit den 50 Liegen bringen, um ihn zu versorgen.

Einige Liegendtransporte werden in die Halle gerollt

Dort ruhen bereits einige offenbar kranke und bettlägerige Menschen auf Pritschen. Vereinzelt werden sie auch per Krankentransport liegend und dick eingepackt in die Stadthalle gerollt. „Die Zahl der Liegendtransporte ist im niedrigen zweistelligen Bereich“, weiß Rostocks Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) zu berichten. Er füllt gerade – wie alle anderen Bürger auch – einen Registrierungszettel mit seinen persönlichen Daten aus, den er bei sich tragen soll. „Die Leute sind schön ruhig und entspannt“, findet Bockhahn, dessen Wohnung und Arbeitsplatz im Sperrgebiet liegen.

Etwa 10000 Hansestädter müssen während der Bombenentschärfung am Mittwoch ihre Wohnungen und Arbeitsplätze verlassen. 315 finden sich in der Notunterkunft der Stadthalle ein.

Der OZ-Liveticker von der Entschärfung in Rostock zum Nachlesen

Kaffee, Tee und Wasser werden kostenlos eingeschenkt. Die Stadthalle bietet auch kleine Snacks für die Hungrigen, wie es sie sonst auch bei Konzerten gibt. „Auch für uns ist das heute eine aufregende und besondere Veranstaltung“, gibt die ansonsten gelassene Stadthallenchefin Petra Burmeister zu.

Die Bombe in der Baustelle im Rostocker Rosengarten wurde erfolgreich entschärft. Hier sind die Bilder von einer Stadt im Ausnahmezustand.

Notfalls auch übernachten möglich

DRK-Einsatzleiter Maik Junge sagt: „Wir sind auf alles vorbereitet, notfalls auch hier zu übernachten.“ Aber auf Abendessen und Übernachten in der Stadthalle hofft hier niemand. An Dresden 2018, als die Menschen 48 Stundenin einer Notunterkunft ausharren mussten, weil eine Bombe nicht entschärft werden konnte, will hier keiner denken.

315 Menschen haben sich bis um zehn eingefunden, sie sitzen an Tischen, blättern in der Ostsee-Zeitung, trinken Kaffe und unterhalten sich. Die beiden alt eingesessenen Rostocker Reinhard (89) und Edith Scheer (88) sind seit 5.30 Uhr auf den Beinen. 62 Jahre leben sie schon in der Koch-Gotha-Straße im Bahnhofsviertel. Die Evakuierung lässt vor allem bei der Rentnerin alte Erinnerungen an die Bombenangriffe auf Rostock 1942 wach werden.

Rostockerin erinnert sich an die Bombennächte 1942

„Ich war noch ein Kind, aber ich erinnere mich gut. Damals war es ganz ähnlich und doch anders. Wir wurden benachrichtigt, dass englische Flieger unterwegs waren. Lautes Sirenengeheul ertönte und dann wurden wir eilig aus unseren Häusern geholt, um mit dem Zug in einen nahegelegenen Wald zu fahren. Da harrten wir versteckt stundenlang aus. Von dort hörten wir, wie die Bomben in Rostock einschlugen.“ Auf dem Heimweg dann die Ungewissheit, ob ihr Zuhause im Schwaaner Landweg auch getroffen wurde. Dass eine dieser Bomben jetzt gefunden wurde und wieder für eine Evakuierung sorgt, sei schon ein ganz seltsames Gefühl, sagt die Rostockerin. Sie kennt den Rosengarten noch aus den Zeiten, als er kein Park war. „Früher standen dort ja Häuser.“ Bis die Bomben einschlugen.

Für die meisten Kinder in der Spielecke der Stadthalle ist es glücklicherweise die erste Bombenerfahrung in ihrem Leben. Konzentriert malen Genna (fast 2) und Filine (8) hier Bilder aus. Ihre Mutter Kirsten Wolf (38) ist mit einem Bollerwagen voll mit Essen, Getränken, Windeln und Spielsachen in die Notunterkunft gekommen und freut sich, dass Malsachen und Spielzeug für die Kleinen bereitgestellt wurden. „Ich bin sehr früh aufgewacht heute, konnte nicht mehr schlafen. Und ich dachte, es wäre hier übervoll.“ Ihre beiden großen Kinder sind in der Schule. „Ich hoffe, dass die Bombe schnell entschärft wird.“

Pflegedienste bringen Senioren

Auch die anderen 314 Evakuierten und die DRK-Mitarbeiter setzen ihre Hoffnung auf den Bombenentschärfer und Sprengmeister Fred Tribanek. Rita Foland ist extra aus Schwerin angereist, um ihre Mutter Roni (92), die allein in ihrer Innenstadtwohnung lebt, moralisch zu unterstützen. „Das war wichtig, denn sie war sehr aufgeregt“, sagt sie. „Der Pflegedienst hat sie heute früh abgeholt, das hat alles gut geklappt.“

Junge Leute wie Nina (14), von denen nur sehr wenige in der Stadthalle sind, hören Musik und sprechen Nachrichten in ihr Handy. „Ich will wissen, was die anderen aus meiner Klasse so machen. Ich finde es eigentlich ganz gut, dass die Schule heute ausfällt“, sagt sie schmunzelnd.

Auch Achim (80) und Bärbel Fleck (75) fühlen sich in der Stadthalle gut aufgehoben. Sie seien ausreichend informiert worden. Noch am Vortag wurde der 80-Jährige allerdings an der Hand operiert, weswegen er einen großen Verband trägt und den Arm hochhalten muss. Dass noch heute Bomben in der Innenstadt gefunden werden, wundert Bärbel Fleck nicht: „Man weiß ja, was früher los gewesen ist und dass hier viele Bomben gefallen sind. Für uns ist so eine Bombenentschärfung aber auch eine Premiere.“

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Ein Hotelgast lag um 7.25 Uhr noch im Bett

Hoteldirektor Carsten Jaeckel vom Steigenberger Hotel Sonne hat in seinem Berufsleben wider Erwarten bereits mit Evakuierungen zu tun gehabt - allerdings ungeplant. In seiner Zeit in einem Düsseldorfer Hotel habe es einmal eine Bombendrohung gegeben, erzählt er. Der erfahrene Hotelier verbringt einige Stunden in der Stadthalle. Neben ihm liegen die Dienstpläne und Telefonnummern der Mitarbeiter. Zwei seiner Gäste warten in der Notunterkunft auf ihren Zug.

Die heutige Situation hat Jaeckel und sein Team vor einige besondere Herausforderungen gestellt. Er könne sein Hotel nicht einfach abschließen wie eine Wohnungstür. „Wir haben ja nie zu, so ein Hotel inklusive Tiefgarage abzuschließen, hat uns einige technische Überbrückungen gekostet“, verrät er. Sollte es jedoch zu einem Stromausfall kommen, hat Jaeckel ein Problem. „Dann gehen die automatischen Türen auf, und das Haus ist offen und keiner da.“

Beide Hotels sind dieser Tage nahezu ausgebucht. Bereits um fünf Uhr gibt es ein frühes Frühstück, Lunchpakete werden fertig gemacht, Ausflüge für die Touristen organisiert. Die meisten hätten es gut aufgenommen. Rund 200 Gäste mussten um 7.30 Uhr spätestens das Haus verlassen. Einige waren dabei besonders tiefenentspannt, berichtet Jaeckel. Als das Mitarbeiterteam jedes Zimmer aufgesucht hat, um sicherzustellen, dass keiner zurückbleibt, lag ein Gast um 7.25 Uhr noch im Bett.

Erleichterung als die erlösende Durchsage kommt

Im Hintergrund erklingt Musik. Eine junge Rostocker Band hat ihre Instrumente ausgepackt. „The Odd Ones“ spielen einige Rock-Songs mit Gitarre – Pia Hoffmann singt „Seven Nation Army“ von den „White Stripes“. Dann plötzlich ertönt gegen 10.15 Uhr eine Durchsage. Die Bombe wurde erfolgreich entschärft und die Sperrung für die Innenstadt ist aufgehoben. Freude und Aufbruchstimmung bei den ausharrenden Rostockern. Pflegedienst-Wagen, Krankentransporte und Taxis rollen in den nächsten Minuten an. Der Spuk ist vorbei.

Im Steigenberger Hotel Sonne ist nun Teamgeist gefragt: Die Mitarbeiter müssen schnellstmöglich zurück an ihren Arbeitsplatz, denn die Zimmer müssen im Eiltempo vor allem für neu Anreisende gereinigt werden. Beim Betten wechseln ist heute wohl das gesamte Team gefragt, sagt Carsten Jaeckel. „Auch ich werde dann beim Zimmer sauber machen helfen“, sagt der Hoteldirektor lächelnd.

Virginie Wolfram