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Rostock Rostock: Marathon-Mann Bockhahn setzt zum Zielsprint an
Mecklenburg Rostock Rostock: Marathon-Mann Bockhahn setzt zum Zielsprint an
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11:02 14.06.2019
Steffen Bockhahn kennt sich in Reutershagen aus. Heike Woytowicz-Müller war angetan vom ersten Treffen mit dem Kandidaten. Quelle: Danny Gohlke
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Rostock

Während auf der Kröpeliner Straße um kurz vor acht Uhr morgens noch Ruhe herrscht, eilt Steffen Bockhahn flotten Schrittes zur Geschäftsstelle der Linken. Dort hat sein bester Freund und Wahlkampfhelfer Sven Thormann schon Kaffee gekocht. Doch für Genuss und Plauderei bleibt keine Zeit. Neben eiligen Schlucken aus der Tasse holt Bockhahn Stoffbeutel und Flyer aus seinem Lastenrad. „Das habe ich schon seit 2009 – es ist quasi ein mobiles Wahlkampfbüro“, erklärt der 40-Jährige.

Doppelter Bockhahn im E-Auto unterwegs

Heute bleibt das Rad aber stehen, die Termine sind eng getaktet und in der ganzen Stadt verteilt. Genau wie der Kandidat mit dem Kaffee erhält deshalb auch sein Auto noch eine Extraladung Energie: Es hängt an der Stromtankstelle in der Langen Straße. Das Steuer gibt Bockhahn aus der Hand – während Thormann lenkt, kann der amtierende Sozialsenator noch etwas arbeiten. Dass es ihn auf der Rückbank quasi doppelt gibt, weil neben ihm auch noch der Aufsteller mit seinem Plakat liegt, bringt Bockhahn weder aus der Ruhe, noch zum Schmunzeln. „Man gewöhnt sich dran, auch an die vielen Plakate. Es ist ja auch schon mein siebenter Wahlkampf.“

Ob in Lütten Klein oder Reutershagen: Bei Bürgergesprächen unter dem Motto „Steffen treffen“ stellte sich Bockhahn Fragen und nahm gute Wünsche entgegen. Im Gegensatz dazu muss der Sozialsenator aber auch im Wahlkampf noch an den Schreibtisch.

Über die Freisprechanlage klingelt die Linken-Fraktionsvorsitzende Eva-Maria Kröger an. Sie wartet bereits auf dem Boulevard in Lütten Klein auf den OB-Kandidaten ihrer Partei.

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Beim Aufbau des kleinen Standes – ein Tisch, zwei Bänke, der Aufsteller und das Werbematerial – packen alle Helfer mit an. Der Platz zwischen Gardinen- und Honigverkäufer ist heute extra freigehalten worden. „Und, wer wird gewinnen?“, fragt der Gardinenhändler. „Na der, den wir mitgebracht haben“, antwortet Karsten Kolbe lachend.

Gewichtiger Unterschied zwischen Original und Plakat

Bockhahn selbst legt direkt los. Der ersten Dame, die auf den OB-Kandidaten zukommt, geht es nicht um Inhalte. „Auf ihren Fotos sehen sie aber noch ein bisschen dicker aus“, sagt sie überrascht. Der Rostocker grinst. Das hat er nicht zum ersten Mal gehört.

Da packt der Kandidat mit an: Steffen Bockhahn mit seinem Wahlkampf-Aufsteller. Auf den sichtbaren Gewichtsverlust würde er öfter angesprochen, sagt der 40-Jährige. Quelle: Claudia Labude-Gericke

Der sichtbare Gewichtsverlust läge aber nicht nur an der anstrengenden Wahlkampfphase: „Wir haben die Bilder schon letzten Sommer gemacht“, verrät er. Zudem trainiert Bockhahn regelmäßig, will bei der Hella Marathonnacht am 3. August die volle Distanz über 42,195 Kilometer rennen. Beim Citylauf hat er die 10-Kilometer absolviert. „In unter 50 Minuten“, freut sich der Hobbysportler.

Konkrete Fragen und gute Wünsche

Heute werden es weniger Schritte, denn auf dem Boulevard kommt Bockhahn kaum vom Fleck. Manche Passanten heben nur den Daumen oder teilen ihm mit, dass sie bereits per Briefwahl erneut für ihn gestimmt hätten. Andere nutzen die Chance für konkrete Fragen. Zum Beispiel, ob der Warnowtunnel kostenlos werden könnte. „Wir können nicht alles als Stadt regeln“, sagt Bockhahn. Bezüglich des Tunnels würde er aber mit dem Bund erneut das Gespräch suchen, verspricht er dem Fragesteller Bruno Niedzwetzki.

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Rosemarie Rohde hält nur kurz an, um zu sagen, dass sie dem OB-Kandidaten die Daumen drückt. „Ein Rostocker für Rostock“ – das kommt bei ihr gut an. „Ich habe aber auch noch mehr, was mich qualifiziert. Wo jemand herkommt, ist am Ende gar nicht wichtig. Entscheidend ist, was er kann“, sagt er.

Renate Jänicke hat noch einen Stoffbeutel von Steffen Bockhahns Bundestagswahlkampf. Quelle: Claudia Labude-Gericke

Um deutsch-dänische Beziehungen geht es Fred Schmidt. Der Lütten Kleiner meint aber nicht das Verhältnis der beiden Stichwahl-Kandidaten, sondern die Partnerschaft seines Vereins, der Seehunde, mit den Eisbadern aus dem Nachbarland. Früher seien die Fährpreise niedriger gewesen, heute könnten sich viele den persönlichen Kontakt nicht mehr leisten. Auch hier bremst Bockhahn die Erwartungen – ein Bürgermeister könne nicht alles regeln und nur begrenzt Einfluss auf die Privatwirtschaft nehmen.

Offene Ohren für persönliche und kommunale Anliegen

Friedrich Pannecke hat dagegen ein Problem aus Bockhahns aktuellem Arbeitsbereich als Sozialsenator, das sowohl den Fachkräftemangel in der Pflege, als auch das Thema Sozialleistungen betrifft. „Ich schaue mir Ihren Fall noch mal an“, verspricht der 40-Jährige nach einem kurzen Gespräch, das dem Senior wieder neuen Mut gibt.

Friedrich Pannecke freut sich, dass sein Anliegen zum Pflegenotstand und Sozialleistungen bei Bockhahn Gehör findet. Der Sozialsenator versprach dem Rentner, sich dessen Fall noch einmal genauer anzusehen. Quelle: Claudia Labude-Gericke

Auch wenn der Termin in Lütten Klein für ihn einem Heimspiel gleicht und die Reaktionen der Menschen positiv sind: „Es ist noch nichts entschieden. Wichtig ist, dass sie am Sonntag noch einmal zur Wahl gehen. Und wenn Sie den Linken wollen, müssen Sie diesmal rechts das Kreuz machen“, erklärt er mit Blick auf den Wahlzettel.

Zurück ins Viertel seiner Kindheit

Nach mehr als zwei Stunden heißt es weiterziehen – in Richtung Reutershagen. Dort ist der Markt schon deutlich leerer als in Lütten Klein. Zeit für eine kleine Raucherpause. Ihre Zigarettenstummel entsorgen Bockhahn und Thormann im Ascher eines Restaurants. Schließlich ist die Sauberkeit in den Vierteln ein Thema, auf das Bockhahn immer wieder angesprochen wird.

Bei Blumenhändlerin Mandy Kurth auf dem Reutershäger Markt gibt es immer Nelken. Mit Steffen Bockhahn besprach sie Wünsche und Probleme der Händler und Kunden im Viertel. Quelle: Danny Gohlke

Dabei sei die Stadt nicht für alles zuständig, sondern im Fall verschmutzter Gehwege auch die Hauseigentümer. „Und wenn Sie zum Bäcker gehen, zahlen Sie ja auch nicht das Brötchen des Nachbarn einfach so mit“, versucht er, einer Bürgerin die Sachlage zu erklären. Er wolle nur versprechen, was auch realistisch zu halten sei.

Überraschung beim ersten „lebenden Treffen“

Ganz überrascht vom Vor-Ort-Termin des Stichwahl-Kandidaten zeigt sich Heike Woytowicz-Müller. „Ich hab sie ja noch nie lebend gesehen“, sagt die Reutershägerin. „Na da hoffe ich, dass die Enttäuschung nicht allzu groß ist“, erwidert Bockhahn und schon entspinnt sich zwischen beiden ein Gespräch über den Stadtteil, in dem der Linke auch schon gelebt hat. „Das ist wie nach Hause kommen“, sagt er. „Ich wäre dafür, dass er es wird“, so Woytowicz-Müller anschließend. Ein guter OB müsse sich für die Bürger einsetzen – und das Gefühl hätte sie bei dem Kandidaten.

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„Man sollte die Sorgen und Nöte der Menschen ernstnehmen, auch wenn sicher nicht alles von heute auf morgen geht“, sagt Margrit Schmidt. Für sie sind es vor allem zugeparkte Straßen im Viertel, um die sich mal gekümmert werden müsste. „Da kommt im Notfall kein Rettungsfahrzeug durch.“

Das kommende Wochenende hat es in sich: Rammstein-Konzert, Roland Kaiser und Mark Forster im Rostocker Iga-Park, diverse Feste, maritime Spektakel und dann auch noch Stichwahlen in mehreren Kommunen des Landes. Die wichtigste Wahl gibt es wohl am Sonntag in Rostock. Dort kämpfen der parteilose Unternehmer Claus Ruhe Madsen und Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) um den Einzug ins Rathaus.

Genau deshalb wolle er auch Bürgermeister werden, erklärt Bockhahn. Das Amt erlaube mehr Handlungsspielraum als sein aktueller Senatsbereich. „Und ich weiß, wie eine Verwaltung funktioniert, und muss das nicht neu lernen.“

Wechsel zwischen Wahlkampf und Büro

Weil er aktuell bereits Teil der Stadtverwaltung ist, steht an diesem Tag auch Bürozeit auf dem Plan. Zwölf Schwarz-Weiß-Bilder mit Ansichten von Rostock schmücken sein Amtszimmer in der St.-Georg-Straße. Auch ein Foto von der Tochter ist zu sehen, daneben die Zeichnung einer Faust, die einen Stift umschließt: „Bildung ist eine Waffe“, steht darüber.

Über einen Mangel an Lektüre kann sich Sozialsenator und OB-Kandidat Steffen Bockhahn nicht beklagen. Die Postmappe ist immer voll. Quelle: Danny Gohlke

Wann immer er an diesen Wahlkampftagen, die auch den Resturlaub auffressen, ins Büro kommt: Wichtiges, wie die aktuelle Postmappe, liegt griffbereit. „An guten Tagen ist es eine, oft aber mehr. Über einen Mangel an Lektüre kann ich mich nicht beklagen“, sagt Bockhahn beim Durchblättern.

Auf dem Sideboard hinter seinem Schreibtisch steht eine Umzugskiste. „Die ist noch nicht fürs Rathaus“, sagt Bockhahn lachend. Sein derzeitiges Büro sei vor Kurzem neu ausgerüstet worden und aus Zeitgründen noch nicht alles, was er vorher einpacken musste, wieder ausgeräumt.

Wie er das OB-Büro einrichten würde, darüber will Bockhahn noch nicht nachdenken. Auch wenn er nach dem ersten Wahlgang als prozentual Unterlegener in die Verlängerung gegangen ist: „Wenn Menschen zu mir kommen und sagen ,Ich setze auf Sie', dann reicht mir das als Motivation und Auftrag, noch einmal alles zu geben.“

Claudia Labude-Gericke

Mit 34,6 Prozent war Claus Ruhe Madsen Gewinner des ersten Wahlgangs für den künftigen Rostocker OB. „Ein tolles, aber auch gefährliches Ergebnis“, sagt der Parteilose. Wichtig sei, dass die Hansestädter am Sonntag noch einmal zur Wahl gehen. Nur dann sei das neue Stadtoberhaupt wirklich eines für die Mehrheit der Menschen.

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