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Rostock Jeden Morgen unterwegs: Zeitungszustellerin geht in Rente – mit 81 Jahren
Mecklenburg Rostock Jeden Morgen unterwegs: Zeitungszustellerin geht in Rente – mit 81 Jahren
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Gertrud Schwerdt (81) aus Tessin trägt seit 27 Jahre lang jeden Morgen die OZ aus. Am Sonnabend hört sie auf.
Gertrud Schwerdt (81) aus Tessin trägt seit 27 Jahre lang jeden Morgen die OZ aus. Am Sonnabend hört sie auf. Quelle: Gerald Kleine Wördemann
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Tessin

Schade, das ist aber traurig. Solche Worte bekommt Gertrud Schwerdt aus Tessin in diesen Tagen öfter zu hören. Seit 27 Jahren verhilft sie vielen Einwohnern ihrer Stadt zur Morgenlektüre. Sechs Mal die Woche klingelt um 2.30 Uhr ihr Wecker, mitten in der Nacht. Kurz darauf schwingt sich Gertrud Schwerdt, der man ihre 81 Jahre so gut wie nicht anmerkt, auf ihr Fahrrad und bringt die OSTSEE-ZEITUNG zu rund 80 Abonnementen. Diesen Sonnabend läutet der Wecker das letzte Mal zu dieser unchristlichen Zeit. Danach ist Schluss.

In Zukunft will Frau Schwerdt ausschlafen, mindestens bis halb sieben. Aber ein bisschen traurig sei sie schon, dass die Zeit, in der sie den Leuten morgens ihre OZ brachte, zu Ende geht. „Es hat viel Spaß gemacht“, sagt sie überzeugt. Morgens früh, wenn die Vögel singen, die Sonne allmählich aufgeht und die Straßen noch leer sind, dann sei es einfach schön, draußen unterwegs zu sein. Auch wenn das Aufstehen Überwindung kostet. Sie hat sich nachher noch einmal hingelegt. Für eine Stunde oder zwei.

Warum sie jetzt aufhört? Irgendwann muss mal Schluss sein, dachte sie sich. Auch ihren beiden Kindern (sie hat noch fünf Enkel und sechs Urenkel) war nicht mehr so recht wohl bei dem Gedanken, dass ihre doch nicht mehr ganz so junge Mutter jeden Morgen bei Wind und Wetter durch dunkle Straßen läuft, beziehungsweise mit dem Fahrrad fährt. Spätestens, seitdem sie vergangenes Jahr auf der Straße gestürzt war, und mit einem komplizierten Schulterbruch im Krankenhaus lag, wuchs ihr Bedürfnis größer, dass zu tun, was die meisten Leute ihres Alters tun: reisen, spazieren gehen, Zeit mit der Familie verbringen. Und überhaupt, wenn eine ihre Pflicht erfüllt hat, dann ist sie es: Als sich Gertrud Schwerdt damals nach dem Sturz wieder aufgerappelt hatte, steckte sie in dem Viertel, in dem sie gerade unterwegs war, erst noch alle Zeitungen in die Briefkästen, bevor sie an einer Tankstelle um Hilfe bat.

Aufgeben? Kommt nicht in Frage

Selten begegnet sie auf ihren frühen Touren anderen Leuten. Autos sind auch kaum unterwegs, am Sonnabend fast gar keine. Die meisten ihrer „Kunden“ kennt die gebürtige Tessinerin natürlich trotzdem. Das kann manchmal hilfreich sein. Vor ein paar Jahren, im Extremwinter 2010, versank sie bis über die Knie im Schnee. Eine Bekannte sah, wie sich durch die weiße Masse quälte und, half ihr spontan, die Zeitungen zu verteilen. Andere hätten aufgegeben. Das käme für Gertrud Schwerdt nicht in Frage.

Zeitungszustellerin wurde sie 1990 nach der Wiedervereinigung. Das Hotel, in dem sie sich vorher viele Jahre um den Kiosk und die Garderobe gekümmert hatte, hat sie gleich als einer der ersten entlassen. „Warum nicht?“, dachte sie sich, als das Angebot kam, es doch mal mit den Zeitungen zu versuchen. Erst stellte sie kostenlose Anzeigenblätter zu, ab 1991 dann die OZ. Einrosten wird sie jetzt sicher nicht. Dafür werden ihre Freundinnen sorgen, mit denen sie regelmäßig kegelt und wandert. Und außerdem bleibt sie der Branche ja noch treu: Zweimal die Woche trägt sie weiterhin den kostenlosen Ostsee-Anzeiger aus. Am Nachmittag, ohne Weckerklingeln.

Gerald Kleine Wördemann

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