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Rostock Obdachlos in Mecklenburg: Diese Menschen helfen in der Not
Mecklenburg Rostock Obdachlos in Mecklenburg: Diese Menschen helfen in der Not
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12:01 03.12.2019
Arvid Blum und Sandra Peters stehen vor dem Fahrzeug des Straßensozialdienstes vor dem S-Bahnhof in Lütten Klein. Quelle: OVE ARSCHOLL
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Rostock/Wismar

Mit klammen Händen greift David die dampfende Tasse Kaffee, die ihm Sandra Peters aus dem Wohnmobil reicht. „Vielen Dank.“ Das Heißgetränk kommt gerade recht. Ein kalter Wind treibt Nieselregen über den Parkplatz am S-Bahnhof Lütten Klein. David leert seinen Becher in drei Zügen. Sandra Peters schenkt nach. Es ist Mittwoch, 15 Uhr. Wie jede Woche um diese Zeit macht sie mit dem Camper der Rostocker Obdachlosenhilfe Halt vor der Hansemesse. „Heute sind wir nur eine kleine Runde.“

Eine Handvoll Leute hat sich im Mobil zusammengekuschelt. Gut noch einmal so viele lassen sich davor Kaffee und alkoholfreien Punsch schmecken. Unter ihnen David. Seinen Nachnamen will der 38-Jährige lieber nicht verraten, seine Geschichte schon. Das Geld habe ihn hierher gebracht, vielmehr die Tatsache das selbiges fehlte. Erst habe ihm sein Chef Löhne vorenthalten, dann ein Unbekannter sein Konto leergeräumt. „Von da an ging’s bergab.“ Bald konnte David die Miete nicht mehr zahlen, die Kündigung flatterte ins Haus.

Warmes für Herz und Magen

Eine Biografie, wie sie Sandra Peters zur Genüge kennt. Die Sozialarbeiterin kümmert sich um Rostocker, die Heim oder Halt im Leben verloren haben. Sie hilft bei Behördengängen, bietet jenen, die fast nichts haben, Warmes für Herz und Magen an: Drei Mal pro Woche fährt sie mit dem Straßensozialdienst-Caravan raus. „Bei mir gibt’s Suppe, Nudeln, Schnitzel und dazu einen netten Schnack.“

Obdachlosenheime und Nachtasyle

Stadt Rostock: 3 Einrichtungen mit insgesamt 246 Plätzen

Landkreis Rostock: 3 Einrichtungen mit insgesamt 50 Plätzen

Nordwestmecklenburg inkl. Wismar: 6 Einrichtungen mit insgesamt 51 Plätzen

Schwerin: 1 Einrichtung mit 40+5 Plätzen

Ludwigslust-Parchim: 3 Einrichtungen mit insgesamt 20 Plätzen

Quelle: Ministerium für Soziales, Integration und Gleichstellung Mecklenburg-Vorpommern

Jetzt, da die Tage kälter werden und der Winter naht, haben viele im Land solche Angebote bitter nötig: Schätzungen zufolge sollen allein in Rostock inzwischen mindestens 500 Menschen ohne festen Wohnsitz leben. Wie viele tatsächlich dauerhaft ohne Obdach sind, ist unklar. Erfasst würden nur diejenigen, die Hilfsangebote der Kommunen in Anspruch nehmen, sagt das Sozialministerium in Schwerin.

In Rostock waren es Anfang November 31 Menschen, die einen der Schlafplätze im Nachtasyl der Stadt nutzten. Hinzu kommen 210 Männer und Frauen, die am Stichtag 4. November in einer der drei Obdachloseneinrichtungen in Rostock untergebracht waren. Weil sie sowohl Mietvertrag als auch Meldeadresse haben, gelten sie offiziell nicht als „ohne festen Wohnsitz“ oder „ohne Obdach“.

Vom Container in die Villa

Die Stadt Grevesmühlen stellt Bedürftigen in der Wismarschen Straße 154 zwölf Räume zur Verfügung, von denen momentan acht genutzt werden. In der Obdachlosenunterkunft des Amtes Grevesmühlen Land in Upahl gibt es insgesamt sieben Zimmer, die aktuell alle belegt sind. Zusätzlich werden bei Bedarf Wohnungen bei der Wohnungsbaugesellschaft Wobag belegt, teilt Petra Hacker, Sprecherin der Stadt Grevesmühlen mit.

Obdachlosenunterkunft in Villa Lübsche Straße in Wismar Quelle: privat

Wem in Wismar eine Bleibe fehlt, findet sie vorübergehend in der Gundlach-Villa. Das Haus in der Lübschen Straße ist seit knapp zwei Jahren Unterkunft für Obdachlose. Zuvor waren Notleidende in einem Container untergebracht.

Die Villa bietet ihnen 15 Schlafplätze, Gemeinschaftsküchen und -bäder sowie Helfer, die mit ihnen einen Ausweg aus der Lebenskrise suchen. Das Angebot ist gefragt. Die Auslastung der Unterkunft belief sich im vergangenen Jahr auf etwa 80 Prozent, sagt Stadtsprecher Marco Trunk. „Sie ist in diesem Jahr ähnlich hoch.“

Schöne Bescherung für Bedürftige

Wer kein eigenes Zuhause hat, freut sich in der Adventszeit nicht nur über einen kuschligen Schlafplatz, sondern auch über Herzerwärmendes. Deshalb sind in Warnemünde Rostocks Weihnachtsengel am Werk.

Um Bedürftigen ein unbeschwertes und fröhliches Fest zu schenken, richten die Ehrenamtler im Hostel Dock Inn am 9. Dezember eine Gala für Obdachlose und benachteiligte Menschen aus. Insgesamt 120 Gäste werden dazu erwartet. Ihnen wollen die Organisatoren einen unbeschwerten Abend mit Musik, Entenbraten und Geschenke bescheren.

Zehntausende auf der Straße

Im Laufe des Jahres 2018 waren der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe circa 678 000 Menschen (Jahresgesamtzahl) in Deutschland ohne Wohnung – etwa zwei Drittel davon anerkannte Flüchtlinge. Gegenüber dem Vorjahr bedeute dies einen Anstieg der Jahresgesamtzahl um 4,2 Prozent. Circa 166 000 der wohnungslosen Menschen sind alleinstehend (70 Prozent), 71 000 leben mit Partnern und/oder Kindern zusammen. Die BAG schätzt die Zahl der Kinder und minderjährigen Jugendlichen auf 8 Prozent. Bei den Erwachsenen seien rund 73 Prozent Männer. Rund 50 000 Menschen leben bundesweit dauerhaft auf der Straße.

Egal, wie groß die Not auch ist, manchen kann sie nicht dazu bewegen, Hilfe anzunehmen. So sind nach Schätzung des Sozialministeriums zwar grundsätzlich ausreichend Plätze in den Obdachlosenunterkünften vorhanden, um den Bedarf zu decken. Das Problem sei vielmehr, dass einige Betroffenen diese selbst bei kaltem Wetter nicht aufsuchen, etwa weil sie Angst vor Streitigkeiten haben, davor, beklaut oder bevormundet zu werden.

Das Eis brechen

Sandra Peters kennt solche Sorgen aus der Obdachlosenunterkunft der Stadtmission in Toitenwinkel. Dort hilft sie Frauen und Männern, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen, Schulden abzubauen, einen Ausweg aus der Sucht zu finden.

Dabei muss sie Fingerspitzengefühl beweisen. „Viele befürchten anfangs, ihnen würde irgendetwas weggenommen oder sie würden entmündigt.“ Deshalb sei das Wichtigste, Vertrauen aufzubauen. Als erster Eisbrecher helfen warme Worte und eine Tasse heißer Kaffee.

Bildungsministerin Stefanie Drese (SPD) Quelle: dpa

Sich um Wohnungs- und Obdachlose zu kümmern, ist Aufgabe der Kommunen. Um abzuschätzen, wie das Land sie dabei unterstützen könnte, hatte Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) bereits 2017 eine konkrete Statistik zur Wohnungslosigkeit in Deutschland gefordert.

Drese: „In Bund und fast allen Ländern gibt es keine belastbaren Daten. Die Thematik ist aber sozialpolitisch von großer Bedeutung, um konkrete Hilfemaßnahmen für die Betroffenen einzuleiten.“

Das soll sich jetzt ändern: Aktuell sei das Bundessozialministerium dabei, den Beschluss zur Einführung einer bundesweiten Wohnungsnotfallstatistik umzusetzen, heißt es aus Schwerin. In Bund-Länder-Beratungen sowie verschiedenen bilateralen Gesprächen mit kommunalen Verbänden und dem Bundesstatistikamt sei bereits besprochen worden, wie das konkret aussehen könnte. Zurzeit ist das Thema im Bundesratsverfahren.

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Krisenhelfer mit Herz

In der Statistik wird Arvid Blum nicht auftauchen. Das hat der 36-Jährige Sandra Peters zu verdanken. Private Schicksalsschläge hatten ihn komplett aus der Bahn geworfen. Als Blum gleich mehrere Familienmitglieder verlor, suchte er Zuflucht im Alkohol, drohte komplett abzurutschen.

Die Sozialbetreuerin half ihm da raus. „Sie ist wie eine Mama. Mit ihr kann ich reden. Mit ihrer Unterstützung hab’ ich den Arsch an die Wand gekriegt. Dafür bin ich ihr verdammt dankbar.“ Heute habe er wieder einen festen Job, eine eigene Wohnung.

Dinge, auf die auch David hofft. Momentan schläft er bei Freunden. Die Zuversicht gibt der Rostocker nicht auf, mag die Lage auch noch so misslich sein. „Solange man lachen kann, ist Licht am Ende des Tunnels.“ Zum Glück gibt es Leute wie Sandra Peters, die ihren Mitmenschen an heißen wie kalten Tagen Wärme und einen Grund zum Lachen schenken.

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