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Rostock Opfer sagt in Folterprozess aus: „Hatte Angst um mein Leben“
Mecklenburg Rostock Opfer sagt in Folterprozess aus: „Hatte Angst um mein Leben“
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14:53 09.08.2019
Angeklagt: Patrick J. (l.) mit seinem Anwalt und Jürgen K. (r.) sollen einen Mann über Stunden in einer Gartenlaube in Lalendorf (Landkreis Rostock) schwer misshandelt haben. Quelle: Stefan Tretropp
Rostock

Im Prozess gegen zwei Männer, die einen Gartennachbarn über Stunden misshandelt und gequält haben sollen, hat am Freitag das Opfer im Rostocker Landgericht ausgesagt. Der 39-Jährige aus Lalendorf (Landkreis Rostock) berichtete, dass die beiden 35 und 63 Jahre alten Angeklagten ihn beide mit Fäusten und einem Axtstiel geschlagen hätten.

Ein in der Verhandlung verlesener Untersuchungsbericht der Rechtsmedizin kam zu dem Schluss, dass die Verletzungen zu dem beschriebenen Geschehen passten. Das Opfer erlitt unter anderem ein Schädelhirntrauma und Gesichtsfrakturen. Der Mann lag mehrere Tage auf der Intensivstation.

Opfer und sein Partner verstricken sich in Widersprüche

Der 39-jährige Manuel L. gab an, am Tattag Anfang März dieses Jahres vom Angeklagten Patrick J. (35) unter einem Vorwand in dessen Gartenlaube gelockt worden zu sein. „Nachdem mein Handy zertrümmert und in den Ofen geworfen wurde, wurde ich unvermittelt geschlagen“, erklärte der Hartz-Vier-Empfänger in zittrigem Zustand. Der zweite Angeklagte, Jürgen K. (63), habe sich ebenfalls in der Laube befunden.

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L. schilderte, wie seine Kleidung nach einem rund eine Stunde andauernden Schlag-Martyrium zerschnitten und im Ofen verbrannt wurde. „Ich war splitternackt“, sagte Manuel L..

Nackt in den Garten geflohen

„Patrick J. machte dann eine Kettensäge an, wollte mich zersägen und in den Ofen hauen“, schilderte das Opfer weiter. J. sei ihm zehn bis 15 Minuten mit der Kettensäge „gefährlich nahe“ gekommen.

Der Angeklagte J. habe dann einen Anruf bekommen und daraufhin die Laube verlassen. „Ich habe die Chance genutzt, bin nackt in meinen eigenen Garten geflohen“, erklärte L. weiter.

Wollten die Angeklagten eine Anzeige verhindern?

Die Misshandlung habe erst geendet, als der 63-jährige Angeklagte die Polizei rief. L., der vorher nie „Stress mit den Angeklagten“ hatte, hatte während des Martyriums Angst, dass er das nicht überleben werde. Ein Arm sei ihm gebrochen und ein Zahn ausgeschlagen worden. „Ich habe eine Stunde am Stück auf die Fresse bekommen“, sagte der 39-Jährige und ergänzte: „Ich wurde mit dem Tode bedroht, falls ich das zur Anzeige bringe. Ich sollte sagen, dass mich zwei Neger zusammengeschlagen hätten.“

Die Angeklagten schätzte das Opfer als nicht alkoholisiert ein. J. und K. sollen sich mit Schlägen abgewechselt haben. Das Opfer will auch einen Zeugen für die Kettensägen-Bedrohung haben: „Mein Nachbar, der Hasen-Johnny, hat alles mitbekommen, das Sägen war ja auch deutlich zu hören.“

Opfer verstrickt sich in Widersprüche

Widersprüche brachte die Vernehmung des Ehemannes des Opfers ans Tageslicht. So soll L. ihm gegenüber geäußert haben, dass er nackt Holz sägen und nicht hacken musste oder auch dass die Tür während des Martyriums offen stand und nicht abgeschlossen war. Der Ehemann des Opfers sprach zudem von „Gedankenlücken“, unter denen Manuel L. leiden würde.

Außerdem sagte der 39-Jährige, er könne sich nicht erinnern, dass er wenige Tage vor der Tat schon von dem Angeklagten geschlagen worden sei und ein blaues Auge davon trug. Das betonte jedoch der Ehemann. Die Verletzung soll auch auf einem Foto zu erkennen sein, das in der Gartenlaube aufgenommen worden sein soll und dem Gericht vorgelegt wurde.

Der angeklagte Jürgen K. ließ über seinen Anwalt immer wieder Erklärungen verlesen, wonach die Zeugen unrichtige Angaben gemacht hätten. Der Verteidiger von Patrick J. sieht zudem Widersprüche über den Zeitpunkt der Handyzerstörung des Opfers. „Laut Gutachten ist das Handy erst 15.02 Uhr, also eine Stunde später als angegeben, aus der Funkzelle verschwunden“, hieß es.

Zweifel an Attacke mit Kettensäge

Auch über andere Details des Tatgeschehens gab es Zweifel. So war sich das Opfer sicher, dass der 35-Jährige ihn mit einer Kettensäge der Marke Stihl bedroht habe. Der Angeklagte besitzt nach eigenen Angaben aber eine Säge einer anderen Marke, die sich zudem am Tattag nicht in der Gartenlaube befunden habe, wie er zum Prozessauftakt ausgesagt hatte.

Am Mittwoch hatten die beiden Angeklagten die Taten teilweise eingeräumt. Der 35-jährige Hauptbeschuldigte habe mehrfach auf den Mann eingeschlagen und ihn gezwungen, sich vollständig auszuziehen und nackt Holz zu hacken, was er mit seinem Smartphone filmte. Er trank während der Tat nach eigenen Worten Bier und konsumierte Kokain.

Angeklagter entschuldigt sich

Der ältere Angeklagte hatte nur einen Schlag eingeräumt, was das Opfer in seiner Aussage am Freitag als Quatsch bezeichnete. Wenn der andere mutmaßliche Täter eine Pause machte, habe der 63-Jährige mit Fäusten und einem Axtstiel auf ihn eingeprügelt. Der Angeklagte bat am Freitag um Entschuldigung: „Es tut mir leid, dass alles so gekommen ist.“

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt, es soll dann um die technische Auswertung von Handy- und Fotomaterial gehen.

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Von Stefan Tretropp, Hannes Stepputat / dpa