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Rostock Orgel der Marienkirche pfeift aus dem letzten Loch
Mecklenburg Rostock Orgel der Marienkirche pfeift aus dem letzten Loch
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08:00 16.01.2019
Kantor Karl-Bernhardin Kropf kennt sich in der Orgel der Marienkirche bestens aus. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

 Mit der Hand wischt sich Karl-Berhardin Kropf den Staub von der Hose. Am rechten Knie bleibt jedoch etwas zurück. „Das geht nicht mehr weg, ich nenne das den Orgelfleck“, sagt der 52-Jährige schmunzelnd. Als Kantor der Marienkirche ist Kropf seit zwölf Jahren für das prächtige Instrument zuständig. Und weil das seine besten Zeiten bereits hinter sich hat, muss er im sechs Etagen großen Gehäuse immer wieder nach dem Rechten schauen. Eine Sanierung der Orgel ist unausweichlich. „Beim Bachfest im Mai soll sie zum letztem Mal bei einem Konzert erklingen“, sagt Kropf.

Musiker spielen um die Problem-Töne herum

Für ihn und seinen Kollegen Benjamin Fischer sei es ein Spagat, auf die Notwendigkeit der Instandsetzung hinzuweisen, den 5700 Pfeifen aber dennoch hochwertige Klänge zu entlocken, wenn es nötig ist. „Wir spielen derzeit um die Probleme herum. Weil die Orgel so groß ist, gibt es meist Alternativen für Töne, die nicht mehr gehen“, sagt Kropf. So würden die Zuhörer nichts vom schlechten Zustand bemerken. Weil es aber Gast-Organisten gab, die enttäuscht wieder abreisten, entschied Kropf, die Orgel nur noch innerhalb des Gemeindelebens einzusetzen. Bis April bleibt sie generell stumm, weil Gottesdienste im Winter in der Turmkapelle stattfinden. Ab Mai können Interessenten den Klang der Sauer-Orgel dann auch wieder zum Mittagsgebet hören. Insgesamt sind es pro Jahr immer noch 180 Tage, an denen das Instrument öffentlich erklingt.

Expertenkommission macht sich vor Ort ein Bild

Ende Februar kommt eine Expertenkommission in die Marienkirche, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Dann soll entschieden werden, was getan werden muss und kann. „Ich schätze, die Kosten werden siebenstellig, vielleicht zwei bis drei Millionen“, sagt Kropf. Allein um das Äußere aufzupolieren, dürften seiner Meinung nach bis zu 500 000 Euro fällig werden. „Die Kanzel, die deutlich kleiner ist, hat schließlich auch schon 180 000 Euro gekostet“, so der Kantor. Er ziehe Hoffnung daraus, dass bisher alle Sanierungsvorhaben in dem Gotteshaus finanziert werden konnten.

Mit 5700 Pfeifen gehört die Orgel der Rostocker Marienkirche zu den größten im Ostseeraum. Ihre dringend notwendige Sanierung wird Millionen kosten und ein Mammutprojekt – aber eines, das sich lohnt.

Außerdem seien mittlerweile alle großen Baumaßnahmen beendet, die letzten Gerüste würden noch in diesem Jahr abgebaut. „Wir konnten bisher immer sagen, dass es gut war, die Orgel noch nicht angefasst zu haben. Durch den Staub der Bauerei wäre sie ja wieder in Mitleidenschaft gezogen worden“, so Kropf. Dieses Argument gelte nun nicht mehr.

Instrument mit „unglücklicher Biografie“

Die Orgel sei – genau wie das ganze Kirchengebäude – ein Erbe, das bewahrt werden müsse. „Sie hat aber eine unglückliche Biografie. Schon bei der Erbauung 1770 durch Paul Schmidt wurden der Orgel Probleme mitgegeben, an denen wir bis heute zu knabbern haben“, erklärt Kropf. Zudem hätten die größten Sanierungsmaßnahmen immer in wirtschaftlich schlechten Zeiten stattgefunden. „Einmal 1938 kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als das Material schon rationiert war und es nicht mehr alle Metalle gab und dann 1983 in der untergehenden DDR“, blickt der gebürtige Österreicher in die Historie des Instruments, das Bauelemente aus drei Jahrhunderten und unterschiedlichster Qualität vereint.

Bei den Pfeifen besteht Absturzgefahr

Trotz regelmäßiger kleinerer Reparaturen, die Organist Kropf selbst vornimmt, ist die Mängelliste lang: Sie reicht vom Holzwurmbefall der Holzpfeifen über Ermüdungsrisse und Verformungen beim Metall bis hin zu elektrischen Teilen, die ein Brandrisiko darstellen, zum Beispiel Lötbrücken, die ohne Isolierung am Holz befestigt sind. „Das ist alles nicht ganz Tüv-ig“, sagt Kropf. „Es gab sogar schon mal eine Explosionsreihe von Elektrolytkondensatoren, das war 2016 im Gottesdienst.“ Auch die Aufhängung der Pfeifen, die zwischen 25 Zentimetern und 8,40 Metern lang sind, müsse erneuert werden, da Absturzgefahr besteht. Ein Problem für die Sanierung kann der Kantor bereits im Vorfeld benennen: „Die Orgel ist stark schadstoffbelastet, vor allem durch die Verwendung von Holzschutzmitteln wie Hylotox.“

Zielstellung: Bewahren, Vollenden und Entwickeln“

Bereits im Jahr 2000 wurde der Orgelzustand von der Kirchengemeinde thematisiert und fünf Firmen zur Begutachtung eingeladen. Überwiegend hätten diese damals für einen Neubau im alten Gehäuse plädiert. Spätere Expertenrunden hätten dann Kropf zufolge den historischen Wert und das verborgene Potenzial der Orgel mehr anerkannt. „Schon in der Ausschreibung für meine Stelle war deshalb die Betreuung der Sanierung mit aufgenommen“, erzählt der Kantor.

Er hat mittlerweile eine umfangreiche Dokumentation des Orgelzustandes angefertigt und dabei drei Hauptthemen herausgearbeitet. Ziele der Sanierung seien das „Bewahren, Vollenden und Entwickeln“. So könnte dem Pfeifenbestand unter Nutzung digitaler Steuerung noch mehr seines Potenziales entlockt werden. Unter anderem, weil mehrere hundert kleinere Exemplare im Jahr 1983 stillgelegt wurden, um den Wartungsaufwand damals zu verringern. Nun bestünde die Chance, zu prüfen, ob eine Wiederherstellung wünschenswert und möglich ist.

Blick ins Innere für alle möglich

Nicht nur der Kantor und die Experten, sondern auch interessierte Laien haben die Chance, einen näheren Blick auf das imposante Instrument zu werfen. In der Saison lädt Karl-Bernhardin Kropf immer kurz vor den Mittagsgebeten zum Aufstieg ins Gehäuse ein. Mittlerweile hätte er Neugierigen aus 13 Nationen das Innere der Orgel gezeigt und dabei eines immer wieder bestätigt bekommen: „Wenn man Zeit hat, entdeckt man die Schönheit der Orgel. Die Mängel sieht man dagegen sofort.“

Claudia Labude-Gericke

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