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Rostock Pegel: Offshore ist riesige Chance
Mecklenburg Rostock Pegel: Offshore ist riesige Chance
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06:05 25.06.2015
Minister Christian Pegel (4.v.l.), OZ-Chefredakteur Andreas Ebel (5.v.l.) sowie die OZ-Leserbeiräte Jochen Sperber (v.l.), Helge Blankenstein, Britta Sümnicht, Jürgen Hempel, Magdalene Flemming, Wolfgang Kuwatsch, Helmut Didik und Winfried Schwarzer vor dem interview im OZ-Studio in Rostock.
Minister Christian Pegel (4.v.l.), OZ-Chefredakteur Andreas Ebel (5.v.l.) sowie die OZ-Leserbeiräte Jochen Sperber (v.l.), Helge Blankenstein, Britta Sümnicht, Jürgen Hempel, Magdalene Flemming, Wolfgang Kuwatsch, Helmut Didik und Winfried Schwarzer vor dem interview im OZ-Studio in Rostock. Quelle: Frank Söllner
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Rostock

Premiere für Mecklenburg-Vorpommerns Minister für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung, Christian Pegel: Statt Journalisten führten die Leserbeiräte der OSTSEE-ZEITUNG ein Interview mit dem Landespolitiker. Doch bevor der 1974 geborene Hamburger zum Thema Windanlagen und Öffentliches Verkehrsnetz in die Mangel genommen wurde, schwelgte er erstmal in Erinnerungen an die Anfänge im Nordosten. 

 

Winfried Schwarzer: Woher kam Ihre Motivation, nach Greifswald zum Studium zu gehen?

Christian Pegel: Der Grund ist etwas profan: Ich bin zwar in Hamburg geboren, mag aber so große Städte nicht. In Kiel und Hamburg habe ich damals Probevorlesungen besucht. Da saßen Studenten auf Fensterbänken und den Treppenstufen, so überfüllt waren die Hörsäle. Das wollte ich nicht, also fuhr ich Ende `94 bei grausamem Wetter nach Greifswald. Es gefiel mir dort. Die Uni war und ist so gut in der Stadt integriert – ich konnte alles immer per Rad erreichen. Und in der Stadt ist so viel passiert, die vielen Häuser, die allein seit ich dort wohne, saniert worden sind. Wahnsinn, welche Dynamik dort herrscht. Die Atmosphäre und dass meine Frau aus Velgast (Anm. d. Red. Gemeinde im Landkreis Vorpommern-Rügen) stammt, sind die Gründe, warum wir neben Schwerin unseren Wohnsitz in Greifswald behalten. Die Stadt ist für mich Heimat.

 

Britta Sümnicht: Was ist anders im Vergleich zu Ihrer Arbeit als Jurist?

Pegel: Der Vorteil zu früher ist, dass meine Wochenenden freier sind. Sonst hatte ich immer Akten zu Hause, die ich am Wochenende durcharbeiten musste. Man nannte mich Gürteltier-Bezwinger, weil ich immer zusammengebundene Aktenstapel dabei hatte. Wenn jetzt Arbeitstermine am Wochenende sind, wie zum Beispiel das Flughafenfest in Laage, kann ich meine Kinder mitnehmen.Was komplett anders ist, ist mein fremdbestimmter Kalender. Der erste Termin ist dann oft um 7.30 Uhr für mich eingetragen und dann geht es manchmal bis ein Uhr nachts.

 

OZ-Chefredakteur Andreas Ebel: Macht Ihnen Ihr Beruf denn Spaß?

Pegel: Ich genieße jeden Tag. Und genau wie als Anwalt habe ich auch in der Politik mal einen frustrierenden Tag.

 

Ebel: Und hätten Sie auch Lust, Ministerpräsident zu werden?

Pegel: Als Ministerpräsident ist man nicht so sehr in den Fachthemen drin und man macht auch viel Schaulaufen.

 

Ebel: Trotzdem gelten Sie als Kronprinz…

Pegel: Das lese ich auch, ja (lacht). Es ging aber nie darum, die Kronprinzenrolle zu haben. 

 

Helmut Didik: Sie sind ja nun als ausgebildeter Jurist Verkehrsminister geworden…

Pegel: Ja, aber schon als Jurist habe ich gelernt, mit fremden Materien umzugehen. Damals musste ich mich auch oft mit fremden Themen vertraut machen. Du musst bereit sein, auch mal aus Sicht der Experten dusselige Fragen zu stellen und mehr als nur drei Minuten zu einem Thema zuzuhören. Minister ist vor allem auch Führungsaufgabe, es hat viel mit dem Präsentieren des Bereichs nach außen zu tun. Das ist losgelöst von der Ausbildung, die man vorher hatte.

 

Windanlagen und  Stromversorgung

 

Magdalene Flemming: Dank Ihrer Zusage ist der Abstand für Offshore-Anlagen von sechs auf zehn Kilometer von der Küste weg gewachsen. Ich finde das immer noch zu dicht, gerade in touristischen Gegenden wie bei mir in Warnemünde. Graal-Müritz und Kühlungsborn wurden vom Bau solcher Anlagen befreit. Haben Sie in Bezug auf Warnemünde keine Gewissensbisse?

Pegel: Gewissensbisse hätte ich, wenn ich unseren Kindern die Klimaprobleme und die industrielle Schwäche unseres Landes ohne Lösungsversuche weitergäbe. Ich habe im Übrigen keine Sorge, dass Windparks Gäste abschrecken werden. Viele unserer Gäste sind da entspannter als wir es von ihnen denken. Studien zeigen das auch anhand der ersten beiden Windparks, die in der Nord- und Ostsee entstanden sind. Offshore bedeutet einfach eine riesige wirtschaftliche Chance. Noch weiter hinten als zehn Kilometer verläuft zudem eine wichtige Schifffahrtslinie, dahinter ist dann schon dänisches Gewässer. Dort hat es sich übrigens auch nicht auf den Tourismus ausgewirkt, wie ich kürzlich in Nysted erfahren habe.

 

Flemming: Graal-Müritz und Kühlungsborn wurden vom Bau solcher Anlagen befreit. Und dann wären da noch die Vögel...

Pegel: In Kühlungsborn ging es schifffahrtsrechtlich nicht. Dort wären maximal sieben Anlagen übrig geblieben, das hätte sich nicht gerechnet. Graal-Müritz hatten wir am längsten auf der Agenda. Das Gebiet wurde erst kurz vor der Entscheidung gestrichen. Denn in Graal-Müritz ist in der Hochsaison einfach der dichtbefahrenste Skipperbereich. Da haben die für Schiffssicherheit zuständigen Bundesbehörden auf den letzten Metern sehr klar widersprochen. Und was die Vögel betrifft vertraue ich auf die Aussagen der Fachleute, die uns vorgeben in welchen Korridoren Vögel schwerpunktmäßig fliegen und die deshalb freigehalten werden sollten.

 

Flemming: Sicher brauchen wir erneuerbare Energien, aber doch nicht immer an unserer Küste. Warum nicht in Schwerin oder an der Müritz? Warum werden Windparks nicht auf den Bergen in Bayern hingesetzt?

Pegel: Nun, die Kontinuität des Windes ist im flachen Norden besser als in der Mitte und im Süden Deutschlands. Wo Räder an Land hinkommen ist Sache der Planungsverbände, keine landespolitische Entscheidung. Rund um Schwerin und um die Müritz gibt es viele große Naturschutzgebiete, die besonderem Schutz unterliegen.Wir sind aktuell volkswirtschaftlich stärker im Nehmen als im Geben. Wir müssen eigene Wirtschaftsgüter entwickeln und durch Produkte und Dienstleistungen Geld in anderen Bundesländern einnehmen. Mit dem Strom der Windenergieanlagen können wir etwas verkaufen und so Einnahmen erzielen.

 

Flemming: Und warum sind Windparks an der Nordsee so schön weit von der Küste entfernt gebaut?

Pegel: Der Grund liegt einfach darin, dass die Nordsee mit dem Wattenmeer einen riesigen Nationalpark hat – und der ist tabu. Volkswirtschaftlich ist es sehr teuer, in so großer Entfernung von der Küste bauen zu müssen. Das ist Irrsinn, wo die Anschlüsse hingelegt werden müssen. So eine große Distanz ist nicht überzeugend für mich – und damit sind wir auch in Europa die einzigen, alle anderen gehen sehr viel dichter an die Küste heran.

 

Jochen Sperber: Die Windanlagen werden jetzt vielleicht weiter hinten hingesetzt, dafür aber werden die Windräder einfach höher. Ich habe von über 200 Metern gehört.

Pegel: Das ist mir so nicht bekannt und das ist auch so nicht in Planung. Im Wasser ist das statisch sehr viel schwerer als an Land, noch höher zu bauen und es bringt vor allem wirtschaftlich keinen Vorteil. 170 Meter über dem Wasser machen noch Sinn, alles andere ist zurzeit nicht in der Diskussion. An Land ist das mit der Höhe etwas Anderes.

 

Sümnicht: Wie viel Prozent der Energie nutzen wir?

Pegel: Beim Strom decken wir seit 2013 bilanziell unseren eigenen Bedarf. An manchen Tagen brauchen wir dafür nur 20 Prozent des produzierten Stroms, an anderen Tagen kann es aber auch vorkommen, dass der produzierte Strom nicht ausreicht, um den eigenen Bedarf zu decken. So kontinuierlich sind die Anlagen leider noch nicht.

 

Sümnicht: Es gibt ja gerade dieses Hickhack mit der Stromversorgung an Land für große Kreuzfahrtschiffe. Angeblich gehe das in Warnemünde aus Kostengründen nicht.

Pegel: Technisch ist es kein Problem, ich brauche aber auch nicht nur einen Anbieter, sondern auch Abnehmer. Es bringt nichts, wenn eine solche Anlage dann nur von einem Schiff im Jahr genutzt wird. Was gut ist: Es gibt eine gemeinsame Strategie, an der auch Rostocks Umweltsenator Matthäus gut mitarbeitet, mit der Ostseeallianz. Ziel dabei ist, dass möglichst viele Kreuzfahrthäfen in der Ostsee eine Landstromabnahme verlangen, so dass nicht nur der eine – strengere –  Hafen zu Gunsten anderer – die so etwas nicht verlangen – ausgetauscht wird. So rechnet es sich, wenn wir eine solche Versorgung anbieten, weil es auch genutzt wird. Aber wir müssten dafür extra ein neues Umspannwerk bauen. Denn wenn so ein Riesen-Schiff leer ankommt und den Stecker reinsteckt, dann würde bei Ihnen allen das Licht wackeln. (alle lachen)

 

Öffentlicher Nahverkehr

 

Wolfgang Kuwatsch: Wenn Sie kein Auto hätten, wie würden Sie sich in MV vorwärts bewegen?

Pegel: In der Stadt mit dem Fahrrad – wie schon zu Studentenzeiten. Mit Bahn und Bus weniger. Das kommt auch dadurch, dass das öffentliche Verkehrsnetz damals in Greifswald nicht so gut war. Heute bin ich damit dank einer neuen, sehr innovativen Linienführung sehr zufrieden. Aber was die direkten Wege von einer Stadt zur anderen betrifft, ist das Auto leider weiterhin das wichtigste Verkehrsmittel in MV.

 

Helge Blankenstein: Eigentlich besteht der gesamte öffentliche Nahverkehr nur aus Quersubventionierung. Bahnverbindungen werden immer weniger, dafür werden Busse eingesetzt. Und man muss oft mehrfach umsteigen, es gibt nur wenige Verbindungen auf dem Land.

Pegel: Ich bin dafür, nicht mehr auszugeben, als im Haushalt vorhanden ist. Wenn bei uns im Land ein Bus eingesetzt wird,  kostet er etwa zwei bis 2,40 Euro pro gefahrenem Kilometer. Die Bahn dagegen etwa zehn bis zwölf Euro. In manchen Zügen sitzen pro Fahrt durchschnittlich unter zehn Personen. Daher sind Busse auf solchen geringer genutzten Strecken besser. Und sie sind längst nicht mehr die Ökosäue. Züge fahren auf unseren Nebenstrecken ebenso Diesel. Der ökologische Vorteil der Bahn entsteht bei großen Passagierzahlen. Busfahrer sind übrigens deutlich besser als viele Diskussionsbeiträge es

nahelegen - es gibt keinen Automatismus, dass Züge und deren Personal per se besser sind. Es kommt darauf an, was wir bestellen - bei Bussen wie bei Bahnen. Ständige Verbindungen, am

besten noch ohne umsteigen und das überall im Land werden wir uns schlicht nicht leisten können.

 

Sümnicht: Da besteht ja die Gefahr, gewisse Gebiete abzuschneiden…

 

Ebel: Müssen wir kleine Dörfer infrastrukturell aufgeben?

Pegel: Problematisch wird es für die Gruppe der Menschen ab 75 Jahren. Wir wissen aber auch von dieser Gruppe, dass hier zum Teil die Nutzung von Bussen und Bahnen aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen nicht mehr so leicht fällt und sie daher stärker auf private Mitnahmemöglichkeiten von Familienmitgliedern oder Nachbarn setzen. Ich habe darauf keine perfekte Antwort, aber die Erschließung jeder kleinen Gemeinde mit Bus oder Bahn ist wirtschaftlich nicht machbar. Wir werden vor allem möglichst direkte Verbindungen zwischen den großen und kleinen Zenten unseres Landes stärken müssen, die Zubringerfunktionen zu diesen Linien werden aber vielfältiger sein als bisher und Phantasie brauchen, beispielsweise durch Bürgerbusse, Anrufsammeltaxen oder auch per Fahrrad bis zur nächsten Bushaltestelle.

 

Didik: Aber so siedelt sich in kleinen Gebieten ja nie Wirtschaft an.

Pegel: Die große Wirtschaft wird sich immer an größeren Stadtgrenzen ansiedeln und nicht in kleinen Dörfern.

 

Straßensanierung und -bau

 

Schwarzer: Was können Sie zum Beispiel in Bezug auf die Sanierung der Petersdorfer Brücke aktuelles sagen (Anm. d. Red.: Brücke auf der Autobahn 19)?

Pegel: Klar sagen sich viele Bürger, eine Brücke hält doch länger, mindestens 80 Jahre, aber bei der Petersdorfer Brücke sind die Standfestigkeit aufgrund des Baugrunds im Petersdorfer See und Baumängel das Problem. Der Neubau der Brücke soll im Herbst 2015 - seit vielen Jahren geplant - losgehen. In der Bauphase sollen die Fahrzeuge aus beiden Richtungen über nur eines der beiden Teilbauwerke, aus denen die Brücke besteht, geführt werden. In der Zeit wird das andere Teilbauwerk abgerissen und neu gebaut. Damit es trotz Schäden den Verkehr aus beiden Fahrtrichtungen noch aufnehmen kann, musste vorher das noch knapp zwei Jahre intensiver genutzte Brückenteil verstärkt werden. Dafür wurden Stahlplatten als Verstärkung angeschweißt. An diesen Schweißnähten gab es jetzt Risse, deshalb müssen die Platten wieder abgenommen werden. Es war alles gut vorbereitet. Dass es dann zu diesen Missgeschicken gekommen ist, das ist ärgerlich. Ich möchte aber auch die jungen Ingenieure in Schutz nehmen, sie haben tolle Arbeit geleistet. Es war vorher nicht ganz klar, wie die Substanz war und was sie tatsächlich erwartet.Grundsätzlich arbeiten wir in dem Bereich um die Petersdorfer Brücke aber auch an einer schwierigen Stelle, wegen des Naturschutzgebietes. Es gab viele technische Schwierigkeiten. Deshalb haben wir die Degis, die gemeinsame Planungsgesellschaft der ostdeutschen Länder, die auch unsere A 20 gebaut hat, beauftragt.

 

Schwarzer: Und wie viel kostet die Sanierung nun und wird die Brücke dann regelmäßig geprüft?

Pegel: Die Petersdorfer Brücke kostet 32 Millionen Euro. Brückenbauwerke unterliegen der gesetzlich vorgeschriebenen Prüfpflicht. Danach bedarf es einer jährlichen Sichtprüfung, alle 6 Jahre einer Hauptprüfung und immer 3 Jahre nach einer Hauptprüfung einer einfachen Prüfung.

 

Sperber: Was ist mit der Umgehung auf Rügen, der B96n? Steht das jetzt alles fest?

Pegel: Der Bund hat mir noch keinen unterschriebenen Scheck ausgestellt. Ich bin aber guter Dinge, dass der Bund uns bei den nächsten Finanzierungsmöglichkeiten im Blick hat. Ich bestätige aber grundsätzlich nichts, wofür ich noch keine finanzielle Zusage habe.

Internet

 

Kuwatsch: Wann funktioniert das Internet für alle auf dem Land und in der Stadt richtig gut?

Pegel: Das ist eine Geldfrage. Wir wollen nachhaltigere Glasfasertechnik einführen, haben aber mit Kupfer schon eine gute Infrastruktur für Telefone. Klar, die Telekom wirbt jetzt überall mit schnellem Internet, aber ich diskutiere gerade mit dem Ministerpräsidenten, weil es um wirklich viel Geld beim Umsetzen eines flächendeckend schnellen Internets geht.

 

Ebel: Herr Minister Pegel, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Projekt mit den Leserbeiräten genommen haben. Wir werden diese Gesprächsreihe mit unseren Leserbeiräten fortsetzen.



Claudia Tupeit