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Rostock „Die Jobs sind viel gefragter als viele meinen“
Mecklenburg Rostock „Die Jobs sind viel gefragter als viele meinen“
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08:37 19.03.2019
Alte Menschen in deren häuslichem Umfeld pflegen – ein Job, den viele, aber bei weitem nicht genug Arbeitnehmer machen wollen, sagt Sven Wolfgram, Landeschef des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste.
Alte Menschen in deren häuslichem Umfeld pflegen – ein Job, den viele, aber bei weitem nicht genug Arbeitnehmer machen wollen, sagt Sven Wolfgram, Landeschef des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste. Quelle: dpa
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Rostock

Die OZ sprach mit Sven Wolfgram, MV-Chef des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste über die Probleme der Pflegedienste.

Herr Wolfgram, wie schwer fällt es den Pflegediensten in Mecklenburg, Mitarbeiter zu finden?

Sie könnten derzeit sehr viel mehr Pflegefach- und Hilfskräfte einstellen, als sie auf dem Arbeitsmarkt finden. Zwar entscheiden sich immer mehr Menschen für den Pflegeberuf, gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Pflegeleistungen noch deutlich stärker an. Es ist also ein großer Wettbewerb um die Pflegekräfte entstanden, in dem derzeit zum Beispiel die Krankenhäuser oftmals die Nase vorn haben, weil sie gerade mit gezielten Personalstärkungsmaßnahmen unterstützt wurden.

Was bedeuten die Personal-Engpässe für Pflegebedürftige und deren Angehörige?

Immer mehr Menschen erhalten nicht die Versorgung, die gewünscht oder benötigt wird. Es ist leider keine Besonderheit mehr, dass die Familien alle Pflegedienste in einer Region abtelefonieren müssen, um irgendwo eine Zusage für die benötigte Versorgung zu erhalten. Dabei müssen sie oft auch auf einen Zufall hoffen, wenn ein Pflegedienst gerade die Möglichkeit hat, eine neue Tour aufzumachen, oder irgendwie noch eine Tour erweitern kann. Ansonsten müssen Pflegebedürftige und ihre Familien inzwischen oft warten und diese Zeit irgendwie überbrücken.

Der Bedarf an ambulanter Pflege nimmt in Mecklenburg stetig zu. Warum will den Job kaum einer machen?

Genau das Gegenteil ist doch der Fall. In den letzten drei Jahren sind 100 000 neue Jobs in der Pflege entstanden und auch die Ausbildungszahlen sind in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen. Die Jobs sind viel gefragter als viele meinen. Noch viel stärker steigt aber die Zahl der Pflegebedürftigen und die Nachfrage nach Pflegeleistungen. Diesen Bedarf zu decken wird in der Zukunft nicht leichter, weil einfach weniger junge Menschen in das Berufsleben starten.

Was muss passieren, damit die Branche attraktiver wird?

Es ist gut, dass die Pflege als wichtiges gesellschaftliches Thema in die öffentliche Wahrnehmung gerückt ist. Aber sie muss weniger als Dauerproblem, sondern vielmehr als Wachstumsbranche wahrgenommen werden, die im Vergleich mit anderen Ausbildungsberufen gute Verdienst und vor allem Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Eine Altenpflegerin verdient deutlich mehr als viele Handwerker, als die Verkäuferinnen, Arzthelferinnen oder Restaurantfachleute. Und die Pflege bietet überall in MV hochqualifizierte Jobs direkt vor der Haustür – nicht nur in den großen Städten.

Würden Sie Ihrem Kind empfehlen, Altenpfleger zu werden?

Diesen Beruf muss man können, pflegen kann eben nicht jede und jeder. Aber ich würde jedem jungen Menschen empfehlen, sich den Beruf genau anzuschauen. Das ist ein Job, in dem sie in jeder Region Deutschlands eine Arbeit finden, bei dem sie sich ein Leben lang weiterentwickeln können, bis hin zum Studium und der absolut krisensicher ist. Das dürften für viele junge Menschen und auch für viele Eltern wichtige Kriterien sein.

Die meisten Menschen wollen in den eigenen vier Wänden alt werden. Können wir das in Zukunft noch oder klappt das nur bei denen von uns, die allein zurechtkommen oder von Angehörigen gepflegt werden?

Die Angehörigen übernehmen jetzt schon die Hälfte aller Pflegeleistungen und bleiben sicher wichtig. Vor allem wenn Familienstrukturen wegbrechen und der Bedarf an professioneller Unterstützung steigt ist es also wichtig, die Pflegedienste zu stärken. Wir werden also künftig sicher mehr ambulante Pflege brauchen und dafür müssen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um noch mehr Menschen für den Beruf zu gewinnen. Dazu gehören einfache Zugänge zur Ausbildung, verlässliche Rahmenbedingungen für die Pflegedienste und auch ein modernes Einwanderungsgesetz mit schnellen Anerkennungsverfahren für internationale Fachkräfte.

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