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Rostock Bewerberin verteidigt Klage gegen Bockhahn-Ernennung
Mecklenburg Rostock Bewerberin verteidigt Klage gegen Bockhahn-Ernennung
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17:45 16.08.2014
Annette Indetzki sieht sich bei der Wahl zum Sozialsenator von Rostock gegenüber Steffen Bockhahn benachteiligt. Quelle: Frank Söllner, privat
Rostock

Eine Frau wirbelt den politischen Betrieb der Hansestadt durcheinander. Annette Indetzki klagte gegen die Ernennung Steffen Bockhahns (Linke) zum Sozialsenator — mit Erfolg. Das Schweriner Verwaltungsgericht entschied: Der ehemalige Bundestagsabgeordnete sei nicht qualifiziert für das Amt. Ein Aufschrei ging durch die Bürgerschaft. Die Stadtvertreter fühlten sich bevormundet. Die rot-rot-grüne Mehrheit will sich nicht vorschreiben lassen, wen sie zum Senator wählen darf. Die Bürgerschaft geht nun gegen den Beschluss vor — und will vor dem Oberverwaltungsgericht in Greifswald ein Grundsatzurteil für das ganze Land erwirken. Die zentrale Frage: „Wie kompetent müssen Spitzenbeamte sein?“

Doch wer ist die Frau, die das politische Erdbeben ausgelöst hat? Welche Motivation hat Annette Indetzki? Rostocks politische Klasse wirkt ratlos. Nur eines scheint sicher: Nach ihrer Klage habe sie in der Hansestadt keine Zukunft mehr, raunen Stadtvertreter hinter vorgehaltener Hand. Die 54-Jährige sagt dazu: „Ich muss mich den Mehrheitsverhältnissen stellen. Aber ich will auch meinen Anspruch auf ein korrektes Bewerberverfahren sichern.“ Es gehe auch um mögliche Schadensersatzforderungen.

Indetzki leitet im Bezirk Berlin-Treptow-Köpenick seit 2005 das Amt für Weiterbildung und Kultur. Doch sie ist umstritten. Indetzki wollte im vergangenen Jahr Bibliotheken schließen, an Musik- und Volkshochschulen Honorare für Lehrkräfte senken. Eine Bürgerinitiative stemmte sich gegen das Spardiktat. Am Ende musste sogar der Stadtrat zurücktreten. „Es herrschte ein rauer Ton. Frau Indetzki war schwer angeschlagen“, sagt Matthias Vorbau, Chefredakteur des Berliner Lokalmagazins Maulbeerblatt. Im vergangenen Dezember erkrankte die Amtsleiterin. Vor wenigen Wochen ist sie wieder in die Arbeit eingestiegen.

Indetzki spricht von einer „schwierigen Phase“. Veränderungen seien notwendig gewesen, ganz Berlin drücke die Schuldenlast, überall müssten Kosten gesenkt werden. Mit ihrer Bewerbung auf die Senatorenstelle in Rostock habe die Geschichte jedoch nichts zu tun. „Nach einigen Jahrzehnten in der Hauptstadt zieht es mich wieder in die Heimat. Und die Ausschreibung passte perfekt“, sagt Indetzki, die in der Hansestadt geboren ist. Sie habe sich auch vorher schon auf andere Posten beworben — zum Beispiel als Bezirksamtsleiterin in Hamburg-Altona. Dort machte im vergangenen Sommer Liane Melzer (SPD) das Rennen — die Frau, die zuletzt Rostocks Sozialsenatorin war.

Auch in Hamburg sei beim Auswahlverfahren nicht alles korrekt gelaufen, auch dort habe es keine Bestenauslese gegeben, auch dort hätten eher politische Motive eine Rolle gespielt, sagt Indetzki. „Es ist nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert ist. Doch diesmal will ich das nicht mehr hinnehmen.“ Zumal ihr Name in Rostock öffentlich wurde — und es nun so aussehe, als würde sie erneut scheitern. „Da ist das Gesetz der Verschwiegenheit verletzt worden“, sagt sie.

Erst aus der OSTSEE-ZEITUNG habe sie im März erfahren, dass sie bei einer internen Bewertung der Stadtverwaltung sehr gute Noten erhielt. Zuvor hatte sie fünf Monate lang nichts aus Rostock gehört.

Kurz nach der Veröffentlichung wählte die Bürgerschaft jedoch Bockhahn zum Sozialsenator — ausgerechnet den Kandidaten, der schlechtere Noten von der Verwaltung bekam. Zudem sei sie nicht von allen Fraktionen angehört worden, betont Indetzki. „Es ist in Ordnung, wenn es eine Wahl gibt“, sagt sie. Aber es habe auch eine Ausschreibung gegeben, die verbindlich sei. Nun müsse das Gericht entscheiden.

Rostocker Wurzeln
Annette Indetzki wurde in Rostock geboren. Die 54-Jährige ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und lebt in Berlin. Als Diplommusikerin und Musikpädagogin führte sie 13 Jahre lang Musikschulen. Seit 2005 leitet sie das Amt für Weiterbildung und Kultur in Treptow-Köpenick, das die Bereiche Musikschule, Volkshochschule, Bibliotheken, Museum und Kultur umfasst.

 



André Wornowski