Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Politik Braunbär, Schädel, Fetisch-Dress: Das holt der Zoll aus Rostocks Post
Mecklenburg Rostock Politik Braunbär, Schädel, Fetisch-Dress: Das holt der Zoll aus Rostocks Post
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:41 18.01.2019
Liebeselixier, menschlicher Schädel, Einhorn-Fetisch-Kostüm für den Mann: Zöllnerin Sabine Knoth hat in Paketen schon unzählige Kuriositäten entdeckt. Ein Großteil der Importware, die beim Rostocker Zollamt landet, ist gefälscht - Fahrzeugteile und Markenklamotten zum Beispiel. Quelle: ANTJE BERNSTEIN
Anzeige
Seehafen

Manchmal muss Sabine Knoth ihre Nase gar nicht erst tief hinein stecken, um zu wissen, dass die Sendung zum Himmel stinkt. Viele Pakete, die bei ihr im Zollamt Rostock ankommen, verströmen den untrüglichen Geruch nach Verbotenem. „Besonders eklig stinken schlecht abgekochte Knochen“, sagt Knoth. Wie ein mit Schnitzereiein verzierter Kuhschädel, den sich ein Rostocker per Post aus Asien schicken ließ und aus dem schon die Speckkäfer krabbelten. „Ein ganz böser Stinker.“

Tierpräparate, Drogen, Potenztrank aus Bärengalle – Sabine Knoth und ihre Kollegen werden immer wieder mit skurrilen Fundstücken konfrontiert. Rund 10 000 Warensendungen aus Nicht-EU-Ländern hat das Rostocker Zollamt, das für die Hansestadt und den Großteil des umliegenden Landkreises zuständig ist, im vergangenen Jahr abgefertigt und dabei vor allem reichlich Plagiate abgefangen. Markenklamotten, Autoteile, Kosmetik oder Smartphones – „Es gibt nichts, was nicht gefälscht wird“, sagt Zollamtsleiter Jürgen Peters. Der boomende Online-Handel beschert seinen Mitarbeitern von Jahr zu Jahr mehr Arbeit. Besonders häufig kommt Post aus Fernost: Aus China lassen sich Sparfüchse vermeintliche Schnäppchen schicken. Statt der ersehnten Sendung flattert ihnen ein Benachrichtigungsschreiben vom Zoll ins Haus. Dass Importe aus Ländern jenseits der EU-Grenzen bestimmten Einfuhrbeschränkungen unterliegen, sei vielen Online-Shoppern gar nicht bewusst, sagt Sabine Knoth. „Die meisten sind ganz unbedarft und achten nicht darauf, aus welchem Land sie da gerade Ware bestellen.“ Andere hingegen seien schlichtweg dreist, ergänzt Jürgen Peters. „Frei nach dem Motto: Vielleicht komme ich ja damit durch.“

Beim Amt im Seehafen landen auch jede Menge außergewöhnliche Bestellungen. Um den Onlinekauf in Empfang zu nehmen, braucht es mitunter Mut. Denn mancher, der vor Rostocks Zöllnern sein Päckchen öffnen muss, macht sich damit quasi nackig: Fetisch-Klamotten, Flüssig-Viagra, Gummi-Genitalien zum Umschnallen – nichts, was Sabine Knoth nicht schon gesehen hätte. „Für amouröse Abenteuer aller Art sind wir hier bestens ausgestattet“, scherzt die Leiterin des Abfertigungsdienstes. „Zartbesaitet darf man in unserem Job jedenfalls nicht sein. Aber wir schwitzen weit weniger als derjenige, der solche Sexspielzeuge abholen kommt.“ Um sich diese Peinlichkeit zu ersparen, wird Mutti vorgeschickt. Bei einer solchen Gelegenheit habe eine Frau erfahren, dass ihr Sohn gern hüfthohe Damenstiefel aus Lackleder trägt, verrät Knoth. Einen Fetisch für Fabelwesen scheint dagegen jener Mann zu haben, der vor den Zöllnern einen Latex-Overall in Einhorn-Optik auspackte. „Der ist mit knallrotem Kopf vom Hof.“

Immerhin durfte er sein Paket behalten. Anderes zieht der Zoll rigoros aus dem Verkehr. Zum Bespiel das Fell eines Braunbären, das sich ein Rostocker Rechtsanwalt aus dem Russlandurlaub per Paket in die Heimat nachschicken ließ. Ein anderer Sammler versuchte, auf dem Postweg Walzähne ins Land zu schmuggeln und verstieß damit gegen das Washingtoner Artenschutzabkommen. Ein ausgestopftes Krokodil und eine Kollektion Käferpräparate fing der Zoll ebenfalls ab.

In den Paketen aus Nicht-EU-Länder stecken oft Kuriositäten. Manches ist eklig, anderes gefährlich, vieles verboten.

Noch häufiger fischen die Zöllner Plagiate aus den Paketen. Anhand dieser Waren kann Sabine Knoth die aktuellen Trends ablesen. Welche Modemarke ist en vogue, welches Pflegeprodukt begehrt? Die Fachfrau weiß, was geht. Besonders beliebt seien derzeit Anti-Falten-Cremes mit Kavier. „Hierzulande kostet der 50-Gramm-Tiegel 250 Euro, im Netz wird er für 50 angeboten. Wenn da Heringseier drinstecken, hätte der Käufer noch Glück.“

Ebenfalls angesagt seien die Trikots US-amerikanischer Sport-Stars. Ein solches Leibchen verstieß jüngst gleich gegen eine Vielzahl von Einfuhrverboten: Die Fälschung verletzte die Patentrechte eines Sportartikelherstellers, eines US-Basketball-Teams und dessen Liga zugleich. „Fehlte nur noch, dass es mit Rauschgift getränkt gewesen wäre“, scherzt Knoth. Verbotene Substanzen kommen auch so zuhauf im Zollamt an. In einem mit „Grüner Tee“ deklarierten Karton fanden die Kontrolleure säckeweise Khat-Blätter, ein in Deutschland illegales Rauschmittel.

Was der Zoll aus dem Verkehr zieht, wird in der Regel vernichtet. Manches bekommt ein zweites Leben. „Schuhe werden geschreddert und gehen in dann den Straßenbau“, erklärt Jürgen Peters. Aus Zigaretten werden Blumenerden, aus Plastikspielzeug PET-Flaschen. Rare Stücke dagegen taugen noch als Studienobjekte: Funde wie Elfenbein oder ein präpariertes Krokodil hat der Zoll Rostocks Zoologischer Sammlung überlassen. „Als eine Art Dauerleihgabe“, erläutert Sabine Knoth.

Bärenköpfe und Co. zu beschlagnahmen, ist ein Leichtes. Um Produktpiraten das Handwerk zu legen, müssen Sabine Knoth und ihre Kollegen dagegen heute viel genauer hinschauen als früher. „Die Zeiten von Adidas-Schuhen mit vier Streifen sind vorbei“, sagt sie. Viele Waren sind so gut gefälscht, dass sich selbst die erfahrene Zöllnerin fast täuschen lässt. Bei einer vermeintlichen Hermes-Handtasche, im Original Tausende Euro wert, hat sie den Betrug nur anhand der Verpackung entlarvt. Oft verrate der Geruch, dass im Paket Verdächtiges steckt. „China riecht man.“

Beim Plastikduft Marke Fernost rümpfen die Zöllner vor allem dann die Nase, wenn er von Spielzeug ausgeht. „Manchen Teddy brauche ich nur anzuschauen und schön fallen ihm die Augen aus. Wenn ein Kind sowas in die Hände kriegt, ist das lebengefährlich“, sagt Sabine Knoth. Sie sei immer wieder erstaunt, welche Risiken Online-Shopper eingehen. In Deutschland nicht zugelassenen Diätpillen würden bedenkenlos eingenommen, nur weil ein US-Promi dafür Werbung mache. Andere kaufen, weil es so günstig ist. „Das ist das Gier-Gen, das schaltet den Verstand aus.“

So wird verzollt

Eine Postsendung aus einem Nicht-EU-Staat muss grundsätzlich zollamtlich abgefertigt werden. Ob der Empfänger Zölle oder Steuern bezahlen müssen, und wie zu verfahren ist, hängt von der Art und dem Wert der Ware ab. Zoll wird für Bestellungen bis 150 Euro grundsätzlich nicht berechnet. Bezahlen müssen die Empfänger meistens aber trotzdem, denn wenn der Warenwert über 22 Euro liegt, wird Einfuhrumsatzsteuer fällig. Zugrunde gelegt wird dabei der Gesamtwert der Sendung, der sich aus dem Kaufpreis der Ware und den Versandkosten zusammensetzt. So kann auch 20-Euro-Kleid aus dem China-Shop am Ende teurer als gedacht werden.

Antje Bernstein

Relax-Zone, Freiluftkino, Sportparcours – In Rostocks Nordosten entsteht eine Oase für alle Generationen.

11.12.2018
Politik Mehr Sicherheit für Kinder - Vater kämpft um Spielstraße

Seit zwei Jahren fordert Frank Goesch, dass die Stadt eine Hausdurchfahrt in Reutershagen sicherer macht. Die will jetzt prüfen, ob das tatsächlich nötig ist.

20.11.2018
Politik Musikalische Frühförderung - Yaro: Talentschmiede mit großen Plänen

Rostocks Zentrum für hochbegabte Jungmusiker wird zehn Jahre alt und will Mecklenburg-Vorpommern mit innovativem Konzept zum Vorreiter in der musikalischen Frühförderung machen.

07.11.2018