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Rostock Revolution am Rostocker Himmel: Wie ein Heinkel-Flugzeug die Luftfahrt veränderte
Mecklenburg Rostock Revolution am Rostocker Himmel: Wie ein Heinkel-Flugzeug die Luftfahrt veränderte
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21:25 26.08.2019
Die He 178 bei ihrem ersten Flug am 27. August 1939. Das 7,50 Meter lange und knapp zwei Tonnen schwere Flugzeug war mit einem von Hans von Ohain entwickelten Turbinenstrahltriebwerk He S 3B ausgerüstet. Quelle: dpa
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Rostock

Ein durchdringendes Heulen in der Luft und ein vorbeirasender Schatten am Himmel – für viele Rostocker begann der 27. August 1939 mit einem Schreck. Um vier Uhr startete Pilot Erich Warsitz mit seiner Maschine vom Typ Heinkel 174 vom Flugfeld Rostock-Marienehe zu einem historischen Flug: Es war der erste Düsenflug in der Geschichte. Ein neues Zeitalter, das bis heute andauert, hatte begonnen.

Vater des revolutionären neuen Antriebs war Hans Joachim Pabst von Ohain (1911-1998). Er hatte in Rostock, Berlin und Göttingen Physik studiert und sich in Göttingen seit 1934 mit der Idee des propellerlosen Antriebs befasst. „Propellerflugzeuge mit Kolbenmotor stießen damals an eine Geschwindigkeitsgrenze“, erklärt Michael Techritz, Vorsitzender des Vereins Förderkreis Luft- und Raumfahrt MV.

Aus physikalischen Gründen waren sie auf 700 Kilometer pro Stunde begrenzt. Also griff Ohain die Idee des Briten Frank Whittle auf, der bereits 1928 das Konzept für ein Strahlentriebwerk entwickelt hatte. „Whittle stieß jedoch weder beim britischen Luftfahrtministerium noch bei der Industrie auf Interesse“, weiß Techritz.

Geheime Sonderbaracke für das Projekt

In Göttingen blieb Ohain allerdings erfolglos. Daraufhin empfahl ihm sein früherer Professor Robert Wichard Pohl, sich an den aufstrebenden Flugzeugingenieur Ernst Heinkel in Rostock zu wenden. Das tat er und überzeugte Heinkel von seinen Plänen. Im Heinkelwerk in Marienehe wurde 1936 eine geheime Sonderbaracke für das Projekt eingerichtet.

Zwei Jahre später war der Prototyp, die He 178, fertig und konnte zu ihrem Erstflug abheben – nur vier Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. „Das Projekt war streng geheim, nicht mal alle Heinkel-Mitarbeiter wussten Bescheid“, so Techritz. Daher dürfte in der Hansestadt der Schreck beim Erstflug umso größer gewesen sein.

Trotz erfolgreicher Tests zunächst keine Weiterentwicklung

Doch trotz des erfolgreichen Tests wurde die Technologie im Krieg zunächst nicht weiterentwickelt. Für Techritz lag das vor allem an der Überheblichkeit von Adolf Hitler: „Er war der Meinung, das vorhandene Material würde für den geplanten kurzen Krieg reichen.“ Erst 1944, als die Alliierten bereits die Lufthoheit über dem Deutschen Reich hatten und deutlich wurde, dass die herkömmlichen Jäger es nicht mit der Übermacht aufnehmen konnten, setzten die Nationalsozialisten auf den Strahlantrieb. Die Me 262 von Messerschmitt war dann der erste Düsenjäger, der in Serie gefertigt wurde. Die He 162 von Heinkel, die auch „Volksjäger“ genannt wurde, war erst unmittelbar vor Kriegsende einsatzbereit und kam kaum noch zum Einsatz.

Der Prototyp der He 178 kam noch zu Kriegszeiten in eine Berliner Luftfahrtsammlung, wo er bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Nachbauten sind im Phantechnikum in Wismar und im Flughafen Rostock-Laage, dessen Terminal zudem nach Ohain benannt ist, zu sehen.

Heinkel steht für Bomber He 11

Trotz der Rolle von Heinkel im Krieg begeht der Rostocker Förderkreis das Jubiläum des ersten Düsenflugs: „Heinkel steht vor allem für den Bomber He 11, der bei vielen Luftangriffen Tod und Verderben gebracht hat“, sagt der Vereinsvorsitzende Techritz. „Damit hat auch Ernst Heinkel moralische Schuld auf sich genommen, das verkennen wir nicht.“ Andererseits sei mit der He 178 vor 80 Jahren technisches Neuland betreten worden. „Auch das muss man anerkennen“, fordert Techritz.

Nicht zuletzt begründete Heinkel eine Tradition des Flugzeugbaus in MV, die bis heute fortlebt. „MV hat sich nach der Wende zu einem attraktiven Standort für die Luft- und Raumfahrtbranche entwickelt“, sagt der Schweriner Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU). „Die Firmen im Land profitieren von den zahlreichen Technologie- und Hochschuleinrichtungen sowie von den hervorragenden Standortbedingungen.“

Luftfahrt heute in MV

Derzeit sind im Land etwa 30 Unternehmen mit rund 800 Mitarbeitern im Zulieferer- und im ingenieurtechnischen Bereich tätig, hauptsächlich für den europäischen Flugzeughersteller Airbus. Zu den Produkten und Dienstleistungen gehören unter anderem Flugzeugsitze, Brandgassensoren, Spezialschläuche, Beschichtungen und Spezialvorrichtungen für die Montage sowie spezielle Forschungs- und Entwicklungsaufgaben. Dank der Nähe zum Luftfahrtzentrum Hamburg haben sich in den vergangenen Jahren mittelständische Zulieferer direkt oder als Tochterfirmen in MV angesiedelt.

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