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Rostock Girls’ Day in Rostock: Mädchen erobern Männerberufe
Mecklenburg Rostock Girls’ Day in Rostock: Mädchen erobern Männerberufe
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10:55 29.03.2019
Das kostet Überwindung: Schülerin Luna Gerstenberger darf mit dem Schlagstock richtig zuhauen. Milena Bollhagen und Johanna Hoefs schauen zu. Quelle: Claudia Labude-Gericke
Rostock

Ihr Zögern dauert nur einen kurzen Moment, aber dann haut Luna Gerstenberger zu, dass es nur so knallt. Mit dem Schlagstock drischt sie mehrmals auf den Mann ein, der vor ihr steht. Dabei ist die 15-Jährige gar nicht von sich aus so rabiat, sondern folgt nur den Anweisungen von Ralf Wendt. Der Leiter der Mobilen Kontroll- und Überwachungseinheit der Bundespolizei hat 16 Schülerinnen beim Girls’ Day am Donnerstag gezeigt, was zur Arbeit der Polizeibeamten dazugehört – neben dem Einsatzdienst natürlich auch die Ausbildung und die Schutzkleidung, die sowohl beim Training als auch im Ernstfall einiges aushalten muss.

Tagesstart mit Besuch in der Zelle

„Das ist schon eine besondere Erfahrung, auf einen Menschen einzuschlagen. Das macht man nicht mal eben so“, sagt Luna. Sie kann sich durchaus vorstellen, später Uniform zu tragen, und hat deshalb bereits ein Praktikum bei der Landespolizei in Bad Doberan gemacht. Zum Girls Day bei der Bundespolizei will sie nun auch deren Arbeitsbereiche kennenlernen. Der Tag beginnt für die Schülerinnen, die zum Großteil aus dem ganzen Land angereist sind, im Bereich Erkennungsdienst: Fotos, Fingerabdrücke, Zellenbesuch. Monika Hirschke kümmert sich seit acht Jahren um den Bereich Kriminalprävention und damit auch um den Nachwuchs. „Mindestens zehn unserer 150 Bundespolizisten haben durch einen solchen Tag oder ein Schülerpraktikum zu uns gefunden“, weiß die Polizeihauptkommissarin, die am Donnerstag mit ihrem Kollegen, Polizeiobermeister Olaf Deichmann die Mädchen durch die Inspektion in der Kopernikusstraße führt.

Zehn bis zwölf Stunden-Dienste in schwerer Schutzkleidung

Der Rundgang beeindruckt die Mädchen, die auch die Chance für ein Erinnerungsfoto am Einsatzfahrzeug nutzen. Noch öfter klicken die Handykameras, als es um die Kleidung der Beamten geht. Milena Bollhagen, ihre Schwester Hanna und Freundin Johanna Hoefs melden sich freiwillig, die etwa 15 bis 20 Kilo schweren Schutzwesten anzuziehen. In dieser Montur sind die Bundespolizisten zum Beispiel am Bahnhof im Einsatz, wenn Hansaspiele anstehen, sichern aber auch Demonstrationen ab – und das auch mal zehn bis zwölf Stunden am Stück. Körperliche Fitness ist dazu zwingend nötig.

„In der Hand waren die Westen schon extrem schwer, angezogen geht es“, bilanziert Johanna, die in Barth das Gymnasium besucht. Den Girls’ Day, bei dem Mädchen vermeintlich typische Männerberufe ausprobieren können, findet sie prima. „Wann sonst hat man schon einmal die Chance dazu, solche Einblicke zu bekommen“, sagt die Elftklässlerin, die auch schon bei der Marine reingeschnuppert hat.

„Es sind aber nicht alles nur Ganoven, mit denen wir zu tun haben“, sagt Ralf Wendt. Der Einsatzbereich der Bundespolizei erstrecke sich über Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig Holstein und umfasse unter anderem auch temporäre Grenzkontrollen oder Fahrzeugfahndung. Auch am Bahnhof oder im Überseehafen sind die Männer und Frauen tätig.

Mehr lernen als im Unterricht

Eine ebenso spannende Tätigkeit, die aber Innendienst bedeutet, hat sich Karla Dodell ausgesucht. Die Gymnasiastin aus Bad Doberan ist eines von sechs Mädchen, die bei der Firma Datagroup Erfahrungen im Umgang mit der digitalen Welt sammeln wollen. „Der Informatik-Unterricht ist sehr trocken und wir lernen viel, was wir schon kennen oder uns auch selbst erschließen können“, sagt die 16-Jährige. Der Tag bei der Fachfirma biete ihr spannende Einblicke in neue technische Bereiche und damit etwas, das sie auch fürs Leben gebrauchen könnte.

Tobias Schulz erklärt Karla Dodell, wie sie ihren Mini-Computer programmieren kann. Quelle: Claudia Labude-Gericke

IT-Berater Tobias Schulz hat für Karla und die anderen deshalb kleine Selbstbau-Sets vorbereitet. Diese Raspberry, also Himbeere, genannten Kästchen sind quasi ein Computer für die Hosentasche. Jede Teilnehmerin kann mit ein bisschen Hilfe der Experten Programme aufspielen, die dann das Anschauen von Videos oder Serien und das Musikhören ermöglichen. „Manche bauen daraus auch eine Wetterstation – da ist vieles möglich“, sagt Schulz.

Karla Dodell hat Spaß am Basteln und Programmieren gefunden. „Ich war zum Girls’ Day schon beim Trompetenbauer und bei der Feuerwehr. Das hier ist das dritte Mal, gefällt mir aber bisher von allen am besten“, erklärt die Gymnasiastin, die trotzdem noch nicht ganz sicher ist, welchen beruflichen Weg sie später einschlagen will.

IT-Branche ideal für Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die IT-Branche sei dabei perfekt für Frauen. „Alle wollen immer nur Influencer werden und vor der Handykamera stehen. Dabei sind die spannenden – und auch gut bezahlten – Jobs dahinter“, sagt Walburga Speth, die bei der Rostocker Datagroup für den Bereich Personal zuständig ist. Familienfreundlichkeit, Flexibilität durch Heimarbeit und Zukunftsfähigkeit – es gebe viele Faktoren, die für die Branche sprechen.

Informationstechnologie biete Karrierechancen unabhängig von der Schulform. Ob Ausbildung, Fachhochschule oder Universität – der Einstieg in die Branche sei genau so vielfältig wie die späteren Arbeitsmöglichkeiten, die vom Berater über Spieleentwickler bis hin zur Forschung reichen.

Fachkräftegewinnung startet in der Schule

Trotz der vielen positiven Effekte: „Der Frauenanteil ist in Deutschland erschreckend gering, liegt vielleicht bei 15 Prozent. Andere Länder sind da viel weiter“, weiß Datagroup-Geschäftsführer Ulf Klammer. Er hat deshalb beschlossen, erstmals beim Girls’ Day dabei zu sein. „Die Fachkräftegewinnung fängt in der Schule an“, sagt Klammer, der bedauert, dass der Informatikunterricht den Nachwuchs eher abschreckt als für den Bereich begeistert. Als Vertreter eines führenden deutschen IT-Dienstleistungsunternehmens sieht es Klammer deshalb als seine Pflicht an, gegenzusteuern. Ob mit Tagen wie dem Girls Day oder dem Angebot von Praktika für Schüler. Zudem gebe es ein Mentorenprogramm für Studentinnen.

Maschinenbau-Fakultät wird zur Eiswerkstatt

Dass eine vermeintliche Männerdomäne auch Frauen Spaß machen kann, dafür sind Johanna Zech (25) und Lena Hentschel (23) das beste Beispiel. Die beiden stehen kurz vor dem Ende ihres Maschinenbau-Studiums und wollen weitere Mädchen für dieses Fachgebiet begeistern. 15 Schülerinnen sind der Einladung an die Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik gefolgt und bauen dort Boote mit Dampfantrieb, mischen Eis aus Stickstoff und Joghurt und designen Schlüsselanhänger für den 3D-Drucker am Computer.

Johanna Zech (l.) und Lena Hentschel (hinten) helfen Henni und Ida (vorn) beim Designen von Schlüsselanhängern für den 3D-Drucker. Quelle: Claudia Labude-Gericke

Ida (11) und Henni (12) haben sich für ihre Initialen entschieden und einen HI-Anhänger als Symbol ihrer Freundschaft entworfen. Den Tag an der Universität finden beide total spannend. „Mathe ist eines meiner Lieblingsfächer“, sagt Henni, die schon eine Vorahnung hat, was sie einmal werden möchte: „Am liebsten Arzt. Aber ohne zu operieren.“ Ida würde später gerne etwas mit Tieren machen oder Fotografin werden. Aber auch, wenn aus den Mädchen keine Ingenieurinnen werden: Dass sie die Technik genau so gut hinbekommen, wie die Jungs, haben beide zum Girls’ Day gezeigt – und besitzen jetzt auch einen Schlüsselanhänger, der das beweist.

Claudia Labude-Gericke

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