Rostock: Ratte im Klo - Student von Kammerjäger abgezockt
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Rostock Erst Ratte im Klo, dann abgezockt: Rostocker Student zahlt fast 1000 Euro an Kammerjäger
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Rostock: Ratte im Klo - Student von Kammerjäger abgezockt

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11:00 25.11.2021
Bei Student Sven Pantermehl befand sich Anfang November eine Ratte in der Toilette seiner Wohnung in der Rostocker Dostojewskistraße in der 4. Etage.
Bei Student Sven Pantermehl befand sich Anfang November eine Ratte in der Toilette seiner Wohnung in der Rostocker Dostojewskistraße in der 4. Etage. Quelle: JULIANE SCHULTZ
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Rostock

Vor Ratten und Betrügern fürchten sich die meisten Menschen aus guten Gründen. Schlimm, wenn man am selben Tag an beide gerät – so wie der Medizinstudent Sven Pantermehl. In dessen Wohnung, im Rostocker Stadtteil Evershagen, zeigte sich Anfang November erst das Ungeziefer. Der Kammerjäger, den er daraufhin rief, entpuppte sich als Abzocker.

Der 24-Jährige war am Samstag auf dem Heimweg vom Wochenenddienst, als seine Freundin anrief und schockierendes berichtete. „Sie sagte, dass sie gerade auf der Toilette war und von unten einen Stupser spürte“, schildert Pantermehl. „Erst dachte sie, dass sich noch Papier in der Schüssel befand, das sie beim Hinsetzen übersehen hatte. Doch als sie sich umdrehte, sah sie eine Ratte.“

Suche im Internet

Die Studentin warf den Deckel zu und ein Handtuch über die Toilette. Sven Pantermehl googelte, was nun zu tun sei. „Im Internet stand, dass der Vermieter zahlt, wenn man nachweislich nicht Schuld am Parasitenbefall ist.“ Auf der Homepage seiner Wohnungsgenossenschaft, der WG Schiffahrt-Hafen, fand er eine Notdiensthotline. „Hätte ich Depp da mal angerufen“, sagt er heute. „Aber da stand nur was von defekter Elektrik oder Heizung, nichts von Parasiten.“ Er gibt zu, etwas panisch gewesen zu sein: „Ich wollte den Nager schnell loswerden.“

Deshalb suchte er nach Nummern von Kammerjägern im Internet. „Dabei fand ich die Seite der Firma Huber. Sie sah seriös aus.“ Was er nicht wusste: Es handelt sich um eine Seite, die nur vortäuscht ortsansässig zu sein. Der Student wählte die Nummer an. Eine Dame nahm den Fall auf und versprach einen Rückruf.

Warnhinweise ignoriert

Bei Student Sven Pantermehl befand sich Anfang November eine Ratte in der Toilette seiner Wohnung in der Rostocker Dostojewskistraße in der 4. Etage. Quelle: JULIANE SCHULTZ

„Ein Mann meldete sich mit unterdrückter Rufnummer“, Pantermehl schüttelt den Kopf. „Im Nachhinein betrachtet, gab es viele Warnhinweise, die ich ignoriert habe. Er habe das später auch mit seinem Vater, einem Polizisten, besprochen. Der bestätigte: Das sei eine Akutsituation gewesen, da passiere so etwas. Als der Student nach einem Kostenvoranschlag fragte, lachte der Anrufer. „Hör mal Junge, das hier ist ein Notdienst, so was machen wir nicht.“

Inzwischen war der Student zu Hause eingetroffen. Sehen konnte er die Ratte nicht, aber hören. „Sie kratzte in der Rohrleitung.“ Das tat sie auch noch, als zwei Männer mit unklarem Akzent im Blaumann eintrafen. Sie hatten ein Klemmbrett mit Rechnungsvordruck. „Sie zählten Preise auf und sagten auch was von 100 Prozent Wochenendzuschlag, aber ich konnte das im Kopf gar nicht so schnell mitrechnen.“

„Rattenfänger“ kamen mit Plastiktüte

Werkzeug hatten die Männer nicht dabei. „Sie hatten nur eine leere Plastiktüte von Lidl mit. In die wollten sie die Ratte packen und hinterher freilassen.“ Der Student stellte also den eigenen Werkzeugkasten zur Verfügung. Die Männer schraubten die Toilette ab, doch die Ratte fanden sie nicht. Sie schraubten die Kloschüssel wieder an und zählten nach 55 Minuten zusammen: 919,39 Euro. Zahlbar sofort.

„Ich hatte ja keine Ahnung, wie Notdienste funktionieren“, sagt Pantermehl. „Sie bestärkten mich in dem Glauben, dass der Vermieter die Kosten übernimmt.“ Das scheint nun nicht so zu sein. „Das viele Geld hatte ich nur, weil es Monatsanfang war. Wenn ich keine Familie hätte, wäre es das gewesen diesen Monat.“ Die Männer zogen ab und er schickte seinem Vater ein Foto von der Rechnung. Der sagte: „Kann sein, dass du Betrügern aufgesessen bist.“

Firma existiert nicht

Seit mehr als 20 Jahren ist Steffen Röver als Schädlingsbekämpfer unterwegs. Quelle: Schädlingsbekämpfung Lilienthal

„Furchtbar!“, sagt Steffen Röver, Schädlingsbekämpfer aus Rostock zum Fall von Sven Pantermehl. „So etwas hören wir oft.“ Er kenne Fälle, in denen Menschen mehrere Tausend Euro zahlen sollten. Er sagt: „Ruft die Polizei und erstattet Anzeige, wenn so etwas passiert.“ Das tat der Student ein paar Tage später, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Firma auf dem Rechnungsvordruck, gar nicht existiert.

Doch wie kann man seriöse von unseriösen Anbietern unterscheiden? Der Experte rät: „Wenn sie im Internet suchen, schauen sie ins Impressum der Homepage. Achten Sie darauf, dass die Firma ihren Sitz wirklich in Rostock hat. Außerdem sollte man ihnen schon am Telefon einen Preis nennen.“ Was für ein Preis wäre normal? „In einfachen Fällen 100 bis 150 Euro. Wenn es umfangreicher wird, mehr. Man muss bedenken, dass Nachkontrollen dazugehören. Meist sind es drei, manchmal fünf Besuche. Aber mehr als 350 Euro kommen da nicht zusammen.“

Hält er die Schilderung der Studenten für glaubhaft, dass es eine Ratte zu ihnen in die vierte Etage geschafft hat? „Ja, es kann schon mal passieren, dass die Ratten durch die geöffnete Toilette in die Wohnung kommen.“ Gibt es keine Vorrichtung im Rohr, die das verhindert? „In den meisten Mehrfamilienhäusern gibt es nur wenige Revisionsklappen. Das liegt daran, dass sie wartungsintensiv sind, weil die Leitungen an diesen Stellen schneller verstopfen können.“

Keine Essensreste über Abwassersystem entsorgen

Dazu sagt Jens Kulling, Leiter der Bautechnik bei der WG Schiffahrt-Hafen: „Grundsätzlich ist das Rohrsystem in der Dostojewskistraße in Ordnung. Es entspricht dem Stand der aktuellen Regeln und Technik. Dies hat auch eine aktuelle Überprüfung durch eine Fachfirma ergeben.“ Aber er räumt ein: „Leider befinden sich im öffentlichen Kanalnetz immer wieder Ratten, welche im Ausnahmefall auch einmal ein Fallrohr erklimmen. Hier möchten wir noch einmal darauf hinweisen, keine Essensreste über das Abwassersystem zu entsorgen, das verstärkt den Befall mit Ungeziefer, insbesondere Ratten.“

Wäre es denkbar, dass die WG Schiffahrt-Hafen sich zumindest anteilig an der Rechnung beteiligt – in Höhe eines seriösen Anbieters? „Im Fall von Herrn Pantermehl müssen wir leider sagen, dass unser Mitglied einem Betrug aufgesessen ist“, so Kulling. „Dies tut uns sehr leid. Wir möchten hier noch einmal darauf hinweisen, dass unsere Partnerfirmen niemals Bargeld oder Zahlungen per EC Karte vor Ort verlangen. Deshalb bitten wir alle Mitglieder, sich nur an unsere Notfallrufnummer zu wenden.“

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Der Ärger bleibt

Sven Pantermehl zeigt Verständnis: „Kulanz ist nichts, was man einfordert. Ich ärgere mich wirklich über meine Dummheit, aber es ändert ja nichts daran, dass die Ratte wirklich da war. Was bleibt, ist Scham, Ärger und finanzieller Schaden.“

Doch die WG hinterlässt einen kleinen Hoffnungsschimmer. Kulling stellt in Aussicht: „Zur endgültigen Klärung einer Kostenübernahme werden wir in den nächsten Tagen noch einmal Kontakt zu unserem Mitglied aufnehmen.“

Von Juliane Schultz