Rostock im Lockdown: Weihnachtsengel & Monchi liefern Obdachlosen Essen
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Rostock Rostock: Weihnachtsengel und Monchi liefern besonderes Festessen aus
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Rostock im Lockdown: Weihnachtsengel & Monchi liefern Obdachlosen Essen

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15:11 20.12.2020
Jan Gorkow bringt Entenbraten zur Unterkunft für Obdachlose in Reutershagen. Uwe Krostitz packt Geschenke-Beutel. Asaal Saadatmand bereitet im Dock Inn Rotkohl für das Festessen zu. Viele Helfer sind an der Aktion der Weihnachtsengel beteiligt.
Jan Gorkow bringt Entenbraten zur Unterkunft für Obdachlose in Reutershagen. Uwe Krostitz packt Geschenke-Beutel. Asaal Saadatmand bereitet im Dock Inn Rotkohl für das Festessen zu. Viele Helfer sind an der Aktion der Weihnachtsengel beteiligt. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock-Warnemünde

Bei Rostocks Weihnachtsengel duftet es himmlisch: Der Entenbraten ist fast fertig, die Kartoffelklöße sehen zum Anbeißen aus. In der Küche des Warnemünder Hostels Dock Inn laufen die letzten Vorbereitungen für ein besonderes Festessen. Es füllt den Magen und ist herzerwärmend, denn die Mahlzeit ist für jene bestimmt, die so gut wie nichts haben: Obdachlose.

Am Herd steht Jan „Monchi“ Gorkow und füllt Bratensoße in Schälchen ab. Wenn der Sänger mit seiner Punkband Feine Sahne Fischfilet die Bühnen dieser Welt entert, wird er von Tausenden Fans gefeiert. Heute Abend aber sollen jene im Mittelpunkt stehen, die am Rande der Gesellschaft leben. Die, davon ist „Monchi“ überzeugt, brauchen „keine Mitleidsnummer, sondern praktische Hilfe“. Deshalb unterstützt er die Initiative „Rostocker Weihnachtsengel“ gern. Was deren Arbeit bewirken kann, hat „Monchi“ im vergangenen Jahr erlebt: „Ich hab’ bei der Obdachlosengala gekellnert. Die Leute kamen mit gesenktem Kopf und gingen erhobenen Hauptes. Das war toll.“

Pandemie trifft Obdachlose besonders hart

Rund 130 Menschen, die Ärmsten der Stadt, hatten im vergangenen Jahr im Dock Inn ein großes Weihnachtsfest gefeiert, zusammen gegessen, gesungen, gelacht. Und für einen Abend alle Sorgen vergessen. In diesem Jahr fällt das Fest aus. Beisammensein in großer Runde – das erlaubt der Corona-Lockdown nicht. Schöne Bescherung. Dabei trifft die Covid-19-Pandemie Obdachlose besonders hart, sagt Uwe Krostitz von den Weihnachtsengeln. „Sie sind meist sowieso schon gesundheitlich nicht so gut drauf und in den Einrichtungen, in denen sie eine Unterkunft finden, kann man nur schwer Abstand halten.“ Hinzu kommt, dass das Thema Obdachlosigkeit in der aktuellen Krise kaum noch eine Rolle in der Gesellschaft spielt. „Uns ist es ein Bedürfnis, es wieder in den Fokus zu rücken.“

Galerie: Weihnachtsfest per Lieferservice

Lieferservice statt Gala für Rostocks Obdachlose

Am Herzen liegt Krostitz und seinen Mitstreitern auch, dass die Bedürftigen gerade in diesem Jahr nicht leer ausgehen. Die Gala haben sie schon vor Monaten vorsorglich abgesagt, dafür haben Rostocks Weihnachtsengel eine himmlische Idee. Statt Obdachlose am Abend vor dem vierten Advent im Dock Inn zu bewirten, bringen sie ihnen Braten und Geschenke.

Bevor sie mit ihrem Lieferservice starten können, müssen sie Pakete schleppen: Im Hostel-Foyer stapeln sich dutzende Geschenke-Beutel gefüllt mit Lebkuchen, Schokoweihnachtsmännern und Mandarinen, Duschgel, Kaffee und Corona-Masken. Alles Spenden von Unternehmen. Und als besonderes Extra: ein Gutschein für ein Hansa-Rostock-Spiel, gesponsert von Feine Sahne Fischfilet für die Zeit, wenn Fans wieder ins Fußballstadium dürfen. Beutel und Braten werden in zwei Lieferwagen verstaut. Abfahrt! Von Warnemünde geht’s gen City. Dort werden die Weihnachtsmobile schon erwartet.

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Jetzt, da die Tage kälter werden und der Winter naht, haben viele in Rostock Unterstützung bitter nötig: Schätzungen zufolge sollen in der Hansestadt mehrere hundert Menschen ohne festen Wohnsitz leben, manche von ihnen sind völlig ohne Obdach. Klaus Smurawski hat’s da besser, er hat ein Dach über dem Kopf: Er wohnt im Integrativen Betreuungszentrum (IBZ) in Reutershagen. „Auf Lebenszeit“ sagt er und zuckt mit den Schultern. Weihnachten ist ein Familienfest, doch Smurawkis Verwandtschaft wohnt nicht in Rostock. Wegen des Lockdowns kann er sie nicht besuchen. Stattdessen will er sich nun das Menü der Weihnachtsengel schmecken lassen. „Ich freu’ mich drüber.“

Das hört Dock-Inn-Geschäftsführer Christoph Krause gern. 165 Weihnachtsessen haben er und sein Team gekocht – die Hälfte geht ans IBZ, der Rest ist für die Obdachlosenhilfe in Toitenwinkel bestimmt. „Für uns ist es ein Leichtes, Ente und Rotkohl zuzubereiten, aber es ist etwas Besonderes für die Leute, denen wir das Essen bringen. Das ist ein schönes Gefühl, ihre Freude mitzuerleben.“ Es zeige auch, dass man schon mit kleinen Gesten viel bewirken kann.

„Monchi“: Sozialer Abstieg kann jeden treffen

„Es ist toll, dass es Menschen wie die Weihnachtsengel gibt, die an Bedürftige denken und ihnen auf Augenhöhe begegnen“, sagt „Monchi“. Zumal jeder in die Situation kommen könne, selbst auf Hilfe angewiesen zu sein. „Wer glaubt, er sei davor gefeit: Pustekuchen. Jeder kann abrutschen.“ Gerade das Corona-Jahr habe das gezeigt, wie schnell man unverschuldet in Not kommen kann und dass Undenkbares möglich ist. „Vor einem Jahr hätte niemand geglaubt, dass wir hier heute mit Maske sitzen und doch ist es passiert. In meinem Bekanntenkreis sind viele pleite oder stehen kurz davor.“

Hilfe für Weihnachtsengel

Wer Rostocks Weihnachtsengel unterstützen möchte, kann das mit einer Spende tun.

Spendenkonto

Empfänger: Rostocker Stadtmission e.V.

IBAN: DE45 1305 0000 0202 2222 33

Verwendungszwecke: Weihnachtsengel

Gerade weil es ihnen an nichts fehlt, wollen „Monchi“ und die Weihnachtsengel die beschenken, die kaum etwas haben. Ihr Menü kommt auch ohne Party gut an. Und doch hegen die Obdachlosen und ihre Engel die Hoffnung, dass sie bald wieder gemeinsam feiern dürfen. Ein Weihnachtswunsch, der sich mit Glück im kommenden Jahr erfüllt. Dann soll wieder ein Fest stattfinden – ohne falsche Mitleidsnummern, dafür mit echter Nächstenliebe.

Von Antje Bernstein

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