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Rostock Rostocker Handwerker werben um Nachwuchs
Mecklenburg Rostock Rostocker Handwerker werben um Nachwuchs
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17:32 20.03.2019
Schornsteinfegermeister Tobias Siggelkow erklärt Florentine (v. li.), Alina, Freyja, Nelly, Emil und Fiete die Funktion des stählernen Kehrgerätes.
Schornsteinfegermeister Tobias Siggelkow erklärt Florentine (v. li.), Alina, Freyja, Nelly, Emil und Fiete die Funktion des stählernen Kehrgerätes. Quelle: Claudia Labude-Gericke
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Rostock

Das Handwerk hat goldenen Boden, heißt es. In Rostock ist er aber blaugrau. Iris Mehlko wirbelt darauf zwischen den Stühlen im nachgestellten Friseursalon herum und gibt Tipps zum perfekten Scheitel oder der Pflege von Bärten. Die Mädchen und Jungen, die von der Meisterin lernen, haben es gut. „Unsere Kundin, Frau Bergmann, ist immer pünktlich, macht alles mit und meckert nicht“, erklärt Iris Mehlko und zeigt schmunzelnd auf einen der zahlreichen Puppenköpfe, an denen normalerweise die Auszubildenden Waschen, Schneiden, Föhnen und Flechten üben.

Am Mittwoch dürfen aber ausnahmsweise einmal Schüler ran. Beim Zukunftstag der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern können Jugendliche potenzielle künftige Arbeitgeber kennenlernen. Laut Geschäftsführer Jens-Uwe Hopf gibt es für dieses Jahr noch 700 freie Lehrstellen im Kammerbereich. Das sind rund die Hälfte der Plätze, die jährlich neu an Auszubildende vergeben werden.

Zukunftstag bietet die Chance, sich auszuprobieren

Judith Spaleniak (17) hat noch ein Jahr Zeit, sich zu entscheiden. Die Neuntklässlerin aus Graal-Müritz probiert sich am Zukunftstag zuerst beim Friseur aus. Das Eindrehen von Locken erklärt ihr dabei Profi Stefanie Ehrich, die Meisterin sowie Prüferin des Handwerks ist und selbst in Rostock einen Salon mit mehreren Angestellten sowie Auszubildenden betreibt. „Bei mir hat damals meine Mutter entschieden, dass ich Friseurin werden sollte – und ich fand das total doof“, blickt die Salonchefin zurück. Mittlerweile könne sie sich aber keinen schöneren Beruf vorstellen. Auch, weil es nicht nur immer neue Kundenwünsche, sondern auch wechselnde Trends gäbe, die das Handwerk abwechslungsreich machen.

Hunderte Schüler haben sich am Mittwoch bei der Handwerkskammer in verschiedenen Berufen ausprobieren können.

Ganz überzeugt vom Beruf ist Judith allerdings noch nicht. Die Neuntklässlerin könne sich eher eine Tätigkeit im Büro vorstellen. „So ein Tag wie heute ist aber super, weil man viele verschiedene Dinge ausprobieren kann.“

Dachdecker heben mit Drohnen ab

Bei Anna Vetter sind das Schieferhammer und Haubrücke. Geschickt und mit gezielten Schlägen verwandelt die 17-Jährige eine Schieferplatte in ein Herz. Helmar Schlüter assistiert der Schülerin, die aus dem Ostseeheilbad Graal-Müritz nach Rostock gekommen ist. Der Vertreter des Landesinnungsverbandes der Dachdecker freut sich über das Interesse der Jugendlichen. „Neben einem solchen Tag sollte man aber auch im Vorfeld am besten ein Praktikum im Wunschberuf machen“, empfiehlt er. So stimme der Dachdeckerberuf heute nicht mehr unbedingt mit der Vorstellung von der körperlich herausfordernden Tätigkeit in luftigen Höhen überein. „Wir müssen auch Arbeiten aus den Bereichen Zimmerei und Klempnerei mit übernehmen, also quasi drei Berufe in einem“, sagt Schlüter. Zudem hätte die Technik Einzug gehalten: So würden Vermessungen von Dächern heutzutage auch mit Hilfe von Drohnen erledigt.

Schülerin Anna ist beim Stand der Dachdecker eher aus Neugier und Bastellust stehen geblieben. Ihre Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz hat sie schon verschickt. „Für den Verkauf, aber auch im Handwerk – beim Raumausstatter und Orthopädietechniker“, erzählt sie. Den Zukunftstag der Kammer in der Schwaaner Landstraße nutzt sie deshalb auch, um bei Firmen vorbeizuschauen, die schon einen Brief von ihr erhalten haben und näher ins Gespräch zu kommen.

Schornsteinfeger sind stolz auf ihre Uniform

Ganz begehrt ist auch ein Stand, an dem sich die Schüler neben spannenden Informationen noch etwas Glück abholen können: Schornsteinfegermeister Tobias Siggelkow lässt sich geduldig an den Knöpfen der Jacke anfassen, die Koller genannt wird. „Ist Ihnen das peinlich, so auf die Straße zu gehen?“, will Schülerin Freyja aus Bad Doberan wissen. „Im Gegenteil, wir sind stolz auf unseren tollen Beruf“, sagt der Handwerker, der einen Betrieb in Dömitz hat und zudem für die Innung tätig ist. Außerdem sei beispielsweise der Zylinder ein Kleidungsstück, das man sich erarbeiten müsste. Schornsteinfeger Azubis tragen bis zur erfolgreichen Prüfung nämlich eine schwarze Kappe.

Als Anschauungsmaterial hat Siggelkow ein stählernes Kehrgerät mit dabei, dessen Funktion er den Jugendlichen erklärt. Aufs Dach müssten Schornsteinfeger heute nur noch selten, denn viele der Heizungs-, Abgas- und Lüftungsanlagen sind aus den Wohnungen oder Kellern heraus zu warten.

Auch Studium oder Auslandsaufenthalt möglich

Kammer-Präsident Axel Hochschild freut sich über das Gedränge auf den Fluren. Mehr als 250 Jugendliche sind zum Zukunftstag gekommen und lassen sich umwerben. „Denn es ist aktuell so, dass die Firmen Nachwuchs suchen und deshalb aktiv werden müssen“, erklärt Hochschild, der selbst einen Malerbetrieb in Greifswald hat.

Das Handwerk biete jungen Menschen eine gute Perspektive. „Hier zählt nicht, wo man herkommt, sondern wo man hinwill.“ Ohne die verschiedenen Gewerke würde das alltägliche Leben nicht funktionieren, „weil es dann zum Frühstück keine Brötchen gibt, die Heizung kalt bleibt und weil ein Optiker einem zum richtigen Durchblick verhelfen kann“, sagt Hochschild. Zudem müsse es nicht bei einer Lehre bleiben, sondern können duale Studiengänge oder Auslandsaufenthalte angeschlossen werden. „Der nach Öl riechende Blaumann ist heute nicht mehr das Bild des Handwerks“, weiß der Präsident.

Claudia Labude-Gericke