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Rostock Rostocker Koch: Wie vegane Ernährung sein Leben rettete
Mecklenburg Rostock

Rostocker Koch: Wie vegane Ernährung sein Leben rettete

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09:42 15.01.2020
Seit acht Jahren ernährt sich Alex Flohr vegan – den Tieren, der Umwelt und seiner eigenen Gesundheit zuliebe. Quelle: Lars Walther
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Rostock

Ein Rostocker Jung kehrt zurück in seine Heimat und bringt etwas zu essen mit: Vegan-Koch Alex Flohr, gebürtiger Hansestädter und Randberliner, stellt in Rostock sein neustes Buch „Oberlecker – Vegane Powerküche“ vor.

Wie er vom Bockwurst-Liebhaber zum Veganer wurde, was er von pflanzlichen Schnitzeln hält und warum auch er auch seinen drei Kindern weder Fleisch- noch Milchprodukte auftischt, verrät der 39-Jährige im Interview mit der OSTSEE-ZEITUNG.

Herr Flohr, Sie sollen früher begeisterter Fleischesser gewesen sein. Heute kommt Ihnen kein tierisches Produkt mehr auf den Teller. Wie kam’s dazu?

Ich hab’ als Jugendlicher viel Rad-, Kampf- und Kraftsport betrieben. Bis ich mich mit 21 als Straßenbauer selbstständig gemacht habe. Der Sport wurde immer weniger, Zigaretten, Feierabendbierchen, Buletten und Bockwurst immer mehr. Bis ich 135 Kilo wog – dabei bin ich nur 1,76 Meter groß. Ich hatte sämtliche Begleiterscheinungen, die man sich bei dem Gewicht nur vorstellen kann: hoher Blutdruck, entzündete Gelenke, Schlaflosigkeit, Asthma. Irgendwann konnte ich mich gar nicht mehr bewegen und hab’ im Krankenhaus am Schmerztropf gelegen.

Der Wendepunkt?

Genau. Ich habe drei Kinder und wollte nicht, dass sie ohne Vater aufwachsen. Also fing ich an, mich mit dem Thema Selbstheilung zu befassen und bin schnell bei der Ernährung gelandet. Dann hab’ ich von heute auf morgen beschlossen, dass ich ab sofort nur noch vegan esse.

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Und das ging so leicht?

Nee. Am nächsten Morgen stand ich vorm Kühlschrank und hab’ mich gefragt, was ich denn nun mit zur Arbeit nehme. Butter, Käse, Wurst – ging ja nicht mehr. Also bin ich mit Stulle mit bisschen Olivenöl und Gurke drauf losgezogen.

Klingt nicht gerade nach einer verlockenden Brotzeit.

Ich hab’ das ein paar Tage durchgezogen und dann auch gedacht: Das geht gar nicht. Es hat nicht geschmeckt, mich nicht ernährt, dafür aber extrem schlechte Laune gemacht. Ich wollte weiter gut und deftig essen. Damals war das Internet aber noch nicht voll mit veganen Rezepten. Deshalb hab’ ich angefangen, rumzuexperimentieren.

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Wie sah das aus?

Alex Flohr weiß, wie man mit wenigen Zutaten leckere vegane Gerichte zubereiten kann. Quelle: Lars Walther

In der ersten Zeit gab’s sehr viel Linseneintopf. Dann kamen nach und nach andere Hülsenfrüchte, später Nüsse hinzu. Meine ersten Versuche, aus Reiswaffeln eine vegane Bulette zu machen – das war ’ne ganz miese Nummer (lacht). Aber ich habe nicht aufgegeben. Nach einem Vierteljahr hatte ich viele gute Rezepte zusammen, mit denen ich Geschmack und Biss ins Essen reinkriege und die mich wieder glücklich und satt gemacht haben. Heute sprudeln die Rezeptideen nur so aus mir heraus.

Vegane Buletten: Alex Flohr verrät sein Lieblingsrezept

Was hat Ihnen die vegane Lebensweise gebracht – abgesehen vom guten Gefühl, dass für Sie kein Tier leiden muss?

Die absolute Gesundheit. Nach zwei Monaten konnte ich wieder schlafen. Mein Asthma hatte sich innerhalb von vier Monaten erledigt. Nach einem Jahr hatte ich 50 Kilo verloren. Mein körperliches Wohlbefinden ist komplett wieder da. Hätte mir das vorher einer erzählt, ich hätte es im Leben nicht geglaubt.

Wie hat Ihre Familie reagiert?

Nach einem halben Jahr ist meine Frau mit eingestiegen. Für die Kinder haben wir anfangs noch Biowurst gekauft. Nach einem Jahr war Schluss damit. Ich wollte kein Geld für etwas ausgeben, wofür Tiere leiden müssen.

Kritiker behaupten ja, Kinder vegan zu ernähren, mache sie krank.

Ich habe mich zum Ernährungsberater ausbilden lassen, damit ich weiß, worauf es bei einer gesunden Ernährung ankommt. Ich wollte sicherstellen, dass meine Kinder alle Nährstoffe und Vitamine bekommen, die sie brauchen. Es ist komisch: Wenn man sein Kind drei Mal pro Woche ins Fast-Food-Restaurant schickt, wird das hingenommen. Ernährt man es vegan, gilt man gleich als verrückt. Dabei ist das unproblematisch, wenn man sich richtig damit befasst und informiert.

Neubrandenburger Kinderarzt sagt: „Vegane Ernährung bei Kindern ist Körperverletzung

Ganz ohne Nahrungsergänzung kommen Veganer nicht aus. Stichwort Vitamin B 12. Nur in Fleisch steckt es in einer Form drin, die der menschliche Körper verwerten kann.

Stimmt. Was viele aber nicht wissen: Den meisten Rindern muss heute B 12 zugefüttert werden, weil sie eben nicht mehr auf der Weide stehen und es auf natürliche Weise beim Grasfressen zu sich nehmen. Das Problem Vitamin-B-12-Mangel haben also nicht nur Veganer, sondern auch Fleischesser. Ich spritze mir alle eineinhalb Jahr eine Zehn-Tages-Kur B 12. Meine Frau und meine Kinder nehmen jeden Morgen Tropfen.

aVXpzxO616QIhre Kochvideos auf Youtube werden zigtausendfach geklickt. Sie haben eine eigene monatliche Kochstrecke im Vegan Magazin, entwickeln für diverse Hersteller Rezepte, geben Kochkurse. Mit „Oberlecker – Vegane Powerküche“ ist kürzlich Ihr zweites Kochbuch erschienen. Läuft bei Ihnen.

Stimmt. Es ist über die Jahre immer mehr geworden. Deshalb hab’ ich vor drei Monaten meine Baufirma verkauft, nach 18 Jahren, und mich für das entscheiden, was mir mehr am Herzen liegt. Und das ist das vegane Kochen.

Vegan ist mehr denn je in aller Munde. Wie erklären Sie sich das?

Der Trend war etwas abgeflaut. Dann kam die Klimadebatte und immer mehr Leute haben kapiert, dass Massentierhaltung einer der größten Verursacher für unsere Umweltprobleme ist.

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Viele sind mit dem Vorsatz ins neue Jahr gestartet, weniger Fleisch- und Milchprodukte zu essen oder ganz darauf zu verzichten. Ihr Tipp für eingefleischte Fleischesser: Wie gelingt die Umstellung?

Es ist heute einfacher denn je. Online gibt es Plattformen noch und nöcher, auf denen man sich informieren kann. Das Internet ist voll mit Rezepten für leckeres Frühstück, Mittag, Abendbrot. Wer Veganer werden will, sollte sich vorher damit gründlich auseinandersetzen: Wie bekomme ich ausreichend Vitamine? In welchen Nahrungsmitteln sind welche Inhaltsstoffe drin? Manchen fällt es leichter, wenn sie zunächst auf Fleisch und Wurst verzichten und erst im zweiten Schritt auf Milchprodukte.

In Youtube-Videos zeigt Alex Flohr, dass sich Braten und Buletten ganz leicht ohne Fleisch zubereiten lassen. Quelle: privat

Auch die Industrie ist auf den Trend aufgesprungen. Die Supermarktregale sind voll mit Vegan-Schnitzeln und pflanzlichen Wurstalternativen. Was halten Sie von solchen Convenience-Produkten?

Es vereinfacht den Umstieg natürlich ganz wunderbar ohne auf den schnellen Genuss verzichten zu müssen. Für mich ist es zur Not okay, aber ich bin Fan von Frischgekochtem. Das ist gesünder. Und es ist so einfach, vegan lecker zu kochen.

Ernährungsfanatiker, Moralapostel – nach wie vor kursieren über Veganer allerhand Klischees. Wie reagieren Sie darauf?

Ich bin das perfekte Beispiel, was vegane Ernährung bewirken kann. Aber ich will niemanden bekehren. Allein mit dem Versuch bewirkt man genau das Gegenteil. Ich möchte die Leute für vegane Küche begeistern. Das geht nicht mit erhobenen Zeigefinger, sondern mit Offenheit und guten Rezepten.

Apropos Leute begeistern: Das wollen Sie auch bei Ihrer Lesung, für die Sie am 17. Januar nach Rostock kommen. Was verbindet Sie mit der Hansestadt?

Rostock ist immer noch meine Heimat, auch wenn ich seit 1989 nicht mehr dort, sondern am Rande Berlins lebe. Meine Frau und ich träumen davon – sollten sich unsere Kinder, nach dem sie das Haus verlassen haben, in der Welt verstreuen – wieder zurückzuziehen. Rostock hat mit dem FC Hansa Rostock nicht nur den mit Abstand sympathischsten Fußballclub, sondern ist die schönste Stadt der Welt und meine große Liebe. Immer wenn es die Zeit zu lässt, sind wir zu Heimspielen im Stadion.

Oberleckere Lesung

Alex Flohr stellt am 17. Januar in der Rostocker Thalia-Universitätsbuchhandlung (Breite Straße 15–17) sein aktuelles Buch „Oberlecker – Vegane Powerküche“ vor. Darin verrät der dreifache Vater 100 Rezepte vom Frühstück über Pfannen- und Topfgerichte, Festtagsessen und Sommerspecials bis zum süßen Vergnügen.

Lesung: 17.1. ab 20 Uhr, Karten sind zum Preis von 8 Euro an der Thalia-Kasse erhältlich

www.hierkochtalex.de; „Oberlecker – Vegane Powerküche“ ISBN 978-3946625803, 24,95 EUR

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