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Rostock Rostocker Polizei-Leitstelle bekommt alles auf die Ohren
Mecklenburg Rostock Rostocker Polizei-Leitstelle bekommt alles auf die Ohren
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09:17 17.03.2019
Polizeikommissarin Jenny Fuhrmann arbeitet seit anderthalb Jahren in der Leitstelle des Rostocker Polizeipräsidiums in Waldeck. Quelle: Claudia Labude-Gericke
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Rostock

Wenn bei Jenny Fuhrmann das Telefon klingelt, bedeutet das nichts Gutes. „Notruf der Polizei Rostock“, sagt die 28-Jährige mit ruhiger Stimme in das Mikrofon ihres Headsets und hört dann aufmerksam zu, was der Anrufer meldet. Die Bandbreite der Anliegen ist groß – vom gestohlenen Fahrrad über die Beobachtung von Einbrüchen bis zu Schwerverletzten, die gerade noch die 110 wählen konnten, ist alles dabei. Seit anderthalb Jahren gehört die Polizeikommissarin zum Team der Leitstelle, die auf dem Gelände des Polizeipräsidiums in Waldeck untergebracht ist.

Verwechslung von 110 und 112 kostet wertvolle Zeit

„Wir zählen pro Jahr rund 145 000 Notrufe“, sagt Nils Rosada, der als Dezernatsleiter auch für die Leitstelle verantwortlich ist. Darunter sind auch immer wieder Anrufer, die eher medizinische als polizeiliche Hilfe brauchen und eigentlich die 112 wählen müssten. „Aber die Nummer 110 kennt einfach jeder, die fällt den meisten im Notfall am ehesten ein“, weiß Mario Funk.

Das kann im Ernstfall wertvolle Minuten kosten, wenn es brennt oder jemand dringend ärztliche Hilfe braucht. „Denn wir müssen dann auch erst an die Kollegen aus der Rettungsleitstelle vermitteln, wir können ja von hier aus keine Feuerwehrfahrzeuge oder Rettungswagen losschicken“, so der Erste Kriminalhauptkommissar, der seit zwei Jahren Polizeiführer vom Dienst und damit quasi Schichtleiter der Leitstelle ist. In dieser Position gibt es insgesamt sechs Kollegen sowie zwei Vertreter, schließlich ist die Notrufzentrale 365 Tage pro Jahr rund um die Uhr besetzt.

In den Sommermonaten steigt die Statistik an

Das Einzugsgebiet der Leitstelle ist groß, es umfasst zwei Städten und drei Landkreise mit insgesamt 890 000 Einwohnern – von Graal-Müritz bis Dömitz sowie zwischen Horst und Gnoien. Im Sommer kommen noch unzählige Touristen dazu, weshalb die warmen Monate auch die Notruf-Statistik ansteigen lassen. „Zudem gibt es Großveranstaltungen wie die Hanse Sail, zu denen viele Menschen wollen. Mehr Verkehr bedeutet auch mehr Unfälle“, weiß Mario Funk.

Gerade bei Geschehnissen in der Öffentlichkeit gebe es oft zahlreiche Hinweise zu einem Vorfall. „Das soll aber niemanden abhalten, den Notruf zu wählen. Lieber einmal mehr als gar nicht“, sagt Nils Rosada. Die Mitarbeiter an den Telefonen hätten ein sogenanntes „Leitstellenohr“, weiß der 44-Jährige. „Mit dem Ohr, das nicht am Hörer ist, bekommen sie auch die Anrufe der Kollegen mit und können entsprechend reagieren.“

Anrufer hören niemals ein Besetzt-Zeichen

Vergangene Woche, als es auf der Autobahn 24 einen schweren Unfall mit drei Toten gab, hätten die Telefone nicht mehr still gestanden.

Nils Rosada ist als Dezernatsleiter auch für die Leitstelle verantwortlich. Quelle: Claudia Labude-Gericke

Doch egal, wie viele parallele Meldungen es gibt – die Anrufer hören kein Besetzt-Zeichen: „Die Nummer 110 läuft auf mehreren Apparaten auf und im extremsten Fall gibt es noch ein Leitstellen-Pendant in Neubrandenburg, zu dem die Telefonate dann umgeleitet werden“, sagt Rosada. Aber das komme sehr selten vor, bei deutlich weniger als 0,1 Prozent der jährlichen Anrufe.

Auch in Hochzeiten ist es in der geräumigen Leitstelle überraschend ruhig. „Das bringt auch die Erfahrung mit sich. Anfangs ist das Adrenalin oft noch höher und da wird man auch schon mal lauter“, sagt Mario Funk. Ruhe ausstrahlen, in kurzer Zeit die Fakten klären und die Lage bewerten – das sei das tägliche Geschäft der Männer und Frauen, die in der Leitstelle arbeiten und alle zuvor auch schon Dienst im Streifenwagen absolviert hätten. „Das hilft beim gegenseitigen Verständnis“, weiß Rosada.

Hilfe nach emotional belastenden Telefonaten

Unter den vielen Notrufen gibt es auch solche, die Kollegen anschließend nicht mehr loslassen – wenn Anrufer während des Telefonates sterben oder die Verbindung plötzlich abbricht. „Wir sind alle nur Menschen und auch mit dafür verantwortlich, wie wir mit solchem emotionalen Ballast umgehen. Das gilt auch für die Kollegen draußen, die sehen ja alles live“, sagt Funk. Zuerst gelte es allerdings immer, die Einsatzlage zu bewältigen. „Für Kollegen, die etwas emotional Aufwühlendes erlebt haben, gibt es Angebote und Hilfe – wenn sie es wollen“, erklärt Dezernatsleiter Rosada. Bisher habe allerdings niemand den Leitstellen-Dienst aus einem solchen Grund quittiert.

Leitstelle vermittelt keine Taxen

Neben der Entgegennahme des Notrufs wird von den Leitstellen-Beamten auch betreut, was über die Internetwache per Mail gemeldet wird. „Der Klassiker ist da die Nachricht vom gestohlenen Fahrrad“, sagt Funk. Unter der Nummer 110 würden solche Meldungen zwar auch angehört, aber keine Anzeige aufgenommen, weil „das zu viel Zeit des jeweiligen Kollegen bindet“. Der Notruf gelte für all das, was gerade passiert oder bemerkt wurde.

Legitim sei die Notruf-Nutzung auch für jene, die ihr Auto vermissen. „Denn wir bekommen Listen von den Abschleppunternehmen und können dann direkt klären, ob das Fahrzeug abgeschleppt oder gestohlen wurde und dann entsprechend Ermittlungen einleiten“, erklärt der 49-jährige Funk. Keine Hilfe gebe es allerdings für all jene, die nicht mehr wissen, wie sie nach Hause kommen sollen und die 110 als Taxi-Alternative sehen. Das käme in der Leitstelle häufiger vor.

Missbrauch des Notrufs kann im Gefängnis enden

Gerade an den Wochenenden gebe es einige, die ohne triftigen Grund die 110 wählen – und das teilweise bis zu 50 mal. Ein Missbrauch des Notrufs gilt allerdings als Straftat und kann sogar im Gefängnis enden. „Wer zum Beispiel eine Gefahrenlage vortäuscht, bindet ja nicht nur die Kapazität der Leitstelle, sondern auch die der Kräfte draußen“, erklärt der Dezernatsleiter.

Immer wieder komme es auch vor, dass die Polizei zu Notrufen Nachfragen hat. „Fest steht aber: Wenn die Polizei zurückruft, wird niemals die 110 angezeigt“, stellt Mario Funk klar. Wer diese Nummer sieht, hat Betrüger an der Strippe – und sollte diese dann selbst per Notruf melden.

Claudia Labude-Gericke