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Rostock Rostocker Verein Fischkutter: Der Kapitän geht von Bord
Mecklenburg Rostock Rostocker Verein Fischkutter: Der Kapitän geht von Bord
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08:01 20.03.2019
Alle Mann an Bord: Emily (10, v.l.), Janina (10), Sarah (7), Leean (9, hinten), Aimee (9), Julina (8), Hannah (7), Sozialpädagoge Mathias Andrae, Rolf Krämer und Christoph Pieper vom Rotary Club Rostock-Horizonte und Phillip (9).
Alle Mann an Bord: Emily (10, v.l.), Janina (10), Sarah (7), Leean (9, hinten), Aimee (9), Julina (8), Hannah (7), Sozialpädagoge Mathias Andrae, Rolf Krämer und Christoph Pieper vom Rotary Club Rostock-Horizonte und Phillip (9). Quelle: Ove Arscholl
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Toitenwinkel

Der Fischkutter-Kapitän wird wehmütig, sobald er an den Sommer denkt. Die Monate bis zum Lebewohl kann Mathias Andrae (40) an einer Hand abzählen. „Der Abschied wird mir sehr schwer fallen.“ Fünf Jahre lang hat der Sozialpädagoge die Toitenwinkler Begegnungsstätte Fischkutter geleitet. Jetzt soll ein anderer das Ruder übernehmen. „Ich ziehe mit meiner Familie nach Sachsen.“ Im Freistaat leben die Großeltern seiner beiden Töchter. Den Mädchen zuliebe trennt er sich von den Kindern, die ihm so sehr ans Herz gewachsen sind, mit denen er so gern in der Holzwerkstatt hämmert oder an Fahrrädern herumschraubt.

Auch an diesem Nachmittag ist der Fischkutter voll. Ian (10) und Janina (10) schnippeln Obst für einen Salat. Im Gemeinschaftsraum spielen drei Mädchen Billard, während über ihren Köpfen im ersten Stock Grundschüler Hausaufgaben machen. Gut 50 Kinder im Alter zwischen 8 und 12 Jahren besuchen die Toitenwinkler Begegnungsstätte jeden Tag. 39 von ihnen lassen sich hier ein warmes Mittagsessen schmecken. Etwas, auf das die meist aus sozialschwachen Familien stammenden Kids sonst wohl verzichten müssten. Viele, die heute hier speisen, hat Mathias Andrae heranwachsen sehen. Künftig wird das ein anderer tun.

Andraes Stelle ist ausgeschrieben. „Wir hoffen, dass wir sie zum 1. Juni besetzen können“, sagt der Fischkutter-Leiter. Nach einmonatiger Übergangsphase will er, wenn der Plan aufgeht, seinem Nachfolger das Kommando überlassen. Auf ihn warten längst neue Aufgaben: In Sachsen wird er für den Verein Christlicher junger Menschen arbeiten. Der neue Leiter übernimmt ein Schiff in ruhigem Fahrwasser. „Wir stehen momentan gut da“, sagt Mathias Andrae. „Es gab Zeiten, da wussten wir nicht, ob wir das nächste halbe Jahr überstehen. Das ist zum Glück vorbei.“

Ian und Janina (beide 10 Jahre alt) haben den Obstsalat für den nächsten Tag fertig. Quelle: Ove Arscholl

Rund 120 000 Euro sind pro Jahr nötig, um die laufenden Kosten im Jugendtreff zu decken, 8500 Euro davon steuert die Stadt bei. Den Rest geben großherzige Gönner: Der Verein finanziert sich zu 95 Prozent über Spenden. Das funktioniere, sagt Andrae.Dennoch sei jeder Euro extra jederzeit willkommen. Denn Andrae hat, bevor er die Segel streicht, noch einiges in Rostock vor. Damit die Kinder draußen Luftsprünge machen können, soll ein neues Trampolin her. Das Alte ist gewissermaßen nur noch rudimentär vorhanden. Ein neues XL-Sprungtuch kann sich der Verein jetzt aber locker leisten: Der Rotary Club „Rostock-Horizonte“ spendet 3000 Euro. „Die haben wir bei unserer Weihnachtsfeier gesammelt“, sagt Rolf Krämer, der am Dienstag zusammen mit Rotary-Präsident Christoph Pieper einen entsprechend dotierten Scheck nach Toitenwinkel brachte.

Was von dieser Summe übrig bleibt, könnte jenen Projekten zugute kommen, die Mathias Andrae unter den Nägeln brennen. „Wir bräuchten einen Toberaum“, sagt er mit Blick auf die Kinder, die auf dem Hof umhertollen. Gerade scheint die Sonne. Doch wenn das Wetter nicht mitspielt, biete das Backsteinhaus nicht genügend Platz für wilde Tobereien, sagt Andrae. „Ein Anbau wär toll.“ Ein weiterer Punkt auf seiner Wunschliste: eine Wohnung für seinen Nachfolger. „Am besten hier auf dem Gelände oder zumindest in der Nähe.“ Er weiß, wie hinderlich weite Wege sind. Andrae wohnt in der KTV. Als jüngst die Waschmaschine im Fischkutter auslief, musste er erst durch die halbe Stadt fahren, um den Schaden zu beheben.

Toitenwinkler Verein Fischkutter

4 Fischkutter-Mitarbeiter und zwei Bundesfreiwilligendienstler (ein weiterer wird gesucht) kümmern sich täglich um rund 50 Mädchen und Jungen. Die meisten von ihnen stammen aus Familien, die sich eine Hortbetreuung nicht leisten können. Das Fischkutter-Team hilft ihnen bei den Hausaufgaben und bietet vielfältige Spiel- und Freizeitaktivitäten an.39 Kinder bekommen hier täglich ein warmes Mittagessen serviert.

Der Verein wurde 1996 gegründet, zwei Jahre später wurde der „Fischkutter“ fertiggestellt, ein Backsteinhaus auf dem Gelände der Kirchengemeinde Toitenwinkel.

Spendenkonto: Fischkutter; IBAN: DE55 1305 0000 0200 0524 54; BIC: NOLADE21ROS; OSPA Rostock

Ach ja, die Stadt, auch die werde ihm fehlen, sagt Mathias Andrea. Dabei wollte er eigentlich gar nicht hier her, sondern nach Wismar. „Dann fand ich die Stelle in Rostock und hab’ mich in die Stadt verliebt.“ Ihr muss er nun den Rücken kehren und damit auch seinem Lieblingsverein: Andrae ist Fan der Seawolves, guckt sich Basketballspiele gern zusammen mit seiner Tochter Hannah an. Darauf wird er bald verzichten müssen, genauso wie auf die Fischkutter-Kinder. Letztere wissen von seinem Weggang noch nichts. Im Gegensatz zur Toitenwinkler Kirchgemeinde. Der hat Andrae beim jüngsten Gottesdienst reinen Wein eingeschenkt. „Dabei musste ich meine Tränen zurückhalten.“ Trotz aller Wehmut: Er will Rostock fröhlich verlassen. „Zum Abschied wird es auf jeden Fall ein großes Fest geben.“

Der Fischkutter ist an Schultagen immer von 11.30-15.30 Uhr und freitags von 11.30-14 Uhr geöffnet.

Antje Bernstein