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Rostock Rostocker macht mit iPhone-Hüllen Millionen-Umsatz bei Amazon
Mecklenburg Rostock Rostocker macht mit iPhone-Hüllen Millionen-Umsatz bei Amazon
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10:29 04.07.2019
Erfolgreich mit Smartphone- und Tablet-Hüllen aus Leder: Kai Klement (38), Gründer und Geschäftsführer von Kavaj. Der Markenname ist Programm: Kavaj ist schwedisch für Mantel.
Erfolgreich mit Smartphone- und Tablet-Hüllen aus Leder: Kai Klement (38), Gründer und Geschäftsführer von Kavaj. Der Markenname ist Programm: Kavaj ist schwedisch für Mantel. Quelle: ANTJE BERNSTEIN
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Rostock

Sobald Apple-Chef Tim Cook ein neues iPhone-Modell vorstellt, klingelt bei Kai Klement (38) die Kasse. Der Warnemünder steckt die Smartphones buchstäblich in die Tasche: Unter der Marke Kavaj bringt er Echtleder-Hüllen auf den Markt, die bei vielen Apple-Fans begehrt sind.

Um die Ware an den Mann zu bringen, nutzt Kavaj fast ausschließlich den Marktplatz von Amazon als Vertriebskanal. Das zahlt sich aus. Seit der Gründung im Herbst 2011 hat Kavaj rund 700.000 Kunden mit Echtleder-Zubehör für Apple-Artikel im Wert von rund 20 Millionen Euro beliefert.

Galerie: Mit diesen Hüllen macht Kavaj Millionen

Für iPhone und iPad: Mit diesen Hüllen macht Kavaj Millionen

Kai Klements Erfolgsgeschichte beginnt in Bayern. Während seines VWL-Studiums in Passau lernt der gebürtige Rostocker Jörg Kundrath kennen. Nach dem Uni-Abschluss heuern die Kumpel in München beim Online-Riesen Amazon an. Klement kümmert sich hauptsächlich um Großhändler, die ihre Produkte auf dem Marketplace verkaufen, Kundrath wird Projektmanager.

Traum vom Amazon-Millionär

Jede freie Minute aber nutzen die Freunde für Gedankenspiele: Womit ließe sich auf Amazon Geld verdienen? Auch die Kollegen träumen davon, der nächste Online-Millionär zu werden. „Damals standen viele Leute in der Pause am Kaffeeautomaten und haben rumphilosophiert“, erinnert sich Klement und lacht.

Geistesblitz aus den Staaten

Der Geistesblitz kommt per Luftpost zu ihnen. Als Apple in den USA sein erstes iPad rausbringt, lässt sich Jörg Kundrath von einem befreundeten Piloten ein Modell mitbringen. Was fehlt, ist eine stilvolle Hülle.

Der Handel gibt nur klobige Kunstleder-Taschen her. Ein ansprechendes Modell finden Kundrath und Klement nicht. Dafür stoßen sie auf die Geschäftsidee, die ihnen bald viel Geld einbringen sollte: Sie füllen die Marktlücke und designen ihre Traum-Hüllen einfach selbst.

Auf blauen Dunst nach China

Es folgt ein Abenteuer: Nach einem Testlauf mit PU-Hüllen und vielversprechenden Verkaufszahlen nehmen sich die Freunde zwei Wochen Urlaub und fliegen nach China. Auf den Messen in Hongkong, Shenzhen und Guangzhou wollen sie den passenden Hersteller für ihre Hüllen finden. Ein Himmelfahrtskommando.

Couchsurfen und Klinkenputzen

Tagsüber versuchen sie, ohne ein Wort Chinesisch zu können, im Meer von Ausstellern den Durchblick zu kriegen. Wer ist Fabrikant, wer dubioser Agent? Nachts wird auf Sofas geschlafen. Mit Couchsurfing wollen die Freunde Geld sparen, jeder Cent soll ins Start-up fließen. Das rächt sich. „Wir sind von Moskitos zerstochen zu den ersten Lieferanten gefahren“, erzählt Klement. Und die entpuppen sich auch noch als Luftnummer: Statt der erhofften Einblicke in Lederfabriken gibt’s fadenscheinige Ausreden.

Kavaj geht online

Nach langer Odyssee werden sie doch fündig: Zwei Fabriken können die iPad-Hüllen so herstellen, wie es sich das Duo wünscht: Hochwertig, dünn, aus Echtleder. Sie ordern 500 Stück und stellen diese am 1. November 2011 bei Amazon ein. Die Kunden greifen zu: Pro Tag gehen zehn Hüllen über die digitale Ladentheke. Dann kommt die Katastrophe.

Vernichtende Kritik

An Kai Klements letztem Arbeitstag bei Amazon – er gibt gerade seinen Ausstand mit Champagner – ruft ihn sein Geschäftspartner an und überbringt die Schocknachricht: „Wir haben eine Ein-Stern-Bewertung.“ Damit rauscht der Bewertungsdurchschnitt für die Kavaj-Hülle in den Keller. Das Todesurteil für jedes neue Amazon-Produkt. Schlimmer noch, der Kunde zieht richtig vom Leder, wirft den Gründern Betrug vor. „Mir ist das Herz in die Hose gerutscht“, erzählt Klement. Zu Recht. Ab diesem Zeitpunkt verkauft Kavaj nichts mehr.

Raus aus der Krise

Aufgeben ist nicht, Kundrath und Klement geben die Krisenmanager und kontaktieren ihren Kritiker. „Es hat sich rausgestellt, dass er Pech mit anderen Amazon-Käufen hatte und sich nur den Frust von der Seele schreiben wollte“, sagt Klement. Der Nörgler lenkt ein und ändert seine Bewertung. Und prompt rollt der Rubel.

Zugpferd Social Media

Je nach Modell ist bei den Lederhüllen eine Marge von 20 bis 50 Prozent drin. Angesichts solcher Gewinne kann sich Kavaj zwischenzeitlich zehn Mitarbeiter leisten, die sich hauptsächlich darum kümmern, die Marke über Social Media-Kanäle bekannt zu machen. Hierfür können sie auch einen Youtuber gewinnen, der heute zu den größten deutschen Influencern im Bereich Technik gehört: Felix Bahlinger aka „Felixba“ dreht die ersten Werbeclips für Kavaj.

Schweden schlucken Start-up

Inzwischen ist das Kavaj-Sortiment auf 100 verschiedene Produkte angewachsen: Geldbörsen, Smartwatchbänder und Visitenkarten-Etuis in schwarz oder cognac-braun zählen dazu.

Um die Produktentwicklung voranzutreiben, haben die Gründer einen Handel mit Schweden abgeschlossen: Die Jays-Gruppe, zu der Marken wie der Smartspeaker-Hersteller Clint gehören, hat Kavaj für 890000 Euro gekauft. Kai Klement bleibt Geschäftsführer, sein Kompagnon zieht sich aus privaten Gründen aus dem Business zurück.

Firmensitz in Warnemünde

Heute zählt das Kavaj-Team sechs Mitarbeiter. Einer davon ist in China tätig, um sicherzustellen, dass die Lieferanten Qualitätsstandards und Arbeitsschutzbestimmungen einhalten. Kai Klement leitet die Firma vom Homeoffice aus: Mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt er in Warnemünde.

Neues aus Bangkok

Zuletzt aber läutete er 8500 Kilometer Luftlinie entfernt die Zukunft von Kavaj ein. In einer Fabrik in Bangkok will Klement neue Modelle produzieren lassen. Dort stellt Krusell, wie Kavaj Tochter der Jays-Gruppe, Cases für Smartphones von Samsung und Huawei her. Android-Handys will auch Klement verhüllen. „Dafür nutzen wir Synergieeffekte.“ Im Gegenzug rollt er für Krusell und Co. den Vertriebskanal Amazon aus.

Dass aus den Hirngespinsten, die er und sein Kumpel sich einst am Amazon-Kaffeeautomaten ausdachten, ein einträgliches Business werden könnte, hat sich Kai Klement nicht träumen lassen. „Mut wird eben belohnt.“

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Antje Bernstein