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Rostock Einwohner nehmen Sturmflut gelassen
Mecklenburg Rostock Einwohner nehmen Sturmflut gelassen
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21:08 02.01.2019
Tatkräftige Unterstützung: Lukas (9), Oskar (9) und Hannes (10) helfen beim Verteilen der Sandsäcke.
Tatkräftige Unterstützung: Lukas (9), Oskar (9) und Hannes (10) helfen beim Verteilen der Sandsäcke. Quelle: Claudia Labude-Gericke
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Rostock

Auf der Mülltonne stehen Kaffeekanne, Tassen und Milch, eine Nachbarin reicht Glühwein. Der Start ins neue Jahr ist im Petriviertel tatsächlich feucht und fröhlich – denn davon, dass die Warnow bis vor ihre Haustüren und teilweise dahinter reicht, lassen sich die Anwohner nicht die Laune trüben. „Wir kennen das schon, vor zwei Jahren war es zur gleichen Zeit genauso und sogar noch schlimmer“, sagt Simone Brenner. Sie steht mit Tochter Sarah vor ihrem Haus im Fischerbruch. In Gummistiefeln beobachten beide das Geschehen und greifen mit an, wenn Nachbarn Hilfe brauchen. „Schade ist nur, dass wir von der Stadt keine Sandsäcke bekommen haben, als wir am Neujahrstag danach fragten“, sagt Brenner. Einsatzleiter Ralf Gesk weist den mitschwingenden Vorwurf zurück. Die Stadt würde im Akutfall sofort aktiv und sei nicht dafür da, Vorräte für Anwohner zu verteilen. „Wer in einem hochwassergefährdeten Gebiet wohnt, muss auch selber für den Schutz des Eigentums Sorge tragen. Das ist nicht Aufgabe der Kommune“, erklärt der stellvertretende Leiter des Brandschutz- und Rettungsamtes.

Paddeltour bei Hochwasser

Im benachbarten Gerberbruch wohnt Leo Jankowski. Der Landespolizist gibt zu, in der Nacht vor dem angekündigten Hochwasser etwas unruhig geschlafen zu haben. Was dann aber tatsächlich gekommen wäre, sei händelbar, erklärt Jankowski, während er das Wasser, das einige Zentimeter hoch im Keller steht, bereits abpumpt. „Ich hätte mir allerdings Informationen von der Stadt gewünscht, dass sie zum Beispiel für diesen Tag hier die Straße sperren“, erklärt er mit Blick auf vor der Tür parkende Autos, deren Räder zur Hälfte im Wasser stehen.

Das Beste aus der Situation machen die Kinder im Petriviertel, die noch schulfrei haben und für die das Hochwasser einem Abenteuer gleicht. Lukas (9) und Hannes (10) haben ihr Wohnviertel per Kanu erkundet. „Das ist irgendwie witzig - über die Brücke, über die wir sonst laufen, konnten wir jetzt paddeln“, sagt Hannes. Wieder im Fischerbruch angekommen, helfen die Jungs beim Stapeln der Sandsäcke. „Bei den Neubauten greift der Hochwasserschutz wie gedacht, zum Beispiel die Sperrwerke für die Tiefgaragen“, erklärt Ralf Gesk, was im Fischerbruch deutlich sichtbar wird. Während die Sandsäcke bei den Häusern auf der linken Seite Richtung Warnow rein präventiven Charakter haben, sind die Altbauten rechterhand vom Wasser deutlich betroffen, weil sie tiefer liegen. „Wir sind quasi vom Wasser eingekesselt, zuerst trifft es den Garten“, sagt Sven Korff, der seit zwölf Jahren im Fischerbruch wohnt. „Hätten wir gewusst, dass das so regelmäßig vorkommt, dann hätten wir noch höher gebaut, dabei waren wir schon eines der höchsten Häuser“, erklärt Korff, während er mit Frau Simone an seinem Urlaubstag das Wasser mithilfe von Besen aus der Garage schiebt.

Schaulustige am Stadthafen

Da viele Rostocker kurz nach dem Jahreswechsel noch Urlaub haben, zieht es viele Schaulustige in die Überflutungsgebiete. Darunter auch die beiden Rentner Rosemarie und Wolfgang Fanter. „Warum das Wasser Am Strande steht, verstehen wir nicht“, wundern sich die beiden Spaziergänger. Und Hundebesitzerin Franziska Ibrügger muss sich nach einer alternativen Gassi-Route umschauen, weil sie nicht wie gewohnt zum Stadthafen gelangt.

Claudia Labude-Gericke