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Rostock Rostocker schreiben über Ost-West-Erfahrungen: „Viele Geschichten sollten noch erzählt werden“
Mecklenburg Rostock

Rostocker schreiben zweites Buch über Ost-West-Erfahrungen

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17:43 04.10.2021
Martina und Rüdiger Schmidt. Rechts: Grenzöffnung der DDR in Richtung Lübeck im Jahr 1989.
Martina und Rüdiger Schmidt. Rechts: Grenzöffnung der DDR in Richtung Lübeck im Jahr 1989. Quelle: hfr/de Cuveland Justus
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Lübeck/Rostock

„Nach einem Waldspaziergang in der Rostocker Heide bemerkten wir auf dem Parkplatz ein Auto. Darin saßen zwei Männer, die uns ganz offensichtlich beobachteten. Auch vor unserer Haustür parkten nun häufig Autos, die nicht in die Nachbarschaft gehörten. Wenn wir Besuch hatten und die letzten Gäste unsere Wohnung verlassen hatten, verschwanden auch die Fahrzeuge. Wir sollten wissen, dass sie da sind.“

Offensiv wurden Martina und Rüdiger Schmidt in den 1980er Jahren in Rostock bespitzelt. Das junge Paar sollte mürbe gemacht werden – was nicht gelang. Nachzulesen ist das in ihrem druckfrischen Buch „Mauerbruch – eine Zeitreise“.

Angst vor Einberufung und Inhaftierung

Martina Schmidt war nach der Ausbildung an der Handelsschule Restaurantfachfrau – aber nicht glücklich mit dem zugewiesenen Beruf. Rüdiger arbeitete nicht ungern als Fernmeldetechniker, wollte allerdings weder den Wehrdienst antreten noch als Bausoldat dem Staat dienen – ihm drohte als Totalverweigerer Gefängnisstrafe. Sie traten in den kirchlichen Dienst, kümmerten sich Anfang der 1980er Jahre mit dem Rostocker Stadtjugendpfarrer Joachim Gauck um kirchliche Jugendarbeit und absolvierten ein theologisches Fernstudium.

„Wir lebten auf unserer Insel“, sagt Martina Schmidt. Aber bald würde ihre Tochter in die Schule kommen, sie sollte sich dort nicht verbiegen müssen. Dazu kam die Angst vor Rüdigers Einberufung und Inhaftierung – am 17. Juli 1984 stellten sie einen Ausreiseantrag.

„Momentan wird eher das Trennende betont“

Seit 1987 lebt die Familie in Lübeck, Martina und Rüdiger Schmidt waren in verschiedenen Bereichen der heutigen Nordkirche aktiv. Ihre Geschichte haben sie 2012 in dem Buch „Mauerbruch – eine Heimatgeschichte“ veröffentlicht. Warum nun ein neues? „Wir haben den Eindruck, dass wir mit der Diskussion um Ost und West schon mal weiter waren. Momentan wird eher das Trennende betont“, ist der Eindruck von Rüdiger Schmidt. „Erfahrungen von Flucht, Diktatur, unterschiedlicher Herkunft gibt es in Ost und West in vielen Familien. Viele Geschichten sollten noch erzählt werden.“

Und so lassen sie im neuen Buch auch Zeitzeugen zu Wort kommen, die in der DDR Repression erfahren haben, Engagierte aus der DDR-Bürgerbewegung sowie Björn Engholm, den sie 1983 in Rostock persönlich kennengelernt hatten. Die Erfahrungen verknüpfen sie mit Textauszügen von Armin Mueller-Stahl, Wolf Biermann, Udo Lindenberg oder Wolfgang Joop. Interessant sind auch die faktenreichen Auslassungen zum Alltag, zur Erziehung, Arbeitswelt, Wirtschaft in der DDR.

„Für uns ist das kein Ost-Thema“

Das Paar, das sehr viel innere Stärke und Verbundenheit ausstrahlt, hat eine Mission: Erinnern. „Für uns ist das kein Ost-Thema“, sagt Martina Schmidt. „Wir wollen klarmachen, dass Werte wie Freiheit, Selbstbestimmung und Teilhabe ein hohes Gut und nicht selbstverständlich sind.“

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Das sagt sie auch an die Adresse jener, die sich über Corona-Maßnahmen empören und die Einschränkungen mit der DDR-Diktatur vergleichen. Die sollten die Geschichte von Ute lesen. Die Freundin von Schmidts war erst 19 Jahre alt und wurde nach einem Scheinprozess 1986 in das Frauenzuchthaus Hoheneck gebracht, wo Mörderinnen einsaßen. Ihr Verbrechen: Ute hatte mit ihrem Mann Losungen auf Wände in der Innenstadt geschrieben, wie „Wir sind mündig, aber nicht frei“. Nach einem Jahr wurde sie freigekauft, die Schäden der Haft trägt sie bis heute.

Lesung am 12. Oktober – Buch wird zum Sonderpreis verkauft

Der Rostocker René Geschke fühlt sich den beiden Autoren bis heute verbunden, in den 1980er Jahren war er Mitglied in der Rostocker Jungen Gemeinde, man kannte sich untereinander. Geschke ist auch Co-Autor im neuen Buch von Martina und Rüdiger Schmidt und hat den Band im Verlag der GOH-Gruppe veröffentlicht. Nun holt René Geschke die beiden Autoren zu einer Lesung nach Rostock. „Es ist mir eine Herzensangelegenheit“, sagt Geschke über die kommende Veranstaltung.

Die Lesung findet am 12. Oktober im Medienhaus der OSTSEE-ZEITUNG statt. Die Lesung beginnt um 18 Uhr, Einlass ist um 17.30 Uhr. Karten gibt es im Pressezentrum Rostock, in den OZ-Service-Centern und unter mvticket.de für 6 Euro. Und: „Das Buch wird an diesem Abend für einen Sonderpreis von 15 Euro verkauft“, fügt Geschke hinzu.

„Mauerbruch – eine Zeitreise“, 339 Seiten, Verlag GOH, 19,80 Euro

Von Petra Haase