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Rostock Rostocks Babymacher: Praxisalltag zwischen Hoffen und Bangen
Mecklenburg Rostock Rostocks Babymacher: Praxisalltag zwischen Hoffen und Bangen
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07:36 28.02.2019
Sie helfen Paaren auf dem Weg zum Wunschkind: Das Ärzte-Team der Praxis für Fertilität besteht aus Anja Bossow, Dr. Heiner Müller, Dr. Anne Koenen sowie Annette Busecke (von links). Quelle: Claudia Labude-Gericke
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Rostock

 Das, was sie sich am sehnlichsten wünschen, haben die Patientinnen der Rostocker Praxis für Fertilität ständig vor Augen. Direkt neben dem Empfang hängen an der Wand unzählige Bilder von Babys. Selig schlummernde oder rotbäckig grinsende kleine Wunder, die in den Räumen im Untergeschoss des Südstadt-Klinikums ihren Anfang nahmen. Dort, in einem Seitentrakt nahe des Nordeingangs, sitzt seit 2004 das Kinderwunschzentrum der Hansestadt. Aktuell ist es landesweit das Einzige, weshalb die Patientinnen für ihren Traum vom eigenen Nachwuchs teilweise weite Wege auf sich nehmen.

Rostock schon in den 80er-Jahren mit Vorreiterrolle

Bereits in den 80er-Jahren gab es für die Frauen der Hansestadt Hilfe bei unerfülltem Kinderwunsch. „Rostock war damals unter Prof. Sudik in diesem Bereich vorn mit dabei“, erklärt Dr. Heiner Müller. Der 56-Jährige war ebenfalls an der Universitätsfrauenklinik tätig und wagte 2004 zusammen mit Kollegin Annette Busecke den Sprung in die Selbstständigkeit. Auf dem Klinikgelände eröffneten beide gemeinsam mit dem Pränataldiagnostiker Dr. Thomas Külz ein eigenständiges Praxiszentrum für Frauenheilkunde. „Allein die Lage mit der Nähe zur Frauenklinik bietet für die Patientinnen enorme Synergien“, begründet Müller die Standortwahl.

Neues Gesetz führte zum Aus mehrerer Zentren im Land

Doch gerade die Anfänge waren hart, denn im Jahr der Praxiseröffnung änderte sich auch die Gesetzeslage. „Statt wie bisher voll, zahlten die Krankenkassen nur noch die Hälfte der Behandlungskosten. Den Rest mussten die Paare selbst aufbringen“, blickt Annette Busecke zurück. Die Nachfrage nach Kinderwunschbehandlung sank derart rapide ab, dass von den bis dato fünf Zentren in Mecklenburg-Vorpommern drei aus wirtschaftlichen Gründen dichtmachten. Nach denen in Stralsund, Schwerin und Greifswald schloss dann 2012 auch noch das Zentrum in Neubrandenburg.

Behandlungsmethoden im Überblick

Paare, die meist ein bis zwei Jahre lang vergeblich versucht haben, schwanger zu werden, erhalten von Gynäkologen eine Überweisung zum Kinderwunschzentrum. Dort gibt es verschiedene Methoden, die je nach Befund der Paare zum Einsatz kommen. Beim Verkehr zum optimalen Zeitpunkt (VZO) werden die Zyklen der Frau überwacht und hormonell stimuliert. Die intrauterine Insemination (IUI) ist dann bereits eine Methode der assistierten Befruchtung – dabei werden die Samenzellen in die Gebärmutterhöhle übertragen, um dort der Eizelle näher zu sein als beim Geschlechtsverkehr. Dennoch erfolgt die Befruchtung ganz normal im Körper der Frau. Anders bei der In-Vitro Fertilisation (IVF). Dabei werden der Patientin in einer kleineren Operation Eizellen entnommen und dann im Labor mit den Samenzellen des Partners zusammengeführt. Gelingt die Befruchtung und entwickeln sich die Eizellen weiter, werden die Embryonen der Frau wieder eingesetzt. Sollte diese Methode keine Aussicht auf Erfolg haben, bleibt als letzter Schritt noch die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Diese kommt meist dann zum Einsatz, wenn Zustand oder Zahl der Spermien für eine Befruchtung nicht ausreichen. Deshalb wird im Labor eine Samenzelle direkt in die vorher entnommene Eizelle der Frau gespritzt und später der Embryo wieder eingesetzt. Zu fast jeder der assistierten Befruchtungsformen gehört eine hormonelle Stimulationstherapie der Patientin. Eine Garantie auf Schwangerschaft bietet keine der Methoden, auch wenn die Rostocker Praxis für Fertilität auf überdurchschnittliche Erfolgsquoten verweisen kann. Sie liegen pro Versuch je nach Alter der Patientin und Methode zwischen 20 und 25 Prozent (VZO + IUI) sowie 40 bis 45 Prozent (IVF und ICSI).

Die Rostocker Kollegen hielten durch, trotz anfangs nur etwa 100 künstlichen Befruchtungen im Jahr, und sind seitdem landesweit die einzigen Wunsch-Erfüller für Paare, die auf ein Baby hoffen. Viel zu tun für die mittlerweile vier angestellten Ärzte, die allein im vergangenen Jahr fast 700 künstliche Befruchtungen durchführten und für ihre Patientinnen auch mal an Feiertagen in die Praxis kommen. „Zyklen kennen eben keine Schließzeit“, sagt Annette Busecke schmunzelnd.

MV bei der Förderung von Paaren an der Spitze

Weil viele bereits lange auf Nachwuchs warten und keine Zeit verlieren wollen, würden auch Paare aus MV nach Lübeck fahren oder eines der rund 17 Kinderwunschzentren in Berlin aufsuchen, weil es dort aufgrund der Vielzahl der Einrichtungen schneller Termine gibt. Ein Großteil davon kehrt dennoch früher oder später nach Rostock zurück, weiß Medizinerin Busecke. Das liege zum Einen an der Qualität der Behandlung, aber auch daran, dass die Schweriner Regierung Paare aus MV auf dem Weg zum Wunschkind finanziell unterstützt – wenn sie sich im Land behandeln lassen.

Diese Finanz-Hilfen gibt es vom Land

Paare mit unerfülltem Kinderwunsch haben in Mecklenburg-Vorpommern deutlich mehr finanzielle Unterstützung vom Land als im Rest von Deutschland. Seit 2013 haben Land und Bund, die sich die Förderung teilen, in MV 1682-mal Zuwendungen ausgesprochen und insgesamt rund 1 462 000 Euro ausgezahlt. Zwei Jahre fallen dabei in der Statistik besonders auf: So wurden 2014 insgesamt 365 und im vergangenen Jahr 357 Zuwendungs-Anträge positiv beschieden. In den anderen Jahren bewegen sich die Zahlen zwischen 230 und 250. Antrags- und Bewilligungsbehörde ist das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lagus)

Für Ehepaare, die in MV leben und auch im Land behandelt werden, beträgt die Höhe der Zuwendung für den ersten bis vierten Behandlungszyklus 50 Prozent des nach Abzug von Zuschüssen der Krankenkassen verbleibenden Eigenanteils. Die Zuschüsse sind je nach Behandlungsart begrenzt auf folgende Beträge: bei einer IVF-Behandlung beim 1.-3. Behandlungszyklus 800 Euro, beim vierten Zyklus 1600 Euro. Bei einer ICSI-Behandlung beim 1.-3. Behandlungszyklus 900 Euro, beim vierten Zyklus 1800 Euro.

Seit 2017 unterstützt das Land auch unverheiratete heterosexuelle Paare bei der Kinderwunsch-Behandlung und ist damit Vorreiter in Deutschland. Bei Paaren, die in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft leben, beträgt die Höhe der Zuwendung für den ersten bis dritten Behandlungszyklus 25 Prozent und für den vierten Behandlungszyklus 50 Prozent des ihnen verbleibenden Eigenanteils. Die Höchstgrenzen entsprechen denen der Ehepaare.

Von finanzieller Unterstützung ausgenommen sind gleichgeschlechtliche Paare. „Wenn dies geändert werden soll, müsste zunächst der Bundesgesetzgeber tätig werden“, erklärt Anja Neutzling, Sprecherin des Lagus.

„Bei der Kinderwunschbehandlung existiert ein föderaler Flickenteppich – es ist in jedem Bundesland anders. Aber nirgends so gut wie hier in MV. Und das dank Manuela Schwesig, die sich bereits als Sozialministerin unseres Bundeslandes dafür eingesetzt hat“, weiß Experte Müller. Nicht nur, dass das Land verheirateten Paaren einen Teil der Behandlungskosten für die ersten drei Versuche künstlicher Befruchtung zahlt – seit vergangenem Jahr gibt es auch Förderung für unverheiratete Paare sowie Unterstützung bei einem vierten Behandlungsversuch.

Kinderwunsch kann auch am Geld scheitern

Danach ist vonseiten der Krankenkassen Schluss. Wer es weiter versuchen will oder die Altersgrenzen überschreitet, die für Frauen bei 40 und Männer bei 50 Jahren liegen, der muss die komplette Behandlung selbst bezahlen. Pro Versuch etwa 5000 Euro. „In Amerika kostet ein Zyklus etwa 15 000 Dollar“, weiß Müller, der als Facharzt für Frauenheilkunde und Gynäkologie auch in den Staaten praktizierte. Gerade in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Einkommen deutlich niedriger liegen als im Bundesdurchschnitt, passiere es nicht selten, dass ein Kinderwunsch eher an den Finanzen als an den medizinischen Möglichkeiten scheitert.

Bei der sogenannten ICSI-Methode wird gezielt das beste Spermium ausgewählt und außerhalb des Körpers in die Eizelle gespritzt. Ein Scheitern der Befruchtung wird dadurch unwahrscheinlicher. Quelle: Praxiszentrum für Frauenheilkunde

Denn davon gibt es einige für die Mediziner, die im Praxiszentrum mittlerweile von den Kolleginnen Anja Bossow und Dr. Anne Koenen unterstützt werden. Von künstlicher Befruchtung spricht allerdings keiner gern. Und das nicht nur, weil die Befruchtung von Eizellen in der Petrischale nicht immer zum Einsatz kommen muss. „Wir helfen der Natur, mischen uns da auch nicht immer ein und es ist eine große Portion Demut mit dabei“, erklärt Heiner Müller, der – wie seine Kolleginnen – eher von „assistierter Reproduktion“ spricht.

Behandlung ähnelt vom Gesetz her der Organspende

Allerdings gibt es im Praxisalltag auch Begrifflichkeiten, die den Ärzten und ihrem Team vorgegeben sind und Außenstehende verwundern dürften, wenn von Spender- anstelle von Patientenakten die Rede ist. „Es gibt in Deutschland bisher kein Reproduktionsmedizingesetz, stattdessen sind wir dem Transplantations- sowie dem Arzneimittelgesetz untergeordnet“, erklärt der Mediziner. „Die Spermienaufbereitung gilt deshalb als Arzneimittelherstellung“, nennt er ein Beispiel.

Müller hofft nicht nur, dass seine Branche das lang ersehnte Gesetz bekommt, sondern auch, dass sich künftig Ungerechtigkeiten der Reproduktionsmedizin ändern. Denn während Paare, bei denen der Mann keine Spermien hat, bei der Behandlung auf eine Samenspende zurückgreifen können, haben Paare, bei denen die Frau keine Eizellen mehr bildet, keine Chance, legal behandelt zu werden – Eizellenspende ist in Deutschland verboten. Legal, aber in Rostock noch in Vorbereitung, ist dagegen die Kinderwunschbehandlung für alleinerziehende Frauen und lesbische Paare.

Männliche Ursachen haben über die Jahre zugenommen

Die Ursachen für unerfüllten Kinderwunsch sind vielfältig und betreffen fast in gleichem Maße beide Geschlechter. „Während man früher noch dachte, es liegt ausschließlich an der Frau, hat der Anteil der männlichen Ursachen zugenommen, was auch am Lebensstil liegen kann“, weiß Annette Busecke. Die 50-Jährige stellt aber auch klar: „Es ist ein Paar-Problem, das wir gemeinsam lösen, auch wenn ein großer Teil der Behandlung naturgemäß mit der Frau zu tun hat.“

Kryokonservierung ermöglicht langfristige Familienplanung

Seit vielen Jahren kümmert sich das Praxiszentrum nicht nur um Paare mit akutem Kinderwunsch, sondern auch um Männer oder Frauen, die aus medizinischen oder persönlichen Gründen vorsorgen und Spermien sowie Eizellen einfrieren lassen wollen.

Im Kryolager werden eingefrorene Eizellen, Spermien, Hodengewebe und Embryonen in speziellen Tanks aufbewahrt – bei minus 190 Grad. Quelle: Praxiszentrum Frauenheilkunde Rostock

Die sogenannte Kryokonservierung aus nichtmedizinischen Gründen wurde vor einigen Jahren unter dem Begriff „Social Freezing“ auch in Deutschland bekannter. Auch dabei ist das Praxiszentrum mittlerweile einziger Anbieter in der Hansestadt – und hat deshalb zahlreiche Kryotanks im Untergeschoss stehen, in denen zukünftige Familienträume auf den perfekten Realisierungszeitpunkt warten.

Ehrlichkeit wird bei der Behandlung großgeschrieben

Der Alltag in Rostocks Kinderwunschpraxis hat viel mit Hoffnungen zu tun – oft mit erfüllten, aber leider auch mit enttäuschten. „Eine Erfolgsgarantie können wir nicht geben und eines war und ist uns immer wichtig: Die Paare, die zu uns kommen, haben ein Recht auf Ehrlichkeit“, sagt Annette Busecke.

Claudia Labude-Gericke

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