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Rostock Rostocks Wirtschaft kämpft für Riesen-Windräder
Mecklenburg Rostock Rostocks Wirtschaft kämpft für Riesen-Windräder
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05:30 24.04.2019
Erst vor wenigen Tagen wurde der Windpark Arkona vor Rügen in Betrieb genommen. Die Windräder, die vor Warnemünde entstehen sollen, könnten noch viel höher werden (Symbolbild). Quelle: Bernd Wüstneck/dpa
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Rostock

Aus dem Rostocker Rathaus kam prompt Protest: Kaum hatte der Bundestag „grünes Licht“ für den Bau von zwölf riesigen Windrädern vor Warnemünde gegeben, reagierte Vize-Oberbürgermeister Chris Müller-von Wrycz Rekowski (SPD) mit deutlicher Ablehnung. Dass rund zwölf Kilometer vor dem Ostseebad ein Testfeld für neue, mehr als 200 Meter hohe Turbinen entstehen soll, sei nicht gut für Rostock. Doch das sehen die Befürworter naturgemäß anders. Das „Windenergie-Netzwerk Rostock“ und auch die Uni kämpfen jetzt mit Nachdruck für das Projekt: „Rostock kann das Zentrum für Windenergie weltweit werden“, sagt Andree Iffländer, Vorsitzender des Netzwerks.

Brief an die Kandidaten

Iffländer hat sich mit einem Brief an alle OB-Kandidaten (darunter auch Müller-von Wrycz Rekowski) gewandt – und bittet um deren Unterstützung für das neue Testfeld. Vor Warnemünde sollen die Windkraftanlagen der nächsten und übernächsten Generation erprobt werden. „So etwas gibt es auf der Welt nicht noch einmal“, sagt der Chef des Windenergie-Netzwerks und spricht von einem „technologischen Alleinstellungsmerkmal“ für Rostock. Uwe Ritschel, Professor für Windenergie-Technik an der Universität Rostock, kann das nur bestätigen: „Die Hansestadt würde schlagartig für die gesamte Branche international ein wichtiger Standort.“ Firmen, Entwickler und Hochschule aus aller Welt würden nach Rostock kommen – um hier zu forschen und zu arbeiten. Mit dem geplanten Bau des Fraunhof-Instituts für Unterwassertechnologien („Ocean Technology Center“) würde in der Hansestadt das Zentrum für Hightech auf und unter dem Wasser entstehen.

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Hunderte neue Jobs

Schon jetzt sei die Windenergie-Branche für Rostock einer der mit Abstand wichtigsten Wirtschaftszweige, sagt Iffländer. Direkt und indirekt seien 7500 Menschen in der Region in diesem Segment beschäftigt. „Das sind gut bezahlte Jobs. Wir reden da nicht über Saisonkräfte.“ Und: Der Aufschwung der Werften – er wäre ohne diese Branche nicht möglich gewesen: „Wenn sich unsere großen Werften nicht jahrelang mit Aufträgen aus dem Windenergie-Sektor über Wasser gehalten hätten, würde es sie heute nicht mehr geben.“ Was Iffländer konkret meint: Auf den heutigen MV Werften wurden vor einigen Jahren noch große Plattformen für Windparks im Meer gebaut. Windenergie-Forscher Ritschel ergänzt: „Nordex, die Eisenwerke im Seehafen – sie alle leben schon jetzt von Aufträgen aus der Energie-Branche.“

Und das Potenzial sei noch lang nicht ausgereizt: Iffländer geht davon aus, dass Firmen, die ihre Technik vor Warnemünde testen, auch nach Rostock ziehen werden. Es könnten Hunderte neue Jobs in der Entwicklung und beim Bau der Anlagen entstehen – aber auch im Servicebereich, für die Wartung der Anlagen und für den Transport der Mannschaften auf See.

Energiewende „made in Rostock

„Wenn die E-Mobilität weiter Fahrt aufnimmt, brauchen wir sauberen und bezahlbaren Strom. Die Windparks auf See können genau das liefern“, sagt Iffländer. Er hofft, dass das Testfeld noch weitere Impuls für die Region geben könnte. Denn mit dem Erzeugen des Stroms sei es allein nicht getan: Wie wird der Windstrom künftig für die Zeiten gespeichert, in denen Flaute herrscht? „Wir könnte Energie-Geschichte schreiben – und einen entscheidenden Beitrag zu einer Zukunft ohne schädliche Abgase leisten“, so Iffländer. Nach Angaben der Landesregierung soll des Testfeld 2023 in Betrieb gehen. Das Argument, die Windräder würden den Blick auf das Meer zerstören, lässt Forscher Ritschel nicht gelten: „Ja, die Anlagen werden bei gutem Wetter zu sehen sein. Aber nur klein am Horizont. In Dänemark haben solche Parks aber noch keine Urlauber abgeschreckt.“

Andreas Meyer