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Rostock Ruder-Weltmeisterin Marie-Louise Dräger musste Geld für ihren WM-Start „erbetteln“
Mecklenburg Rostock Ruder-Weltmeisterin Marie-Louise Dräger musste Geld für ihren WM-Start „erbetteln“
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08:48 09.09.2019
Rudern-Weltmeisterin Marie-Louise Dräger bei der WM im österreichischen Linz mit WM-Medaille. Quelle: Helmut Fohringer/dpa
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Rostock

150 Euro, so viel hat eine Frau aus Rostock dem Crowdfunding-Topf von Marie-Louise Dräger (38) gespendet. Die Ruder-Weltmeisterin kannte den Namen der Spenderin und hat nach der WM erfahren, dass es die Mutter einer Freundin war: „Darüber habe ich mich wahnsinnig gefreut“, sagt sie. 150 Euro – dafür würde ein Lionel Messi wohl gerade mal den ersten Buchstaben seines Vornamens für ein Autogramm aufschreiben. Und selbst Drittliga-Kicker würden bei einem Jahresgehalt von rund 100 000 Euro dafür nicht mal aus dem Bett aufstehen.

WM-Ticket per Crowdfunding finanziert

Weil ihre Bootsklasse nicht olympisch ist, musste Marie-Louise Dräger ihr Ticket für die Ruder-WM Ende August im österreichischen Linz selbst finanzieren. Ohne Unterstützung des Ruderverbands. Die Athletin ist damit doppelt gekniffen. Da sie nicht im Olympia-Kader ist, fällt ein Teil der öffentlichen Subventionierung weg. Sie hat es per Crowdfunding – also über private Spenden geschafft. Bisher gelang es ihr damit, 850 Euro zu sammeln.

Die Rostockerin lebt als alleinerziehende Mutter mit Sohnemann Ben und englischer Bulldogge Olaf – benannt nach dem Doppel-Olympiasieger Olaf Tufte aus Norwegen – von dem Geld, das sie als Polizeimeisterin verdient. Rund 2100 Euro. Das gehe alles, sagt sie. Und als Ruderin sei sie weit davon entfernt, eine Neiddebatte aufzumachen. Wer im Sport Geld verdienen will, darf halt nicht rudern gehen und wenn, dann muss man es in den Deutschland-Achter schaffen. Ist für ’ne Frau aber eher schwierig.

In Polizeiuniform im Zug zu Trainingslagern und Wettkämpfen

Diese Regel gelte auch für andere Sportarten, die nur alle vier Jahre mal bei Olympia für ein paar Momente mediale Aufmerksamkeit erhaschen. Doch trotzdem drängt sich das Gefühl auf, es läuft etwas schief im deutschen Sport. Marie-Louise Dräger fährt zum Beispiel im Zug zu Trainingslagern und Wettkämpfen. In Polizeiuniform. Dann ist die Fahrt frei. „War am Anfang etwas seltsam, aber ich habe mich dran gewöhnt“, sagt die Sportlerin.

„Nö, ich würd’ mich nicht als Profi bezeichnen.“

Warum also macht man das? Rudern? Wie sieht der Alltag eines Ruderprofis eigentlich aus? „Profi? Nö! Ich würd’ mich nicht als Profi bezeichnen“, sagt die fünffache Weltmeisterin, Europameisterin und neunfache Deutsche Meisterin in gleich mehreren Bootsklassen. Dräger ist die Zuverlässigkeit im Ruderboot und sammelt Titel, dass man schnell mal den Überblick verliert. Erfolgreich, eisern, ruderverrückt, diszipliniert und wenig schmerzempfindlich.

Eigenschaften, die einer Sportlerkarriere förderlich sind. Sie gilt aber auch als eigenwillig, unbequem, unangepasst und meinungsstark. Charaktermerkmale die Verbandsfunktionäre bei Athleten – zumal bei Frauen in Exotensportarten – eher nicht so schätzen. Daher wurde sie immer mal wieder aussortiert aus ihrer Paradedisziplin, dem Doppelzweier (ein Boot, zwei Sportlerinnen, vier Paddel).

Tokio ist die letzte olympische Medaillenchance

Jetzt hofft sie auf ihre wohl letzte Chance. Denn einzig eine olympische Medaille fehlt ihr noch. In Peking 2008 und Rio 2016 fehlten ein paar Zehntel. Sie wurde zweimal Vierte. 2016 hat sie noch gesagt, dass nach Rio Schluss sei. 2017 gönnte sie sich eine Pause. Dann kam ihr ehemaliger Jugendtrainer aus Lübeck auf sie zu, der sie seitdem wieder coacht. Jetzt sagt Marie-Louise Dräger: „Mein Ziel ist Tokio im Doppelzweier oder im schweren Einer, der die Quali ja auch nicht geschafft hat.“ Sie hat die große Hoffnung, dass sie ab Oktober wieder im Olympia-Kader ist. Außerdem gibt es monatlich noch mal um die 150 Euro vom Olympiateam MV und noch eine kleine Finanzspritze vom Olympiateam der Hansestadt Rostock.

Knallhart durchstrukturierter Alltag als alleinerziehende Mutter und Spitzensportlerin

Das macht den Alltag einer alleinerziehenden Mutter etwas einfacher. „Ohne meine Mutter und meine Schwester, die alles managen bei mir, ginge das gar nicht mit dem Sport.“ 20 bis 25 Stunden trainiert sie wöchentlich.

Dazu kommt der Dienst in der Rostocker Polizeiinspektion: Der Polizeimeisterin Marie-Louise Dräger kann man schon mal in Uniform begegnen, wenn man zu schnell fährt. Die Frühschicht läuft von 6 bis 14 Uhr, dann geht’s zum Training in die Schwimmhalle oder zum Landesstützpunkt nach Kessin auf die Warnow.

Da ist sie auch schon mal so verrückt, dass sie bis Schwaan fährt. 36 Kilometer hin und zurück. Drei Stunden Rudern – mit Pausen. „Ansonsten halte ich von Pausen nicht viel“, sagt sie.

Wenn sie Spätschicht hat bei der Polizei ist vormittags Training. Das alles wird regelmäßig durcheinander gewirbelt, wenn um sechs Uhr plötzlich die Dopingkontrolle vor der Tür steht. „Die haben ein perfektes Timing dafür, zu klingeln, wenn ich gerade auf Toilette gewesen bin. Danach dauert’s halt und die dürfen mich nicht mehr aus den Augen lassen.“ Dann muss die Mama kommen und den Erstklässler zur Schule bringen.

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Sonntag ist Familien- und Penntag

Nur sonntags ist Familientag und Penntag. Ausschlafen bis acht? „Um Gottes willen, so lange schaffe ich nicht.“ Keine Ruhe, die Frau. „Als Olympia-Kader im Doppelzweier würde ich auch wieder Unterstützung bekommen für Fahrtkosten oder Trainingslager.“ Das würde enorm helfen. Dazu unterstützt sie die Bootswerft Empacher aus Ebersbach, die die gesamte Ruder-Nationalmannschaft ausstattet, mit Booten, aber auch finanziell.

Aber wegen des Geldes, meint sie, „habe ich das nie gemacht“. Am Ende der Karriere als Ruderin werde finanziell nichts übrig bleiben. Es sei was anderes, was einen in diesem Boot antreibt. „Das Gefühl, wenn alles perfekt läuft und man über das stille Wasser dahingleitet in der schönen Natur“, sie hält kurz inne, „das ist es. Darum geht es. Ich habe ja versucht aufzuhören. Geht aber nicht.“

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