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Rostock Frisches Gemüse vom Kastanienhof
Mecklenburg Rostock Frisches Gemüse vom Kastanienhof
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19:08 19.03.2019
Ökologische Landwirtschaft auf dem Kastanienhof in Bandow bei Schwaan. Der Boden im Folienzelt wird gegrubbert: Susanne Ewert führt Pony Carino und Luke Dyba hält den Grubber auf Linie.
Ökologische Landwirtschaft auf dem Kastanienhof in Bandow bei Schwaan. Der Boden im Folienzelt wird gegrubbert: Susanne Ewert führt Pony Carino und Luke Dyba hält den Grubber auf Linie. Quelle: Doris Deutsch
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Bandow

Carino schnieft leicht, als er, geführt von Susanne Ewert, den Grubber durch den Boden im Folientunnel zieht. Das Pony ist 13 Jahre alt, „in den besten Jahren, denn Ponys werden 30 bis 35 Jahre“, sagt die Chefin und lacht. Carino ackert auf dem Kastanienhof in Bandow. „Überall da, wo man kleine Füße braucht“, bemerkt die Landwirtin, die zusammen mit Moritz Isensee hier eine Solidarische Landwirtschaft (Solawi) betreibt in der Gemeinschaft „Bunte Höfe“.

Kartoffel- und Gemüseanbau auf 2,5 Hektar Freiland und in sechs Folienzelten je 100 Quadratmeter. Etwa 45 Kulturen werden angebaut – Salate, Möhren, Bohnen, Kürbisse, Zwiebeln, Kräuter, Kohlrabi, Radieschen, Gurken, Tomaten. „Ein Drittel der Pflanzen ziehen wir selbst vor“, sagt Isensee. Etwa 40000 Jungpflanzen werden zugekauft von der Bioland-Gärtnerei Watzkendorf bei Neubrandenburg. Jede einzelne Pflanze muss in den vorbereiteten Boden. Ökologisch und traditionell, in aufwendiger Handarbeit. Unterstützt von Pferdestärken, die beim Hacken, Häufeln und Pflegen helfen. Für die schweren Arbeiten im Freiland wird der Traktor genutzt.

Info-Veranstaltung zu Solawi in Rostock

Vertreter des Bundesnetzwerks Solidarische Landwirtschaft und Solawi-Praktiker stellen am Sonnabend, dem 23. März, in Rostock Hintergründe und Grundlagen dieser alternativen Wirtschaftsform vor. Die Veranstaltung beginnt um 16 Uhr im Arno-Esch-Hörsaal der Universität Rostock (Ulmenstraße 69). Zuerst wird in einem Vortrag erläutert: Was ist Solidarische Landwirtschaft? Im Anschluss finden ein „Bunte Höfe“-Café und ein Markt der Möglichkeiten mit verschiedenen Akteuren aus der Region statt. Um 18 Uhr ist der Film „Reale Utopien“ zu erleben, der der Frage nachgeht, wie wir wirtschaften können, ohne die Grundlagen unseres Lebens weiter aufzubrauchen. Anschließend diskutieren Moritz Isensee (Solawi), Claudia Schulz (Bündnis 90/ Die Grünen) und Dr. Dirk Zierau (UFR) zum Thema „Nachhaltige Wirtschaftsformen – Alibi oder Avantgarde?“ Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos, um eine Spende für den Film wird gebeten.

 „Wir düngen mit Mist, von den hofeigenen Pferden, Ziegen und Schafen“, erklärt Isensee. Außerdem bekäme der Boden Kompost und Mulch. „Und eine Handvoll Schafwolle unter jede Tomatenpflanze, das kommt an“, sagt der 44-Jährige, der, wie auch seine Frau Susanne, Agrarökologie an der Universität Rostock studiert hat. Nach einigen praktischen Erfahrungen im Öko-Landbau wollten beide einen eigenen Bauernhof ökologisch bewirtschaften. Vor elf Jahren ist die Familie auf den leerstehenden Hof nach Bandow gezogen, den Kastanienhof, weil hier seit den 1920er Jahren eine Kastanie vor dem Haus wächst.

„Es ist alles noch Baustelle“, räumen die neuen Besitzer ein. „Ernüchternd, wie langsam man vorankommt.“ Aber ohne Kredite ginge es eben nur Stück für Stück weiter. Und auf dem Hof habe die Bodenbewirtschaftung stets Vorrang. Der erste Salat ist gepflanzt. Zwiebeln sind schon gesteckt, Radieschen gesät. Im Freiland sind die dicken Bohnen in der Erde. Wenn Carino seine Arbeit erledigt hat, werden auch im Folientunnel Kohlrabi und Spitzkohl gepflanzt. „Anfang Mai, mit Beginn des neuen Wirtschaftsjahres, kann geerntet werden“, erzählt der Landwirt. 14-tägig werde nachgepflanzt, die Fruchtfolge wird dabei eingehalten.

Neben Susanne Ewert und Moritz Isensee gehören zwei Gärtnerinnen zum Team und Luke Dyba (17) aus Leipzig, der ein freiwilliges ökologisches Jahr auf dem Hof verbringt. Außerdem vier Arbeitspferde und 104 Mitglieder der Solawi-Gruppe. Das sind Menschen aus der Region, die sich gemeinsam nicht nur die Ernte, sondern auch Verantwortung, Risiko, Kosten des Betriebes teilen – solidarische Landwirtschaft eben. Erzeuger und Verbraucher bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft.

„Wir legen unser Budget, unsere Jahreskosten offen“, erläutert Isensee, „und die Leute legen daraufhin ihren Mitgliedsbeitrag für den Solawi-Betrieb fest.“ 95 Euro pro Monat für einen kleineren Ernteanteil, 145 Euro für einen großen. Wobei es auch unter den Verbrauchern Solidarität gebe – wer mehr zahle, ermögliche es anderen, die weniger Geld ausgeben könnten, auch am Konzept teilzunehmen. Die Ernte wird geteilt, wöchentlich geliefert, nur im Winter alle 14 Tage. Durch die Vielfalt der Kulturen kommt immer Frisches auf den Tisch.

Morgens wird das Gemüse geerntet, am Nachmittag ausgefahren. „Wir haben Verteilerpunkte“, sagt der Landwirt, „in Rostock sind es zum Beispiel zehn Stellen in Carports, Kellereingängen oder so, wo sich die Mitglieder ihre Ernte abholen.“ Etwa zwei Drittel der Verbraucher wohnen in der Hansestadt, aber auch in Bad Doberan und Dörfern westlich der Warnow freuen sich Mitglieder auf frisches Gemüse aus Bandow.

Die Verbraucher der Solawi-Gruppe sind auch als Helfer auf dem Hof gern gesehen. „Alle zwei Wochen etwa bieten wir Mitmachtage zum Wochenende hin an“, erzählen die Landwirte. Hier würden die Laien ökologisches Gärtnern hautnah erfahren, könnten beim Kartoffelnlegen, Zwiebelnstecken oder Jungpflanzenpikieren helfen. Einige nehmen das Angebot gern an.

Doris Deutsch