Stadthalle Rostock: Wird es 2021 wieder Konzerte geben?
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Rostock Stadthallen-Chefin Petra Burmeister im Interview: Wird es 2021 wieder Konzerte geben?
Mecklenburg Rostock

Stadthalle Rostock: Wird es 2021 wieder Konzerte geben?

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07:00 30.08.2020
Die Rostocker Stadthalle war bei der „Night of Light“ rot erleuchtet, um auf die Probleme der Veranstalter in der Corona-Krise aufmerksam zu machen.
Die Rostocker Stadthalle war bei der „Night of Light“ rot erleuchtet, um auf die Probleme der Veranstalter in der Corona-Krise aufmerksam zu machen. Quelle: Stefan Tretropp
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Rostock

Petra Burmeister leitet die Stadthalle Rostock in den vielleicht schwersten Zeiten ihrer Geschichte. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie es weitergehen soll und was die Krise mit ihr persönlich macht.

Mit der grundsanierten Stadthalle haben Sie im vergangenen Jahr Ihre berufliche Laufbahn gekrönt. Jetzt steht dieses schöne Haus coronabedingt leer. Wie geht es Ihnen gerade?

Bittere Einstiegsfrage. Es ging uns sehr, sehr gut nach der Wiedereröffnung. 2018 und 2019 haben wir alles dafür gegeben, dass die Buchungsbücher voll sind. Und heute gucke ich ein knappes halbes Jahr nach dem Lockdown noch immer in eine ungewisse Zukunft. Ich weiß zwar, dass wir gut aufgestellt sind – aber wir haben es momentan nicht in der Hand. In über 30 Berufsjahren habe ich so ein Gefühl nie gehabt. Es fällt mir extrem schwer, da noch optimistisch zu sein und Kraft aus der Arbeit zu ziehen, vor allem da dieser Zustand nicht beeinflussbar ist.

Petra Burmeister, Geschäftsführerin der Rostocker Stadthalle. Quelle: Andreas Duerst

Wie motivieren Sie sich in dieser Situation und was sagen Sie Ihren Leuten?

Das Schlimmste ist tatsächlich, den Mitarbeitern gegenüber optimistisch zu sein und den Partnern. Ich werde fast täglich angerufen von Kunden, Geschäftsfreunden und Partnern in der Branche. Wir tauschen uns aus und bauen uns gegenseitig auf. Für die Firma muss man Optimist bleiben, zumindest stets Realist. Es gibt aber auch Gutes zu berichten. Gerade haben fünf junge Menschen bei uns ihre Ausbildung begonnen, was in dieser Zeit sicherlich ein besonderes Zeichen von Zuversicht ist.

Stadthalle Rostock und Hansemesse Rostock sind die bedeutendsten Veranstaltungsorte im Land. Werden wir in diesem Jahr noch Events erleben?

Große Konzerte nicht, der Beschluss wurde gerade von der Bundesregierung gefällt. Im Rahmen der erlaubten Größen aber schon. So veranstalten wir beispielsweise unser Clubkonzert mit dem Blues-Gitarristen Harro Hübner statt in der ClubBühne mit Abstand einfach im Großen Saal am 30. Oktober. Das Besondere aber ist, dass wir jetzt für Formate offen sind, die wir bisher nicht auf dem Schirm hatten, weil sie vorher aus Kosten-Nutzen-Sicht für die Kunden keinen Sinn gemacht haben. Wir hatten circa sechs Wochen gar keine Veranstaltungen. Jetzt schreiben wir Konzepte und Pläne für Veranstaltungen von Kunden, die sonst in kleinere Häuser gegangen wären. In der Messehalle zum Beispiel waren gerade vier Wochen lang Prüfungen von der Rostocker Universität. Da saßen jeden Tag rund 500 Studenten verteilt auf irre viel Fläche. Auf 5000 Quadratmetern haben wir die Tische verteilt.

Wird das Ihr neues Kerngeschäft?

Wir blicken nach vorn und versuchen, Veranstaltungen unter den besonderen Bedingungen zu organisieren. Ich bin froh, dass Messen nicht unter Großveranstaltungen fallen. Wir haben von Anfang an nicht verstanden, warum man durchgehend ungeschützt auf dem Frischemarkt einkaufen durfte, aber wir unsere Messe „Flair am Meer“ im Freien nicht ausrichten sollten. Oder ein Baumarktbesuch ist nicht anders, als unsere Baumesse „Robau“ zu besuchen. Aus diesem Blickwinkel haben wir die Messen so angepasst, dass sie auch unter Corona-Bedingungen gut funktionieren werden. Ich freue mich, dass wir von unseren eigenen Messen die Robau, die internationale Rassehundeausstellung und die Jobfactory bald durchführen können.

Das klingt ja optimistisch. Ich möchte aber noch einmal auf das Konzertgeschäft zurückkommen. Wie verhalten sich jetzt die Agenturen der Künstler?

Es ist vielschichtig. Wir haben Tourneen mit national und international bekannten Künstlern, deren Agenturen die Termine gleich mindestens um ein Jahr verschoben haben, wie die „Hollies“, Maite Kelly oder Roger Hodgson. „Status Quo“ hat die Tour ganz abgesagt und will in Ruhe eine neue planen. Andere Künstler wurden schon mehrfach in kürzeren Abständen mit mehr Zuversicht auf Lockerungen umgebucht. Es bleibt auch nach einem knappen halben Jahr ein einziges Rein und Raus aus den „Büchern“.

Werden wir in Rostock 2021 Konzerte erleben?

Im Moment ist das Programm für nächstes Jahr voll. Aber ich kann nicht mit Gewissheit sagen, ob, wann und welche Konzerte stattfinden. Die aktuellen Beschlüsse dazu gehen nun ja leider bis zum 31. Dezember. Aber mit einem Jahreswechsel wird Corona nicht verschwinden. Dennoch muss ich wieder voller Optimismus sagen, dass wir bestimmt große Shows, wie Cavalluna oder Holiday on Ice, in 2021 sehen werden. Es tat extrem weh, als wir uns im Mai das erste Mal darüber unterhalten haben, dass die Eisshow in diesem Jahr überhaupt nicht stattfinden wird. Es waren bereits über 4500 Karten verkauft. Ich finde es total toll, dass die Besucher ihre Karten nicht zurückgeben. Nur ganze vier Tickets haben wir neben einer begründeten Gruppenstornierung zurückgebucht. Bei so einer Masse ist es Wahnsinn und ein Ausdruck von Treue und Vertrauen, was uns stolz macht.

Bei allen Corona-Debatten sind die Interessen von Handel, Tourismus und Industrie deutlich wahrnehmbar. Die Veranstalter hört man kaum. Fehlt die Lobby?

Eindeutig ja. Wir sind ja in der Situation, dass wir unseren Gesellschafter, die Hanse- und Universitätsstadt Rostock, im Rücken haben. Aber hier geht es nicht darum, wer uns finanziell auffängt. Hier geht es auch nicht nur um Hilfsprogramme. Es müssen mit Augenmaß Lösungen gesucht und gefunden werden für die gesamte Eventbranche, auch die vielen Freischaffenden und verbundenen Dienstleister. Derzeit können wir uns vom Zusammenschluss der Sportvereine einiges abgucken, die sich mit der Landesregierung an einen Tisch gesetzt haben, um Lösungen für den Breiten- und Ligasport zu finden. Dabei helfe ich gern, denn wird es dem Sport erlaubt, vor Besuchern zu spielen und gelingen die Konzepte, schafft das Hoffnung auch für die übrigen Veranstaltungsformate.

Wie kann das aussehen?

Wenn wir wieder Basketballbegegnungen mit 1800 statt sonst mit 4500 Besuchern ausrichten, erreichen wir was. Es wird sich noch nicht für jeden Künstler lohnen, zu kommen. Aber wir schaffen Vertrauen. Das ist das A und O. Im schlimmsten Fall sitzen wir hier wie im Flugzeug mal drei Stunden mit Maske, aber wir tun etwas und sind zudem dabei deutlich achtsamer als vor Corona.

Wie viel Verlust machen Sie dieses Jahr?

Wir machen weitere zwei Millionen Euro Verlust in diesem Jahr.

Was wird aus den vielen kleinen Agenturen im Land, die keine Stadt im Rücken haben, die die Verluste ausgleicht? Droht ein Agentursterben?

Ich befürchte das. Die Fördermöglichkeiten und Hilfsprogramme decken längst nicht das ab, was die Branche gerade verliert. Betriebskosten sind nur ein Teil der Rechnung. Viele gehen für die Honorare arbeiten, damit sie ihren Lebensunterhalt bezahlen können. Wir werden in Zukunft viele Dienstleistungen nicht mehr bringen können, da es die Firmen nicht mehr gibt.

Drittes Standbein neben Konzerten und Messen sind Kongresse. Viele Experten prophezeien, dass hier der Bedarf sinkt, weil vieles digital läuft.

Das glaube ich nicht. Mir geht das virtuelle Treffen vor dem Bildschirm schon sehr auf den Nerv. Es bringt längst nicht das, was Verbandstagungen als reale Treffen sonst erreichen. Das höre ich überall. Wir bereiten derzeit große Kongresse im hybriden Format mit Liveübertragungen vor, die das persönliche Aufeinandertreffen und das digitale Zuschalten erlauben.

Hoffen Sie auf Lockerungen im Frühjahr?

Ja. Bis dahin haben wir ja noch etwas Luft und ich hoffe, dass Tagungen möglich sein werden. Selbst der Bundesärztekongress sollte in der Hansemesse dann stattfinden. Aber auch dafür brauchen wir unsere Partner.

Was wünschen Sie sich für das nächste Jahr?

Dass wir wieder in die Normalität gelangen. Nicht nur für unsere Branche. Für die gesamte Gesellschaft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Vita

Petra Burmeister, 1960 in Rostock geboren, ist verheiratet und hat eine ebenfalls verheiratete Tochter. Die gelernte Bankkauffrau begann ihre Laufbahn bereits 1987 in der StadtHalle Rostock, wo sie zunächst bis 1991 parallel zu ihrer Tätigkeit in der Abteilung Veranstaltungen ein Fernstudium im Bereich Kulturwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Dresden absolvierte, bevor sie 1992 Verkaufsleiterin wurde.

Seit 1999 ist sie Geschäftsführerin der StadtHalle und mit Übernahme der HanseMesse seit 2000 Geschäftsführerin der Rostocker Messe- und Stadthallengesellschaft mbH, die inzwischen unter „inRostock GmbH Messen, Kongresse & Events“ firmiert.

Schwerpunkte ihrer Tätigkeiten in den letzten zwanzig Jahren waren der erfolgreiche Aufbau des Landesmessezentrums M-V in Rostock sowie die Modernisierung und Profilierung der StadtHalle Rostock am deutschen Veranstaltungsmarkt.

In der inRostock GmbH Messen, Kongresse & Events ist sie verantwortlich für rund 50 Mitarbeiter/-innen und durchschnittlich 12 Auszubildende. Zudem ist sie u. a. Vorstandvorsitzende des Jobfactory e.V. und seit 1998 engagiert im Verband der Europäischen Veranstaltungscentren e.V.

Von Andreas Ebel