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Rostock Stasi-Mann im Aufsichtsrat: Rostocker Unternehmen Centogene gerät unter Druck
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Stasi-Mann im Aufsichtsrat: Rostocker Unternehmen Centogene gerät unter Druck

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18:43 15.01.2020
Centogene-Vorstandschef Arndt Rolfs zog es am Montag erneut vor, sich nicht zur Stasi-Vergangenheit seines Aufsichtsratsmitgliedes Holger Friedrich zu äußern. Quelle: Nasdaq
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Rostock

Das Rostocker Biotech-Unternehmen Centogene gerät wegen seines Aufsichtsratsmitgliedes Holger Friedrich weiter unter Druck. Am Wochenende war bekannt geworden, dass der IT-Unternehmer und Multimillionär in der DDR unter dem Decknamen „Peter Bernstein“ als inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi gespitzelt haben soll.

Die Reaktionen dazu fallen gemischt aus. Während der CDU-Bundestagsabgeordnete Eckhardt Rehberg eine Stasi-Belastung bei Aufsichtsräten vorrangig als internes Problem betrachtet („Das ist eine Angelegenheit der Centogene AG und dessen Aufsichtsrat.“), warnt die Grünen-Abgeordnete Claudia Müller vor möglichen Nachteilen für die Anleger, sollte das Unternehmen nicht darauf reagieren.

Müller: „Grundsätzlich hat jeder Mensch eine zweite Chance verdient. Dazu gehört jedoch auch die ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Im Fall Holger Friedrich gibt es berechtigte Zweifel an seiner Darstellung zum Umfang seiner Tätigkeit. Für ein Unternehmen wie Centogene, dessen Erfolg des Börsengangs auch von dem Vertrauen der potenziellen Anleger abhängig ist, wird ein so belastetes Aufsichtsratsmitglied zum Risiko.“

Leser-Umfrage: Sollte ein früherer Stasi-Mitarbeiter im Aufsichtsrat eines Wirtschaftsunternehmens sitzen? (Sollte die Umfrage nicht angezeigt werden, können Sie hier teilnehmen.)

Börsengang brachte Centogene 54 Millionen Euro

Die Aktiengesellschaft ist darauf spezialisiert, seltene Erbkrankheiten zu diagnostizieren. Seit Anfang November wird Centogene an der größten Börse der Welt, der Nasdaq in New York, gehandelt. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 400 Mitarbeiter und nahm mit dem Börsengang 54 Millionen Euro ein. Noch ist unklar, wie Ratingagenturen und große Fondsgesellschaften auf die Stasi-Belastung im Aufsichtsrat des Unternehmens reagieren werden, womöglich droht der Aktie ein Wertverlust. Bislang blieb der Kurs aber stabil. Bereits vor dem Börsengang war Friedrich mit mehr als drei Prozent an Centogene beteiligt.

Während seines dreijährigen Wehrdienstes bei der NVA soll er von Dezember 1987 bis Februar 1989 als Unteroffizier Informationen über andere Soldaten an das MfS weitergegeben und diese damit schwer belastet haben. Seine Stasiakte ist 125 Seiten dick und soll mehrere handschriftliche Spitzelberichte enthalten. Friedrich bestätigte die Vorwürfe in einem Beitrag in der „Berliner Zeitung“, betonte aber, „nicht aktiv für das MfS“ tätig gewesen zu sein.

Glawe: Wir äußern uns nicht

Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) will wie sein Parteikollege Rehberg öffentlich keine Position beziehen. „Zu unternehmensinternen Angelegenheiten äußern wir uns nicht. Den Rest muss gegebenenfalls das Stasi-Unterlagen-Gesetz regeln“, sagte er. Centogene zählt gemeinsam mit Nordex und dem Greifswalder Yachthersteller Hanseyachts zu den einzigen drei börsennotierten Aktiengesellschaften, die ihren Hauptsitz in Mecklenburg-Vorpommern haben.

Centogene selbst ließ eine Anfrage zur Kritik an der Stasi-Vergangenheit Friedrichs am Montag unbeantwortet. Weder Vorstandschef Arndt Rolfs noch Friedrich selbst wollten sich äußern. Anders als Politiker des Bundestages, der Landes- und zum Teil gar der Kommunalparlamente werden Aufsichtsräte nicht auf eine Stasi-Vergangenheit überprüft, sondern von den Gesellschaftern eines Unternehmens eingesetzt.

Friedrich hatte im Sommer den Berliner Verlag gekauft. Dort schlägt seine Stasi-Vergangenheit deutlich höhere Wellen als in der Rostocker Centogene-Zentrale. „Wir werden Fakten sammeln, wir wollen die Akten – die Opfer- und die Täterakten – einsehen“, schrieben die Chefredakteure von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“, Jochen Arntz und Elmar Jehn, am Montag in ihren Blättern. Die Redaktion wolle Experten hinzuziehen und mit den Menschen reden, die in den Akten auftauchen.

Das Medienhaus war im Zusammenhang mit Friedrichs Rolle bei Centogene in die Kritik geraten, weil es den Börsengang des Unternehmens mit einem großen Bericht gefeiert hatte, ohne darauf hinzuweisen, dass der neue Eigentümer des Verlags Anteile an Centogene hält. „Weder der Chefredaktion noch den beiden Wissenschaftsredakteuren war zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Holger Friedrich an dem Unternehmen beteiligt ist. Wäre das anders gewesen, hätte die Redaktion diese Information in den Artikel mit aufgenommen“, hieß es dazu in der Erklärung der beiden Chefredakteure.

Anmerkung der Redaktion:In einer früheren Version des Textes hatten wir irrtümlich berichtet, dass Centogene, Nordex und Hanseyachts die drei einzigen Aktiengesellschaften seien, die ihren Hauptsitz in Mecklenburg-Vorpommern haben. Richtig ist jedoch, dass zehn Aktiengesellschaften ihren Hauptsitz in diesem Bundesland haben, von denen die drei genannten Gesellschaften die einzigen börsennotierten sind. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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Von Benjamin Fischer

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