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Rostock Streit um Krankentransport: Wie geht es weiter für Rostocker DAK-Patienten?
Mecklenburg Rostock

Streit um Krankentransport: Probleme für Rostocker DAK-Patienten ab Januar

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10:00 29.12.2021
Frank Otto (l.) fährt Eberhard Witt zur Dialyse. Ob das auch zukünftig noch möglich ist, wissen beide nicht. 
Frank Otto (l.) fährt Eberhard Witt zur Dialyse. Ob das auch zukünftig noch möglich ist, wissen beide nicht.  Quelle: Katharina Ahlers
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Rostock

Eberhard Witt ist ratlos. Seit Mai 2020 ist er auf eine regelmäßige Dialyse angewiesen, seine Nieren sind nicht in der Lage, sein Blut von giftigen Stoffen zu reinigen. Dreimal die Woche muss der Dummerstorfer in die Rostocker Südstadt. „Alleine fahren kann ich nicht, auch in meiner Familie kann das keiner übernehmen“, betont der Patient.

Zu der lebenswichtigen Behandlung bringt ihn nun das Unternehmen „Krankentransfer Maik Otto“. „Ich bin sehr zufrieden, ich werde von meiner Wohnung bis in die Praxis gebracht. Die Fahrer kennen mich und gehen auf meine Bedürfnisse ein. Es gibt Tage, da geht es mir nicht so gut.“

Streit zwischen Fahrdiensten und DAK

Doch nun sorgt ein Streit zwischen seiner Krankenkasse und den Fahrdienstleistern in MV für Verunsicherung. Bisher ist die Vergütung für Krankenfahrten in einer Vereinbarung zwischen dem Landesverband der Taxi- und Mietwagenunternehmen und dem Verband der Ersatzkassen (Vdek) geregelt. „In diesem Jahr wurde eine neue Kilometerpauschale ausgehandelt. Diese ist im August von 1,41 auf 1,51 Euro gestiegen“, sagt Fahrer Frank Otto. Eine weitere Erhöhung soll es im kommenden Jahr geben. Alle in der Vdek organisierten Kassen haben die neue Vereinbarung unterschrieben – bis auf die DAK. .

Nur noch bis Ende Dezember akzeptiert die Kasse den Tarif, anschließend sollen Einzelverträge mit Unternehmen geschlossen werden. „Wir wollen – wie gesetzlich vorgeschrieben – wirtschaftlich handeln. Aus diesen Gründen haben wir uns einer weiteren Erhöhung nicht angeschlossen“, heißt es aus der Pressestelle.

Fahrdienstleiter wehren sich

Bisher seien in Mecklenburg-Vorpommern flächendeckend mehr als 250 Einzelverträge abgeschlossen worden. Diese Anbieter sollen grundsätzlich ab Januar die Fahrten übernehmen. Täglich würden Vertragspartner hinzukommen, was für attraktive und wirtschaftliche Angebote spreche. Dem widerspricht Gunnar Weiß, Chef vom Rostocker Unternehmen „Patienten Shuttle“. Seine Firma füllt die Nische zwischen Taxifahrten und Krankenwagen und befördert vor allem Patienten, die nicht gehfähig sind.

„Wir haben immer zwei Mitarbeiter an Bord. Dadurch schlagen die Kosten doppelt durch“, sagt er. Für eine Kurzstrecke erhält er nach Vdek-Tarif 53,30 Euro. Das erste Angebot der DAK habe bei 35 Euro gelegen – was alleine aufgrund steigender Personal- und Benzinpreise nicht wirtschaftlich sei. „Unsere Ausgaben sind ja nicht geringer, wenn wir einen DAK-Patienten fahren.“

Zwar seien die Angebote mittlerweile angepasst worden – die Fahrer lehnen Einzelverträge jedoch ab, wollen sich nicht gegeneinander ausspielen und unterbieten lassen. Dass sich bereits viele Vertragspartner gefunden haben, glauben Otto und Weiß nicht. Das sei – insbesondere in Rostock – auch rechtlich schwierig. „Von den Behörden gibt es strenge Regelungen. Ein Unternehmen kann nicht an der Genossenschaft und am Landesverband vorbei Einzelverträge mit eigenen Konditionen abschließen“, so Weiß.

Arzt: große Belastung für Patienten

Nierenarzt Dr. Heinrich Prophet bezeichnet den Konflikt als großes Problem für Pflegepersonal sowie zusätzliche Belastung für die Patienten. „Für uns ist es essenziell wichtig, dass die Patienten angemessen, genau getaktet und liebevoll mit viel Einfühlungsvermögen gebracht werden“, sagt er. Die Zusammenarbeit mit den bisherigen Fahrdiensten liefe gut.

„Viele Betroffene haben einen Brief von der Krankenkasse bekommen, dass es ab Januar neue Fahrdienste gibt. Stellen Sie sich eine 80-Jährige vor, die dement ist und mehrere Herzinfarkte hatte. Und dann wird ihr mitgeteilt, dass etwas, das funktioniert, geändert wird“, merkt er an.

DAK Landeschefin mischt sich ein

In den Konflikt hat sich die DAK-Landeschefin Sabine Hansen eingeschaltet. Sie steht zu der Strategie mit den Einzelverträgen – und den niedrigeren Tarifen. „Wir sind zur Wirtschaftlichkeit verpflichtet. Wenn eine Mitbewerberkasse geringere Preise aushandelt, dann müssen wir das auch für uns prüfen. Denn unsere Krankenkassenbeiträge müssen auf lange Sicht für unsere Kunden stabil bleiben“, so Hansen.

Gemeint ist in diesem Fall die AOK Nordost, die bereits nach eigenem Tarifmodell handelt. Die weiterhin gute Versorgung der Versicherten müsse sichergestellt werden. „Notfalls können sie die Kosten im Nachhinein einfach erstatten. Doch dazu wird es nicht kommen. Da bin ich zuversichtlich.“

Kunden müssen Geld vorstrecken

Auch Frank Otto vom Fahrdienst Otto betont, keinen Patienten stehen zu lassen. „Sollte es keinen neuen Vertrag mit der DAK geben, müssten unsere Patienten zukünftig aber in Vorleistung gehen, die Fahrten zunächst selbst bezahlen.“ Ähnlich sieht das André Thedran, Vorstand des Taxi- und Mietwagenverbandes MV: „Ab dem neuen Jahr wird nach Taxitarif gefahren und abgerechnet.“

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Für Eberhard Witt eine unerträgliche Situation. „Ich stehe zwischen den Fronten. Ich muss ja zur Dialyse. Das ist lebensnotwendig für mich“, sagt er. „Eine Fahrt kostet rund 100 Euro, also würden die Fahrtkosten pro Dialyse bei 200 Euro liegen. Ich müsste jeden Monat 2400 Euro vorstrecken. Wie soll das denn gehen?“ Was der 69-Jährige zudem kritisiert: „Ich habe von meinem Fahrer und von meiner Ärztin von dem Problem gehört. Von der Krankenkasse habe ich noch keine Information, wie ich mich verhalten soll.“

Von Katharina Ahlers