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Rostock Streit um Rostocker Problem-Kids eskaliert
Mecklenburg Rostock Streit um Rostocker Problem-Kids eskaliert
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07:30 30.06.2018
Mehrfach sorgten die Problem-Jugendlichen in der Rostocker Innenstadt für Ärger - und mehrfach musste die Polizei bei Schlägereien dazwischen gehen. Quelle: Stefan Tretropp
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Rostock

Der Streit um Problem- Jugendliche in Rostock eskaliert: Erst vor wenigen Tagen war bekannt geworden, dass eine Gruppe von rund 60 Jugendlichen aus Heimen der Hansestadt zu den Auslösern einer neuen Welle von Gewalt und Drogenproblemen in der Hansestadt zählen soll. Inzwischen spricht Polizeichef Michael Ebert sogar von 125 Jugendlichen, die in Obhut des Jugendamtes leben und der Polizei zunehmend Probleme bereiten. In einem Brief an den Jugendhilfeausschuss erhebt der Polizeidirektor nun Vorwürfe gegen Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) und die Träger der „Kinderheime“. Sie würden trotz wachsender Probleme den „Problem-Kids“ keine Grenzen aufzeigen und die Verantwortung an die Polizei abwälzen. Bockhahn reagierte noch gestern ebenfalls mit einem Brief – und warnte Ebert davor, den Streit auf dem Rücken der Kinder auszutragen.

732 Jugendlichen hauten 2017 ab

Hintergrund: Seit gut vier Jahren steigt die Zahl der Vermisstenfälle in Rostock massiv an. Hauptgrund aus Sicht der Polizei seien die Problem-Jugendlichen aus Heimen der Hansestadt, die immer wieder „abhauen“. 732 Fälle dieser Art gab es, so Ebert, allein 2017. Ein Jugendlicher allein türmte 53 Mal. Im Mai 2018 zählte die Polizei 129 vermisste Jugendliche – vier pro Tag. Doch beim „Abhauen“ bleibt es bei einigen nicht: Diese jungen Rostocker sollen teilweise in Gewalt-, Drogen- und auch Sexualstraftaten verwickelt sein. Erst gestern konnten die Ermittler vermelden, gleich drei Raubdelikte aufgeklärt zu haben. 13 Verdächtige wurden ermittelt, drei sitzen in U-Haft – darunter ein 14-Jähriger, der in Obhut der Stadt lebt. Den Verdächtigen wird unter anderem vorgeworfen, einen 18-Jährigen in seiner Wohnung mit einer Pistole überfallen zu haben. Zwei der drei mutmaßlichen Täter (16, 18 und 20 Jahre alt) gingen in Haft. Zudem wurde Anfang April eine Schülergruppe aus Sternberg vor einem Schnell-Imbiss an der Breiten Straße von den Problem- Kids überfallen, so die Polizei. Neun Verdächtige wurden in diesem Fall ermittelt (13 bis 25 Jahre alt). Vergangene Woche überfiel ein 14-Jähriger dann einen gleichaltrigen Jungen. Gegen den Verdächtigen liegen bereits 60 Ermittlungsverfahren vor. Er sitzt nun im Jugendgefängnis Neustrelitz.

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Polizei will Vermisste nicht mehr suchen

In dem Brief an den Ausschuss kritisiert Ebert unter anderem die sogenannte „Sleep In“-Regelung der Heime. Die Jugendlichen dürfen zwischen 9 und 19 Uhr die Einrichtungen nicht nutzen. „Diese Maßnahmen sehen wir sehr kritisch“, so Polizeichef. „Gerade diese Kinder sind es, die in Ermangelung pädagogischer Betreuung und fester Anlauf- oder Aufenthaltsorte zur Tageszeit regelmäßig Gegenstand polizeilicher Maßnahmen sind.“ Diese Jugendlichen aus Betreuungseinrichtungen würden sich „regelmäßig in gesellschaftlichen Milieus“ bewegen, „die sie zu Opfern von Straftaten, aber gleichermaßen auch für delinquente Karrieren anfällig machen, die sich wiederum schnell verfestigen und sich in noch kürzerer Zeit massiv steigern“, so Ebert wörtlich. Und außerdem: Das Jugendamt und die Träger der Einrichtungen würden es sich zu leicht machen. Statt sich selbst um die Jugendlichen zu kümmern, würde sofort die Polizei eingeschaltet. Allzu oft würden die Beamten als „Taxiunternehmen“ missbraucht. Ebert habe daher angewiesen, keine Vermisstenmeldungen mehr von den Trägern entgegenzunehmen. Diese sollen sich an das Jugendamt wenden. Und nur wenn das Amt begründen kann, dass Suchmaßnahmen nötig sind, würde die Polizei aktiv.

Sozialsenator: Polizeichef könnte sich strafbar machen

Bockhahn reagiert in seinem Brief mit Unverständnis auf Eberts Ankündigung: „Ich darf Ihnen mitteilen, dass die angekündigten Sanktionen in der Sache nicht wirken werden, schlimmstenfalls sogar einen massiven Rechtsbruch darstellen.“ Sollte ein vermisster Jugendlicher zu Schaden kommen, müsse sich Ebert gegebenenfalls wegen unterlassener Hilfeleistung strafrechtlich verantworten. Der Senator wirft der Polizei vor, dass mehrfach Gesprächsrunden zu dem Thema abgesagt worden seien und mahnt eine „Rückkehr zum Dialog“ an, statt „eine Spirale der Eskalation“ zu beginnen. Bockhahn will dann mit Ebert auch über Polizisten sprechen, die „unmäßige und unnötige Härte“ gegen Jugendliche anwenden. Im Klartext: Mehrfach sollen Polizisten überzogen gewalttätig gegen Kinder vorgegangen sein.

Andreas Meyer

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