Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rostock Sucht: Davon ist Rostock abhängig
Mecklenburg Rostock Sucht: Davon ist Rostock abhängig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:06 17.05.2019
Am 20. Mai startet die Rostocker Aktionswoche gegen Suchtgefahren. Laut Suchtberaterin Katharina Rosenthal gäbe es in der Stadt vor allem Probleme mit einer legalen Droge – Alkohol. Quelle: Richard Lotz / Benjamin Barz /pixaby
Rostock

„Eine Sucht kann man nicht heilen, aber man kann lernen, mit ihr umzugehen“, sagt Katharina Rosenthal. Die 34-Jährige spricht aus Erfahrung: „Ich habe mal viel konsumiert. Von Opiaten wie Heroin über Crystal Meth, Speed, Cannabis und natürlich Alkohol.“ Sie erkennt damals rechtzeitig, dass sie etwas ändern muss und begibt sich in stationäre Behandlung – mit Erfolg. Heute leitet sie die evangelische Suchtberatung in Rostock. Und sie weiß, wo die Stadt ihre Probleme hat.

„Ich hatte etwas Angst“, sagt Katharina Rosenthal auf die Frage, wie sie sich fühlte, nachdem sie die stationäre Therapie bewältigt hat. Denn was die studierte Soziologin damals schon ahnt: Die Sucht- wie auch Therapieerfahrungen werden fortan ihren Lebensweg bestimmen – erst in der ambulanten Nachsorge und anschließend auch im Privat- und Berufsleben. Denn fortan nutzt sie ihre Erlebnisse, um Menschen zu helfen, die sich in einer ähnlich kritischen Situation befinden, wie sie es einmal tat.

Von Berlin bis Rostock

Sie engagiert sich in einer Suchtberatungsstelle in Berlin. „Was ich dort gesehen habe, habe ich in Rostock noch nicht gesehen“, sagt sie heute. Sie absolviert verschiedene suchttherapeutische Lehrgänge und Ausbildungen und wechselt 2017 nach Rostock.

„Wenn ich durch Rostock laufe, kann ich Dealer beziehungsweise Abhängige oft recht schnell erkennen“, sagt Katharina Rosenthal, Leiterin der evangelischen Suchtberatung Rostock. Quelle: Moritz Naumann

Dort hat sie seit fast zwei Jahren täglich mit Hansestädtern zu tun, die ihre Kontrolle über ein Suchtmittel verloren haben bzw. drohen, es zu verlieren. „Im Jahr kommen etwa 640 Personen zu uns. 490 davon sind Betroffene. Beim Rest handelt es sich um Angehörige, die sich Sorgen machen“, sagt Rosenthal. Denn die seien oft die Ersten, die merken, dass etwas nicht stimmt und anschließend handeln. Doch nicht jede Bemühung um einen suchtkranken Menschen mündet in Erfolg. „Es gibt viele Alibi-Besucher, die auf Druck von Angehörigen einmal kommen. Und dann nicht wieder.“ Die eigene Einsicht, ein Problem zu haben, sei die wichtigste Voraussetzung für die Selbsthilfe.

Die OZ-Themen zur Rostocker Suchtwoche

Die 26. Rostocker Suchtwoche geht von 20. Mai bis 24. Mai. Die OSTSEE-ZEITUNG begleitet die Themenwoche mit verschiedenen Beiträgen:

Rostock und illegale Drogen

Laut der Suchtexpertin gäbe es in der Stadt wenig Probleme mit illegalen Drogen. „Das liegt vor allem daran, dass es hier keine offene Drogenszene gibt.“ Das hat sie schon anders gesehen: So ist der Zugang zu Heroin, Crystal Meth und Co. in Berlin durch bekannte „Dealerorte“ wie den Görlitzer Park deutlich schneller zu bewerkstelligen. Auch seien die Probleme der Leute durch die Größe der Stadt, der vielen von Armut Betroffenen und dem deutlich größeren Drogenumschlag komplexer. Das heißt jedoch nicht, dass die Rostocker weniger süchtig sind, sondern anders.

„Unsere Klienten kommen aus allen sozialen Schichten. Das sind Unternehmer, Angestellte, Hartz-4-Empfänger, Ärzte oder auch Polizisten“, sagt Rosenthal. Etwa zwölf Prozent der Klienten suchen die evangelische Suchtberatung wegen Problemen mit Cannabis auf. Vier Prozent kommen wegen Amphetaminen wie Kokain. Und auch ein neuer Trend macht sich in Rostock bemerkbar: Mediensucht. „Wir hatten im letzten Jahr 14 Personen, die aufgrund medialer Abhängigkeit zu uns gekommen sind“, sagt Katharina Rosenthal. Den mit Abstand größten Anteil an Klienten machen jedoch die Alkoholabhängigen aus: „81 Prozent trinken zu viel und haben darüber die Kontrolle verloren.“

Alkohol: Ein traditionalisiertes Problem

Das liege zu einem nicht unerheblichen Teil am Tourismusstandort, der Rostock mit seiner Umgebung nun mal sei. Die Stadt hat viele Hotels und gastronomische Einrichtungen. „Und gerade im Gastro-Bereich gehört Alkohol zum guten Ton. Auch in der Belegschaft. Da guckt keiner hin“, sagt die Suchtexpertin.

Termine der Rostocker Suchtwoche

Die Rostocker Aktionswoche gegen Suchtgefahren geht von 20. bis 24. Mai. Ausgewählte Termine:

Montag, 14 Uhr – Göthestraße 16 –“Rauchfrei leben – Informationen zum Rauchfrei-Kurs der Volkssolidarität / 17 Uhr – August-Bebel-Straße 2 –“Selbsthilfe wächst – Verbände stellen sich vor“

Dienstag, 14 Uhr – Gehlsheimer Straße 20, 18147 Rostock –“13. Suchtsymposium der Universitätsmedizin Rostock

Mittwoch, 8.30 Uhr – Rathaus – Fachtag: „Alkohol am Arbeitsplatz – was kann, darf, sollte ein Arbeitgeber tun?“, Teilnahmebeitrag: 10 Euro

Donnerstag, 10 Uhr –Taklerring 41 – Tag der offenen Tür bei Trockendock e.V. / 14 Uhr – Kleiner Warnowdamm 1b – „Hilfe bei Problemen mit Alkohol –Welchen Weg kann ich gehen?

Es sei ein gesellschaftliches Problem, dass Alkohol so traditionalisiert werde. Schließlich ende eine Abhängigkeit nicht selten mit Darmkrebs oder Leberversagen. Das zeige, wie gefährlich Alkohol ist. Denn körperliche Folgeschäden einiger gefährlicher Drogen wie etwa Heroin seien weit weniger verheerend – „wenn sie rein sind“, sagt Rosenthal.

Mit jedem Schritt ein bisschen stolzer

Für Süchtige, egal welcher Art, sei jeder Schritt entscheidend – der erste sei jedoch der schwierigste und die darauf machen stolz. Die evangelische Suchtberatung Rostock bietet hier eine anonyme Online-Beratung an. Innerhalb der Sprechzeiten kann man die evangelische Suchtberatung von Katharina Rosenthal ebenfalls per Telefon (0381 455128) erreichen.

Die Beratungsstelle bietet nicht nur eine ambulante Therapie, sondern steht den Betroffenen auch zur Seite, wenn man einen stationären Platz benötigt. Darüber hinaus kann man in verschiedenen Selbsthilfegruppen Gleichgesinnte treffen. „Viele versuchen, ihre Abhängigkeit zu verstecken. Denn dafür werden sie stigmatisiert. Doch wir tun das nicht“, sagt Katharina Rosenthal.

Hier bekommen Menschen mit Suchtproblemen Hilfe

In Rostock gibt es unterschiedlichste Anlaufpunkte, an denen suchtkranke Menschen Hilfe erhalten können. Diese Stellen bieten fast alle Rat zu den gängigsten Suchtstoffen wie etwa Alkohol oder Cannabis. Darüber hinaus sind sie auf bestimmte Themen besonders spezialisiert:

Moritz Naumann

Seit 20 Jahren ist Rolf Holstein trocken. Dank stationärer Therapie und einem ehrenamtlichen Engagement hält er die Abstinenz, doch die Gefahr eines Rückfalles ist immer präsent.

17.05.2019

35 000 Besucher zählt der Eselhof in Schlage im Jahr. Zur Eselfamilie gehören nun 16 Grauchen. Neu ist auch ein Stör aus Metall, eine der vielen Raritäten, die Vereinsvorstand Alwin Burkhard besorgt.

17.05.2019

„Es sollte in jedem Unternehmen einen Ansprechpartner für Suchtfragen geben“, sagt Dr. Michael Köhnke. Denn der wirtschaftliche Schaden durch Alkoholkonsum vor oder während der Arbeitszeit ist immens.

17.05.2019