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Rostock Die Lebensretter der „Arkona“: „Wir helfen jedem auf See!“
Mecklenburg Rostock Die Lebensretter der „Arkona“: „Wir helfen jedem auf See!“
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20:34 26.07.2019
Karsten Waßner (59), DGzRS, 1. Vormann auf dem Seenotrettungskreuzer "Arkona" in Warnemünde.
Karsten Waßner (59), DGzRS, 1. Vormann auf dem Seenotrettungskreuzer "Arkona" in Warnemünde. Quelle: Martin Börner
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Rostock

„Wenn jemand auf der Ostsee um Hilfe ruft, dann helfen wir“, sagt Karsten Waßner (59), 1. Vormann auf dem Seenotrettungskreuzer „Arkona“ der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in Warnemünde. Niemand muss sich auf hoher See – wie ein bekanntes Sprichwort suggeriert – allein in Gottes Hand wähnen.

Über ihre Fähigkeiten, ihre Ausrüstung und wie sie Menschen vor dem Tod bewahren, wollen Waßner, seine Crew sowie alle Frauen und Männer der DGzRS entlang der gesamten Ost- und Nordseeküste mit den Menschen, die dort leben, und ihren Gästen ins Gespräch kommen. Am Sonntag, dem 28. Juli (in Wustrow bereits am Sonnabend, dem 27. Juli), wird am Tag der Seenotretter auf deren Kreuzer und Boote eingeladen.

Bildergalerie: An Bord des Seenotrettungskreuzers „Arkona“ aus Warnemünde

An Bord des Seenotrettungskreuzers „Arkona“ der DGzRS in Warnemünde

Bis zu 60 Einsätze jährlich von Warnemünde aus

Waßner und seine Crew – zur Stammbesatzung der „Arkona“ gehören neun Männer, alle im Alter 45 plus – haben jede Menge zu erzählen und zu zeigen. Die Warnemünder fahren pro Jahr mit ihrem 27,5 Meter langen Seenotrettungskreuzer „Arkona“ zwischen 50 und 60 Einsätze. „Jede Woche einen, zumeist weil Sportschiffe in Not sind“, sagt Waßner. Jeweils vier Männer sind immer an Bord, einer ist Springer. Dazu kommen zehn Freiwillige – darunter einige Ärzte –, die den festangestellten Rettern bei allen Aufgaben helfen.

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Waßner, der Chef an Bord, hat Seenotrettung im Blut – bereits seit 30 Jahren. Das erste davon noch vom Schreibtisch aus, ab August 1989 als Oberinspektor für Seenotrettung beim Seefahrtsamt der DDR in Rostock. Nach den Monaten des Umbruchs, auch für das Seefahrtsamt, geht er zum 3. Oktober 1990 bei der DGzRS an Bord: Waßner wird 3. Vormann auf der „Stoltera“. „Zu DDR-Zeiten hatten wir nur 14 fest angestellte Retter an der Ostseeküste“. berichtet er. Alle Retter des Seenotrettungsdienstes der DDR werden 1990 in die DGzRS integriert. Und die habe dann – auch in MV – nicht gekleckert, sondern geklotzt: „Der neue Rettungskreuzer ,Vormann Jantzen‘, eigentlich für die Station im schleswig-holsteinischen Grömitz vorgesehen, wurde am 17. November 1990 in Warnemünde stationiert“, erzählt Waßner. Heute gibt es im Land 17 Stationen mit zurzeit etwa 40 fest angestellten und rund 230 freiwilligen Seenotrettern.

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Gerettete bedanken sich bei DGzRS-Männern

Die eigentliche Aufgabe der Frauen und Männer sei es seit jeher, Schiffbrüchige zu retten. „Wir sind jederzeit bereit, um auf See Leben zu retten“, betont Waßner. In Wirklichkeit seien in den letzten Jahren immer mehr Aufgaben dazu gekommen (siehe Kasten Einsätze). „Alle, die wir lebend an Bord genommen haben, haben auch überlebt. Manche von ihnen kommen heute noch an ihrem ,zweiten Geburtstag‘ vorbei und bedanken sich, andere schreiben uns“, erzählt der 1. Vormann.

Er weiß, für ihre schwierigen Aufgaben müssen seine Männer bei Laune gehalten werden – und deutet auf die kleine Kombüse. Dort steht der 3. Vormann Reiner Scholz (64) und rührt in einem Topf. Es riecht appetitanregend. Was gibt’s denn? „Hühnerfrikassee“, sagt der Chefkoch des Tages. Der Posten geht unter den Rettern immer reihum. Jeder muss sich also anstrengen, seine Kollegen am Esstisch bei Laune zu halten. Auch sonst macht der Seenotrettungskreuzer einen wohnlichen Eindruck. Waßner und seine Kollegen sind sehr zufrieden.

Leben retten auf der Ostsee

Einsätze der Lebensretter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in diesem Jahr auf der Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern (eine Auswahl):

21. Juli: Zwei 40-jährige Männer geraten mit ihrem Sportboot etwa zwei Seemeilen westlich des Darßer Ortes in Seenot. Die Seenotretter eilen mit dem Rettungskreuzer „Theo Fischer“ von der Station Darßer Ort und nehmen die Männer auf. Deren Sportboot sinkt zu dem Zeitpunkt bereits.

17. Juni: Auf dem 24 Meter langen Zweimaster „Atalanta“ westlich der Insel Poel in der Wismarbucht kollabiert ein älterer Passagier. Das Seenotrettungsboot „Wolfgang Wiese“ von der Station Timmendorf (Poel) kommt mit einer Freiwilligen-Besatzung zur Hilfe.

30. Mai: Vier Segler kentern auf dem Strelasund östlich der Insel Dänholm mit ihrer Jolle und stürzen dabei über Bord. Die Crews einer Segelyacht und eines Motorboots verhindern Schlimmeres. Die alarmierten DGzRS-Seenotretter übernehmen die weitere Versorgung der Schiffbrüchigen.

28. Mai: Gleich zwei Mal innerhalb weniger Minuten werden die Seenotretter wegen medizinischer Notfälle auf dem Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 1“ alarmiert. Sowohl ein Mann (53) als auch eine Frau (68) waren unabhängig voneinander schwer erkrankt. Die Besatzung des Seenotrettungskreuzers „Harro Koebke“ der Station Sassnitz bringt die Patientin an Land, ein Hubschrauber von Northern HeliCopter fliegt den Patienten zu einem Krankenhaus in MV.

21. Mai: Im immer dichter werdenden Nebel verliert ein Angler (65) mit seinem kleinen Schlauchboot nordöstlich von Rostock die Orientierung. Seenotretter aus Warnemünde und Wustrow helfen dem Mann, gemeinsam mit einem Windparkversorger sowie der Freiwilligen Feuerwehr Dierhagen.

19. April: Der Seenotrettungskreuzer „Hans Hackmack“ schleppt die auf Grund gelaufene Kogge „Wissemara“ nach Wismar zurück. Geplant war eigentlich eine Ausflugsfahrt der Kogge.

30. März: Das Seekajak eines Anglers kentert etwa eine halbe Seemeile vor dem Ostseebad Kühlungsborn. Die Besatzung eines Motorboots rettete den 42-jährigen Schiffbrüchigen aus der Ostsee. An Bord des Seenotrettungsbootes „Konrad-Otto“ wird der Mann von Seenotrettern weiter versorgt.

21. März: DGzRS-Retter der Station Stralsund bergen einen schwer verletzten Seemann vom Schlepper „Delphin“. Der Mann hatte sich bei einem Schleppmanöver im Gellenstrom vor Barhöft schwer verletzt. Das Seenotrettungsboot „Hertha Jeep“, das Polizeiboot „Werder“ und ein auf Rügen stationierter Rettungshubschrauber von Northern Helicopter helfen.

19. Februar: Das Frachtschiff „Raba“ und der Windparkversorger „World Bora“ kollidieren mehrere Seemeilen nordöstlich von Sassnitz (Rügen). Alle 15 Personen auf dem Windparkversorger werden bei der Kollision verletzt, einige von ihnen schwer. Besatzungsmitglieder des Seenotrettungskreuzers „Harro Koebke“ übernehmen im Sassnitzer Hafen die medizinische Erstversorgung.

Starke Leistung: drei Motoren mit 3400 PS

Ähnlich heiß wie in der Kombüse, aber deutlich lauter, ist es im Maschinenraum. Dort werkeln der 1. Maschinist Matthias Tetzlaff (49) und der Freiwillige Andreas Ott (37) an den Motoren. Das „Maschinchen“ hat eine Menge Pferdestärken unter der Haube. „Der Mittelmotor hat eine Leistung von 1633 PS, die beiden Seitenmotoren haben jeweils 873 PS“, sagt Tetzlaff. Die drei Aggregate bringen den Seenotrettungskreuzer mächtig in Fahrt. Einmal in der Woche werden alle Bereiche an Bord kontrolliert, damit im Einsatzfall alles 100-prozentig funktioniert. Tetzlaff hat 1990 als Freiwilliger bei den Seenotrettern angefangen, seit 2001 ist er fest angestellt.

Kommentar: Auf sie ist Verlass

Die zahmere 250-PS-Maschine im Tochterboot „Caspar“, das im Heckbereich am Mutterschiff andockt, liegt Andreas Ott besonders am Herzen. Der Schiffsingenieur hilft der Stammbesatzung seit 2003 als Freiwilliger. „Das Boot ist sehr wichtig bei den Rettungseinsätzen“, erklärt er. Durch den flachen Tiefgang kämen die Retter bis dicht an verunglückte Segler heran. Das Boot verfüge über eine Bergepforte, die bis zur Wasseroberfläche reicht. „So kann ein Mensch im Liegen aus dem Wasser an Bord gezogen werden, damit wird der sogenannte Bergetod verhindert“, erklärt Ott. Der könne eintreten, wenn durch Aufrichten des Verunglückten kaltes Blut, etwa aus den Armen, zum Herzen gelangt. Der Schiffsingenieur hat es nie bereut, 2003 als Freiwilliger bei der DGzRS eingestiegen zu sein. „Ich kann das nur empfehlen“, sagt er. Dafür müsse man die See natürlich lieben, bei Wind und Wetter auf ihr unterwegs zu sein. Jeder Tag an Bord – nicht nur bei Einsätzen – bringe etwas Neues.

Bernhard Schmidtbauer