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Rostock Theaterkarten: Einhundert gerahmte Erinnerungen
Mecklenburg Rostock Theaterkarten: Einhundert gerahmte Erinnerungen
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18:09 15.01.2019
Annika Haß (25) hat eine besondere Leidenschaft: Sie sammelt die Eintrittskarten ihrer Besuche im Rostocker Volkstheater. Quelle: Lea-Marie Kenzler
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Kröpeliner-Tor-Vorstadt

Von wegen Briefmarken, Kronkorken und Bierdeckel: Was Annika Haß in fünf großen Bilderrahmen in ihrer Wohnung sammelt, sind Eintrittskarten. Aber nicht irgendwelche – Es sind Eintrittskarten ihrer Besuche im Rostocker Volkstheater. Jedes Ticket hat die 25-Jährige sorgsam aufgehoben, geordnet und in einen Rahmen gefasst. Seit fast sechs Jahren hat Annika Haß dieses besondere Hobby. Und zählt mit ihrem einhundertsten Ticket nicht nur Karten, sondern auch Erinnerung.

Am Anfang war die Musik

Die Sammelleidenschaft der Diplom-Ingenieurin geht bereits auf ihr Jugendalter zurück. „Ich habe schon damals gern Klassik gehört und bin davon nicht mehr weggekommen“, erzählt Annika Haß. Zum Theater sei sie über die Musik gekommen. „Musik macht etwas mit mir, bewegt mich“, sagt sie. Deshalb habe die 25-Jährige ihre Liebe zum Schauspiel durch das Musiktheater entdeckt. Heute möge sie alle Sparten, sei fasziniert von „den unterschiedlichen Ausdrucksformen“.

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Meistens besucht Annika Haß das Theater allein und verlässt es mit neuen Bekanntschaften. Mit einem älteren Ehepaar habe sie zuletzt nach der Vorstellung noch lange vor dem Theater gestanden und über das Stück philosophiert. „Das sind oft sehr nette und kluge Bekanntschaften, ein schöner Austausch mit anregenden Gesprächen“, sagt Haß. Wenn sie Freunde mitnimmt, suche sie sich erst ein geeignetes Stück aus, um junge Menschen vom Theater zu überzeugen.

Die Eintrittskarte als Erinnerungsträger

Ungefähr zwei Mal im Monat und meist zu Premieren gehe Haß ins Theater. „Diese einzigartige Vorfreude und Spannung, wie es gelingt, ein Stück auf die Bühne zu bringen, ist immer wieder schön“, erzählt sie über ihre Besuche. Mit dem Theater verbinde sie Glück und Mitgefühl. „Jedes Mal, wenn ich in den Vorführungen sitze, vergesse ich ein wenig die Welt um mich herum.“ Das Interesse dafür habe die junge Dame allein entwickelt. Niemand habe sie als Kind ins Theater gezerrt oder von ihr verlangt, das Schauspiel zu mögen. Manche Stücke schaue sie sich zwei Mal an, um Neues zu entdecken und noch einmal das schöne Flair zu erleben. Als sie in ihrem Wohnzimmer sitzt, schaut sie auf die Rahmen an der Wand. „An all diesen Eintrittskarten hängen Erinnerungen – an schöne Abende, mit Freunden oder allein. Das sehe ich, wenn ich sie mir heute anschaue“, sagt die Sammlerin über ihren Fundus.

Das einhundertste Ticket

Am Anfang landeten die Eintrittskarten noch in der Schublade. Als die nicht mehr ausreichte, begann Annika Haß vor zwei Jahren die Tickets zu sortieren und an die Zimmerwand im Studentenwohnheim zu hängen. Aus den Eintrittskarten mit besonderen Erinnerungen bastelte sie Kollagen mit Programmheften und Bildern. „Ich versuche, jedes Ticket zu rahmen. Irgendwann brauche ich wohl mehr Platz“, sagt sie und grinst. Im Dezember, mit ihrem einhundertsten Besuch, nahm sie schließlich ihre einhundertste Karte und einen Blumenstrauß vom Förderverein mit nach Hause.

Spendenaktion geplant: Theaterkarten für Kinder

Im Theater fand Haß aber nicht nur kluge Bekanntschaften, gute Gespräche, Inspiration und ihr persönliches Glück. Der Theaterbesuch half ihr auch in schwierigen Zeiten, bei Schreibblockaden im Studium oder um den Kopf frei zu kriegen. Deshalb möchte sie dem Theater etwas zurückgeben und plant eine Spendenaktion für Kinder und Jugendliche. „Nicht jedes Kind hat die finanziellen Mittel, ins Theater zu gehen, und das möchte ich ändern“, sagt die 25-Jährige bestimmt. Die Entwicklungen des Theaters, insbesondere den geplanten Neubau, beobachte sie mit Freude, könne aber auch Menschen verstehen, die dieser finanziellen Herausforderung zunächst skeptisch begegnen. „Die Menschen gehen gern ins Theater und das sollte man unterstützen“, sagt Haß. „Das Theater braucht ein repräsentatives Gebäude genauso wie Konstanz und Ruhe.“ Deshalb setzt sich die junge Frau für das Theater ein. Und sammelt sie weiter – die kleinen Karten mit großen Erinnerungen.

Lea-Marie Kenzler

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