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Rostock Thilo Sarrazin in Rostock: „Bald hat der Islam bei uns das Sagen“
Mecklenburg Rostock Thilo Sarrazin in Rostock: „Bald hat der Islam bei uns das Sagen“
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15:45 22.03.2019
Thilo Sarrazin stellte in der Rostocker Hansemesse vor 200 Zuhörern sein aktuelles Buch "Feindliche Übernahme" vor.
Thilo Sarrazin stellte in der Rostocker Hansemesse vor 200 Zuhörern sein aktuelles Buch "Feindliche Übernahme" vor. Quelle: Gerald Kleine Wördemann
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Rostock

Mittwochabend, 19.04 Uhr. Das Heimspiel in der Hansemesse beginnt fast pünktlich auf die Minute. Ein Verlagsmitarbeiter bittet darum, den Gast „mit einem stürmischen Applaus“ zu begrüßen. Vor dem Rostocker Messegebäude protestiert eine kleine Gruppe von der Linksjugend. Weil die Demonstranten zu spät gekommen sind, schauen nur ein paar Polizisten zu. Thilo Sarrazin betritt den holzvertäfelten Raum. Lautes Klatschen brandet auf. Einige der 200 Zuhörer stehen auf. „Es werden vor allem Fans da sein“, hatte Julian Nebel, Pressesprecher der Münchner Verlagsgruppe vorher gesagt.

Der umstrittene Autor, Ex-SPD-Politiker und Ex-Spitzen-Bürokrat (Bahn, Bundesbank) stellt in Rostock sein aktuelles Buch „Feindliche Übernahme“ vor. Seit seinem Durchbruch 2010 auf den Bestsellerlisten mit „Deutschland schafft sich ab“ war es leiser geworden um ihn. Weitere Bücher erschienen, von denen aber deutlich weniger Beachtung fanden. Nun läuft es wieder besser: Der Verlag Random House weigerte sich, das neue Buch herauszubringen. Beschuldigungen und Prozesse folgten, schließlich sprang der kleinere Verlag aus München ein. Nach der Lektüre startete die SPD ihr mittlerweile drittes Parteiausschlussverfahren gegen den Autor. Ziel erreicht: Sarrazin hat es wieder in die Schlagzeilen geschafft. Mit dem Trubel stieg die Auflage: „Feindliche Übernahme“ verkaufte sich bisher 270 000 Mal, wieder deutlich mehr als die Vorgänger. Es sei das bestverkaufte Sachbuch 2018, „da bin ich stolz drauf“, sagt Sarrazin in Rostock.

Alle Muslime sind ungebildet, kriminell und bekommen viele Kinder

Verkürzt und zugespitzt lässt sich die Aussage des Buches, die der Autor an diesem Abend skizziert, so zusammenfassen: Muslime sind ungebildet, kriminell und bekommen viel mehr Kinder als Nichtmuslime. Wegen Letzterem werden sie in Deutschland „in 40 bis 60 Jahren“ das Sagen haben. Nicht nur für die SPD und Kritiker in den Medien ist das offener Rassismus. Sarrazin verunglimpfe pauschal eine ganze Bevölkerungsgruppe. Der Autor baut vor: Es gebe ja schließlich Männer, die kleiner sind als die Durchschnittsgröße von Frauen, obwohl die ja wiederum fast immer kleiner sind als Männer. Mit dieser umständlichen Erklärung zu Beginn seines Vortrags wollte er vermutlich verklausuliert sagen, dass nicht alle Muslime gleich sind. Es bleibt die einzige Relativierung. Sonst kennt Sarrazin für Islamgläubige keine Barmherzigkeit – obwohl er ausgerechnet ihnen den Mangel daran vorwirft, und zwar gegenüber Andersgläubigen.

Um diese „Bedrohung für die ganze Welt“ zu stoppen, fordert Sarrazin, dürfe Einwanderung nur noch aus nicht-muslimischen Ländern stattfinden. Die Muslime, die schon da sind, will das Noch-SPD-Mitglied „systematisch erfassen“ und durchleuchten lassen: Wie viele sind kriminell, leben von Hartz IV, schaffen einen Schulabschluss? Mit den Ergebnissen konfrontiert, sollten die Betroffen dann über sich nachdenken und sich ändern. Man müsse sie „in eine Debatte zwingen“. Manche halten das für einen diskussionswürdigen Ansatz, andere fühlen sich an die Nürnberger Rassegesetze erinnert.

Für zwei Sekunden herrscht eisige Stille im Saal

Knapp die Hälfte des Abends beantwortet Sarrazin Fragen aus dem Publikum. Das vorherrschende Thema ist der geplante Moscheeneubau in Rostock. Der sei beunruhigend, sagt Kommunalpolitikerin und Ex-AfD-Mitglied Sonja Schweinitz, „gerade für mich als Frau“. Wie kann man den Bau verbieten? Hier lässt der Meister seine Fans hängen. „Man muss zur Religionsfreiheit stehen“, sagt Sarrazin und ist auf einmal nur noch strenger Bürokrat. „Sie wollen ja wohl nicht den Rechtsstaat abschaffen.“ Plötzlich ist da etwas im Raum, was vorher nicht da war. Zwei Sekunden eisige Stille. Kein Klatschen.

Nur einer von rund einem Dutzend Fragestellern gibt sich als Kritiker zu erkennen und fragt nach Fachkräftemangel und Einwanderung. Der Kritisierte reagiert gönnerhaft. Der junge Mann müsse nur das Buch lesen, dann werde er nicht mehr so etwas sagen. Und überhaupt: Alle sollen das neue Buch kaufen, und auch die anderen, die davor erschienen sind. An dieser Stelle wirkt es wie ein Heilsversprechen, was er da verkündet, der Prophet und seine Heilige Schrift.

Gerald Kleine Wördemann